Vergemeinschaftung von Risiken

Wissenschaftler schlagen synthetischen Euro-Bond vor


Wissenschaftler schlagen synthetischen Euro-Bond vorNews

Zwei namhafte Wissenschaftler haben die Schaffung einer synthetischen Euro-Staatsanleihe vorgeschlagen, die die Europäische Zentralbank (EZB) zum Zweck der quantitativen Lockerung (QE) anstelle einzelner nationaler Staatsanleihen kaufen könnte. Ihr Vorteil: Die EZB würde nicht klassische Staatsanleihen kaufen und sich damit auch nicht dem Vorwurf der Staatsfinanzierung mit der Notenpresse aussetzen. Der Vorschlag zielt aber nicht nur auf ein möglicherweise bevorstehendes QE, sondern hat auch eine regulatorische Dimension.

Nach den Vorstellungen von Luis Garicano (London School of Economics) und Lucrezia Reichlin (London Business School) soll die EZB nämlich auch nicht die gesamte Euro-Anleihe kaufen, sondern nur ein daraus abgeleitetes Papier, das auf den sichersten 60 Prozent der Ursprungsanleihe beruht. Dieses "sichere Wertpapier" soll nach Vorstellung der Autoren künftig auch die einzige Staatsanleihe sein, für die Banken in ihrer Bilanz kein Eigenkapital vorhalten müssen.

Reichlin arbeitet neben ihrer akademischen Tätigkeit seit 2009 für die italienische Großbank UniCredit, deren Risikoausschuss sie angehört. Von 2005 bis 2008 leitete die Italienerin das Generaldirektorat Forschung der EZB.

Garicano und Reichlin schlagen im einzelnen Folgendes vor: Die EZB gibt bekannt, dass sie im Rahmen von QE nur ein bestimmtes Wertpapier aufkaufen würde, dass auf den sichersten 60 Prozent einer nach EZB-Kapitalschlüssel gewichteten synthetischen Euro-Staatsanleihe beruht. Auf diese Nachricht hin würden Finanzmarktakteure ein solches Produkt selbst kreieren.

Zugleich würden die neue Bankenaufsicht SSM und die EZB mitteilen, dass nur noch die so entstandenen sicheren Wertpapiere bei der Berechnung von Eigenkapital- und Liquiditätskennziffern als risikofrei gelten. Als eine andere Möglichkeit sehen die Autoren die Einführung eines Konzentrationsverbots für Staatsschulden in Bankbilanzen vor, von dem besagtes "sicheres Wertpapier" ausgenommen wäre.

Als positive Folgen ihres Vorschlags heben die Autoren zwei hervor. Ersten: Die "geografische Konzentration" der Flucht in sichere Papiere würde reduziert. Das bedeutet, Deutschlands und Frankreichs Privileg einer billigen Refinanzierung würde leiden. Zweitens: Länder wären bei der Verschuldung zurückhaltender, weil der Bankrott eines Staats die Bankbilanzen nicht mehr so sehr in Mitleidenschaft ziehen würde.

Zudem würde die schädliche Verbindung zwischen Banken und Staatsfinanzen durchbrochen und die geografische Fragmentierung der europäischen Finanzmärkte gemildert.

Für die auf dem Markt befindlichen Staatsanleihen und die in sie investierten Banken hätte das allerdings auch negative Konsequenzen. Der gleitende Übergang von klassischen Staatsanleihen zu "sicheren Wertpapieren" wäre nämlich mit einem Verzicht auf höhere Renditen verbunden und würde den Gewinn schmälern. Zudem würde die Einführung von Risikogewichten auf Staatsanleihen die Finanzierungskosten schwächerer Länder erhöhen.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht in dem Vorschlag den Versuch, durch die Hintertür eine gemeinsame Staatsanleihe, also eine Vergemeinschaftung von Risiken, einzuführen. "Der Regulator würde den synthetischen Bond bevorzugen und damit implizit Nachfrage nach allen Staatsanleihen der Euroraum-Staaten schaffen. Davon würden natürlich besonders die schwächeren Schuldner-Staaten profitieren", sagte er.

[ Bildquelle Titelbild: © NathalieVanBergen - Fotolia.com ]
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