Der Anteil der Unternehmen, die ihre Zinszahlungen nicht mehr ausreichend aus dem operativen Ergebnis decken können, steigt. Dies zeigt eine aktuelle Sonderauswertung der Untersuchung "Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2026" der Creditreform Wirtschaftsforschung. Spätere Insolvenzen kündigen sich bereits frühzeitig an.
Nach zwei Jahren Rezession und einem Jahr Stagnation kommt die deutsche Wirtschaft auch in ihrem vierten Krisenjahr in Folge kaum voran. So halbierte etwa das Institut der deutschen Wirtschaft im Mai seine Wachstumsprognose für 2026 auf nur noch 0,4 Prozent.
Die anhaltend schwache Konjunktur führte zu rückläufigen Umsätzen und Erträgen. Dadurch verschlechterte sich die Fähigkeit von Unternehmen, ihre Kreditverpflichtungen zu erfüllen. Gleichzeitig stieg die Kreditbelastung der Unternehmen, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) im Zuge der Inflationsbekämpfung 2023 die Zinsen erhöht hatte. Unternehmenskredite waren dadurch spürbar teurer geworden.
Zinsdeckungsgrad bei 7,5 Prozent der Unternehmen zu gering
Eine Auswertung der Creditreform Wirtschaftsforschung auf Basis von knapp 60.000 Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen zeigt nun, dass eine zunehmende Zahl von Betrieben eine unzureichende Zinsdeckung aufweist. Bei 7,5 Prozent der untersuchten Unternehmen liegt der Zinsdeckungsgrad unter 1. Das operative Ergebnis reicht in diesen Fällen nicht aus, um die anfallenden Zinszahlungen zu decken. Im Jahr 2015 traf dies lediglich auf 6,5 Prozent der Unternehmen zu.
Dazu muss man wissen: Die Zinsdeckung ist eine wichtige Kennzahl zur Beurteilung der Fähigkeit eines Unternehmens, seine Kreditzinsen aus dem operativen Ergebnis zu bedienen. Sie setzt das Betriebsergebnis ins Verhältnis zum Zinsaufwand. Die Unternehmen sollten dieser Kennzahl deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken, weil Banken sie zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit und Investoren zur Bewertung von Ausfallrisiken nutzen. Den Firmen selbst dient sie zur Beurteilung der eigenen finanziellen Stabilität. Darüber hinaus beeinflussen weitere Faktoren wie die Bonität, die Eigenkapitalquote und vorhandene Sicherheiten die Finanzierungskosten eines Unternehmens und damit die Höhe der zu zahlenden Kreditzinsen.
Zinsbelastungen aus laufendem Geschäft zu tragen, wird schwieriger
Wie die aktuelle Sonderauswertung der Untersuchung von Creditreform "Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2026" zeigt, ist es offenbar in allen Hauptwirtschaftsbereichen schwieriger geworden, die Zinsbelastungen aus dem laufenden Geschäft zu tragen. Besonders im Dienstleistungssektor verfügen aktuell viele Unternehmen über keine ausreichende Zinsdeckung; dies trifft auf 9,1 Prozent der Betriebe zu. Den stärksten Anstieg verzeichnete jedoch der Handel: Dort erhöhte sich der Anteil der betroffenen Unternehmen in den vergangenen Jahren von 4,9 auf 6,3 Prozent.
Für knapp ein Fünftel der untersuchten Unternehmen gilt: Ihre Schuldensituation ist angespannt, aber noch tragfähig. In dieser Gruppe liegt die Zinsdeckung zwar über 1, aber unter 3. Die Kreditrisiken sind dennoch erhöht. Zwar reicht das operative Ergebnis aus, um die Zinsaufwendungen zu decken. Allerdings ist der finanzielle Spielraum begrenzt – geht das Ergebnis zurück, wird es brenzlig.
Entspannte Lage bei drei von fünf Betrieben
Die gute Nachricht: Trotz der angespannten Lage verfügt die Mehrheit der Unternehmen (61,4 Prozent) über eine komfortable Schuldentragfähigkeit mit einem Zinsdeckungsgrad von mehr als 5. Seit 2015 hat dieser Anteil um rund drei Prozent zugenommen. Diese Entwicklung zeigt sich jedoch nicht in allen Wirtschaftssegmenten. So liegt der Anteil der Handelsunternehmen mit komfortabler Schuldentragfähigkeit heute unter dem Niveau von 2015. Auch bei Großunternehmen lässt sich ein rückläufiger Trend beobachten. Dagegen erhöhte sich der entsprechende Anteil bei kleinen und mittleren Unternehmen von 60 auf 64,7 Prozent.
Deutlich wird: Die Krisenjahre haben zu einer stärkeren Differenzierung innerhalb des Unternehmenssektors geführt. Einerseits liegt die Zinsbelastung für einen Teil der Unternehmen heute höher als während der Niedrigzinsphase und der konjunkturstarken Jahre vor 2020, andererseits profitiert eine wachsende Zahl von Unternehmen von einer soliden und komfortablen Zinsdeckung. Dazu könnten verschiedene Faktoren beigetragen haben. So dürfte die verringerte Abhängigkeit von Bankfinanzierungen eine Rolle spielen – aber auch Effizienzgewinne und Produktivitätssteigerungen. Denn dies ermöglicht höhere Margen, was wiederum die Auswirkungen steigender Finanzierungskosten abgemildert haben dürfte.
Insolvenzen kündigen sich lange vorher an
Betrachtet man ausschließlich Unternehmen mit Insolvenzkennzeichen, zeigt sich erwartungsgemäß eine deutlich schwächere Zinsdeckung. Bei Unternehmen, die im Jahr 2025 ein Insolvenzkennzeichen aufwiesen, lässt sich bereits in den Jahren vor der Insolvenz eine kontinuierliche Verschlechterung erkennen. So zeigten im Geschäftsjahr 2023 – und damit mehr als ein Jahr vor der Insolvenz – fast 19 Prozent dieser Unternehmen einen unzureichenden Zinsdeckungsgrad von unter 1. Gleichzeitig verringerte sich der Anteil der Unternehmen mit komfortabler Zinsdeckung seit dem Geschäftsjahr 2020 deutlich – von 52,1 auf nur noch 32,9 Prozent im Jahr 2023.
Die Auswertungen zeigen, dass sich die finanzielle Ausgangslage der Insolvenzkandidaten des Jahres 2025 bereits mehrere Jahre vor der Insolvenz gegenüber dem Durchschnitt aller Unternehmen merklich verschlechtert hatte. Zwar können hierbei auch strukturelle Unterschiede zwischen den Unternehmen eine Rolle spielen, die Ergebnisse liefern jedoch deutliche Hinweise auf bereits früh vorhandene wirtschaftliche Schwächen, die letztlich in einer Insolvenz mündeten.
[Quelle: Creditreform Wirtschaftsnews vom 17. Juli 2026]




