Internationale Politik und Sicherheit nach der Corona-Krise

Neue Ära der Großmachtkonflikte


Redaktion RiskNET
Interview

Geopolitik heißt heute wieder eine verstärkte Konfrontationspolitik zwischen politischen Systemen, um die Deutungshoheit und den politischen sowie wirtschaftlichen Einfluss.

Hierzu tragen zunehmend Spannungen auf globaler Ebene bei, aber auch regionale Grenzstreitigkeiten, Kriege und Terror. Hinzu kommen wirtschaftliche Auseinandersetzungen um Rohstoffe, Marktzugänge und neue Infrastrukturprojekte. Kurzum: Die geopolitische Welt befindet sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale, in einem massiven Erosionsprozess. Zu dieser Erkenntnis kommt Professor Günther Schmid, Experte für internationale Sicherheitspolitik, im Rahmen seiner Eröffnungs-Keynote des RiskNET Summit 2020. Und er folgert mit Blick auf die aktuelle Corona-Pandemie: Die Corona-Krise hat bestätigt, dass alle Trends, die wir bisher schon hatten, noch verstärkt werden.

Was das heißt, das schließt Schmid direkt mit der Aussage an: "Anarchische Staaten werden noch anarchischer, autoritäre Staaten noch autoritärer, wie China oder Russland." Nach seinen Worten erleben wir eine Erosion der regelbasierten und zugleich liberalen Weltordnung. Dieser Prozess wird auch durch eine Umgehung multilateraler Organisationen beschleunigt – von der UNO bis zur Weltgesundheitsorganisation. Hauptakteure dabei sind neben China und Russland die USA. Mit Verweis auf den US-Präsidenten Donald Trump werde nach den Worten Schmids ein Wettbewerbsklima heraufbeschworen. Ein Thema, das mit der Abwahl Trumps nicht beendet ist und die US-Außenpolitik weiterhin bestimmen wird.

Gleiches gilt für China, das die weltweite Technologieführerschaft erringen will. Und auch Russland sucht nach einer neuen geopolitischen Ordnung. Damit haben wir es mit drei geopolitischen Konzepten zu tun, die unvereinbar miteinander sind. In diesem Zusammenhang sieht Schmid die globale regelbasierte Weltordnung als Vergangenheit an. Wir werden zukünftig in einer "Multi-Ordnungswelt" leben. In einer Welt nebeneinander konkurrierender Ordnungssysteme. Damit sei nach Schmids Worten die "Hyperglobalisierung" vorbei. "Wir erleben eine neue Regionalisierung", so Schmid. Das heißt vor allem: Wir sehen die Rückkehr der Großmachtrivalität und eine neue Ära der Großmachtkonflikte. Damit einher gehe eine Konstellation konkurrierender Ordnungen, einem Nebeneinander verschiedener Teilordnungen.

Für Schmid gehe es um das Verhindern einer globalen und zugleich gemeinsamen Krisen- und Wirtschaftspolitik. Er untermauert diesen Ansatz unter anderem mit der Einschätzung, wonach es kein neues Handelsabkommen zwischen den USA und China geben werde. Und doch sind beide wirtschaftlich eng miteinander verflochten. So sind die USA beispielsweise der größte Abnehmer chinesischer Produkte. In dieser geopolitischen Gemengelage steht die deutsche Außenpolitik vor einem strategischen Wandel. Denn neben einem zunehmenden Aufweichen der globalen und zugleich regelbasierten Weltordnung, liegt auch das transatlantische Verhältnis zwischen Europa und den USA mehr oder weniger in Trümmern. Und auch das wirtschaftliche Exportmodell hierzulande ist durch einen geopolitische Machtverschiebung unter Druck geraten. Mit Blick auf Deutschland sieht der Experte für internationale Sicherheitspolitik eine Zerreißprobe in der Frage der Positionierung zwischen China und den USA. Die Krux dabei ist, dass Deutschland massiv vom internationalen Handel und den damit zusammenhängenden globalen Lieferketten abhängig ist.

Die RiskNET-Redaktion sprach im Rahmen des RiskNET Summit 2020 mit Professor Günther Schmid, Experte für internationale Sicherheitspolitik, über eine geopolitische Welt im Umbruch – einhergehend mit einer Zeitenwende im außenpolitischen Bereich – und einer Globalisierung auf der "Isolierstation".

 

 

[ Bildquelle: RiskNET GmbH | Peter Hartmann ]
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