Risiko der "Stagflation"

Kampf um runde Zahlen


Kampf um runde Zahlen: Risiko der "Stagflation"Kolumne

Der Dax und der EuroStoxx 50 kämpfen derzeit um die runden Zahlen 15.000 und 4.000 Punkte. Wie so oft werden diese Marken als "psychologisch" wichtig eingestuft. Wahrscheinlicher ist, dass solche Marken in vielen Algorithmen eine Rolle spielen und ein Unterschreiten dieser Marken die ein oder andere Verkaufswelle auslösen. Solange noch ein paar Menschen parat stehen, um die dann niedrigeren Kurse zu Käufen zu nutzen, sind die Aktienmärkte dennoch unterstützt. Kurzfristig belastet vor allem die Handelsaussetzung der Evergrande-Aktien in Hongkong, was auf eine wahrscheinliche Abwicklung bzw. endgültige Pleite dieses Unternehmen hindeutet. Immerhin scheint ein "Lehman-Effekt", also eine Ansteckung auf andere Unternehmen bzw. Sektoren verhindert worden zu sein. Allerdings werden nun sicherlich hoch verschuldete Unternehmen mit Argusaugen betrachtet werden. Deren Finanzierungsbedingungen werden schlechter und teurer werden.

Einflussreiche Volkswirte wie Ex-US-Finanzminister Larry Summers oder Ex-IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff blicken in mittelfristiger Hinsicht besorgt auf den Zustand und die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. Die sich abschwächenden Wachstumsraten aufgrund hoher Kosten und wegen der Lieferengpässe treffen aktuell auf sehr hohe Inflationsraten. Schnell ist da die Analogie zu den 70er-Jahren gezogen, als die "Stagflation" (wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitig hoher Inflation) zu einer veritablen Wirtschaftskrise führte. 

Zumindest die Volkswirte der Welthandelsorganisation (WTO) geben Entwarnung, denn sie konstatieren, dass sich der Güterhandel von den pandemiebedingten Einbrüchen schneller erholt als erwartet. Zudem sitzen Konsumenten weltweit auf dicken Polstern aus Ersparnissen, die das Wachstum in 2022 befeuern dürften. Voraussetzung wäre natürlich, dass die Inflationsraten wirklich nur "transitorischer", also vorübergehender Natur sind, wie die US-Zentralbank Fed nicht müde wird zu behaupten. Einzelne Fed-Mitglieder und auch Volkswirte in Europa schwenken allerdings bereits zu der Meinung über, das sich die Inflationsraten zwar ermäßigen, aber dennoch auf höherem Niveau verharren könnten. Die Jahresendrally und übliche saisonale Herbstbelebung dürfte vor diesem unsicheren Umfeld ausfallen oder zumindest auf dünnen Beinen daher kommen. Zunächst muss jedoch noch der oft volatile Oktober überstanden werden. 

Die politischen Parteien in Deutschland wären froh, wenn sie um runde Zahlen kämpfen dürften. Weder für die SPD noch für die Union ist die 30%-Marke in Reichweite und die Partei der Grünen und die FDP haben zwar bei der Bundestagswahl respektable Ergebnisse erzielt, die sie nun in die Lage versetzen, den künftigen Bundeskanzler zu bestimmen, sie sind aber ebenfalls weit von der 20%--Marke entfernt. Für die Entwicklung der Aktienmärkte in Deutschland und Europa wäre es wichtig, dass so schnell wie möglich eine stabile Regierung gebildet werden kann. Zu lösende Probleme gibt es genug. Für ein Problem könnte wohl eine Lösung gefunden worden sein, da gestern eine Produktionsanlage für CO2-neutrales Kerosin eingeweiht wurde. Sollte sich das Verfahren durchsetzen und weltweit Anwendung finden, wird die Hoffnung gestärkt, dass der Flugverkehr weitgehend klimaneutral von statten gehen könnte. Ein Beispiel, welches zeigt, dass Innovationen und Forschergeist doch in der Lage sind, Gutes für den Kampf gegen den Klimawandel zu bewirken. Wenn die Politik beherzigt und zum Beispiel den Verbrennermotor nicht blind verbietet, sondern viele Arbeitsplätze durch die Fortführung dieser Technologie mit CO2-neutralem Treibstoff sichert, wären für die eine oder andere Partei sicherlich auch wieder Wahlergebnisse jenseits der nächsthöheren runden Zahl möglich.

Autor:

Michael Beck 

Leiter Asset Management 
Bankhaus ELLWANGER & GEIGER AG 

[ Bildquelle Titelbild: Adobe Stock.com / Leka ]
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