Die globalen Risiken nehmen zu

Fünf Schwachpunkte der Weltwirtschaft


Fünf Schwachpunkte der Weltwirtschaft News

Die Weltwirtschaft befindet sich nicht im Auf- sondern im Abschwung. Die Wachstumsraten gehen zurück (siehe Grafik). Die Stimmung verschlechtert sich. Die Risiken nehmen zu. Das hängt nicht so sehr mit dem angekündigten Kurswechsel der amerikanischen Geldpolitik zusammen, der die Finanzmärkte derzeit irritiert. Es ist auch nicht nur ein vorübergehendes konjunkturelles Phänomen. Vielmehr gibt es eine Reihe von längerfristigen Strukturverschiebungen.

Das waren für mich wichtige Punkte, die ich in der vorigen Woche von der Frühjahrstagung des Institute of International Finance in Paris mitgenommen habe. Alle sechs Monate treffen sich bei diesen Tagungen Vertreter der weltweiten Financial Community zu einem Meinungsaustausch. Für mich sind diese Treffen immer eine Gelegenheit, mein Bild von der globalen Welt zu überprüfen und aufzufrischen. Hier ein paar Eindrücke.

Wachstum verlangsamt sich: Zunahme des BIP in % gegenüber Vorjahr [Quelle: IWF, 2013 eigene Schätzung]
Wachstum verlangsamt sich: Zunahme des BIP in % gegenüber Vorjahr [Quelle: IWF, 2013 eigene Schätzung]

Verglichen mit der Stimmung vor einem halben Jahr – damals in Tokio – gibt es derzeit nicht nur einen Schwachpunkt der Weltwirtschaft (damals der Euroraum), sondern fünf. Jeder Einzelne ist bekannt und scheint manageable. Alle zusammen stellen aber eine unangenehme Mischung dar.

Der erste Schwachpunkt: Das Wachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer verlangsamt sich um ein bis zwei Prozentpunkte. Das zeigt sich rund um die Welt, von Asien über Lateinamerika bis hin zu den "Emerging Markets" in Europa. Von Brasilien über Indien bis hin zu Russland und der Türkei. BRICs ist out. Die Gründe liegen zum Teil in der langsameren Zunahme der Bevölkerung, zum Teil im Ende des "Superzyklus" bei den Rohstoffen.

Darüber hinaus verlangsamt sich der Anstieg der Produktivität durch eine geringere Zunahme der internationalen Arbeitsteilung. In Indien und Brasilien hat sich die Wirtschaftspolitik verschlechtert. In jedem Fall sind die Märkte für die Exporteure aus den Industrieländern weniger aufnahmefähig.

Zweiter Schwachpunkt: China. Experten beziffern das Expansionspotenzial im Reich der Mitte langfristig auf nur noch auf 5 bis 5,5 Prozent (derzeit 7,5 Prozent). Wichtig dafür ist auch hier die Demographie. Hinzu kommt, dass soziale Stabilität für die neue chinesische Führung wichtiger ist als Wachstum. Die Unruhen, die in den letzten Wochen bei der Beschränkung des Kreditwachstums von Banken und Schattenbanken entstanden sind, zeigen, wie schwierig dieser Übergang zu managen ist.

Zu den Schwachpunkten wurde von manchen auch Japan gerechnet. Am Ziel der Abenomics, der Belebung des Wachstums und der Überwindung der Deflation, zweifelt niemand. Fragezeichen gibt es aber, ob es gelingen wird, dazu die strukturellen Rigiditäten der Wirtschaft aufzubrechen. Wenn Tokio das nicht schafft, bleibt von Abenomics nur eine Blase.

Die USA zählen normalerweise nicht zu den Schwachpunkten. Sie sind die einzigen, die wieder den konjunkturellen Normalzustand erreicht haben. Die Wirtschaft braucht keine geldpolitische Stütze mehr. Die Auswirkungen des Kurswechsels der Fed werden sich daher in Grenzen halten. Es wurde jedoch darauf hingewiesen, dass das gesamtwirtschaftliche Wachstum im Augenblick überschätzt wird. Die Verringerung der Staatsausgaben (Sequester) ist in den bisher bekannten Zahlen noch nicht enthalten. Man sollte daher nicht überrascht sein, wenn nicht nur das zweite Quartal enttäuschend ausfällt, sondern auch das dritte.

Fünfter Schwachpunkt: Der Euroraum. Zwar rechnet heute niemand mehr mit einem Zusammenbruch der gemeinsamen Währung. Es werden auch die Erfolge der Schuldnerländer bei der Verbesserung der Leistungsbilanzen und der öffentlichen Haushalte anerkannt. Woran es aber nach wie vor mangelt, sind ausreichende strukturelle Reformen zur Stärkung der Wachstumskräfte und der Wettbewerbsfähigkeit. Wenn sich hier die Situation in den nächsten zwölf Monaten nicht verbessert, dann – so ein Banker – könnten die globalen Investoren (vor allem auch die asiatischen) die Geduld verlieren und beginnen, sich aus Europa zurückziehen.

Von Vertretern Frankreichs hörte man in Paris die üblichen Forderungen nach strukturellen Reformen in ihrem Land zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Interessant jedoch: Frankreich sieht sich nicht auf einer Stufe mit den südeuropäischen Schuldnerländern. Es habe wesentlich bessere demographische Bedingungen. Es habe auch ein großes Potenzial an inländischer Ersparnis. Das erklärt, dass die Bond Spreads des Landes immer noch relativ gering sind.

 

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

 

 

[Bildquelle: © Kundra - Fotolia.com]

Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion /09.07.2013 07:23
+++ Deutsche Produktionsdaten im Mai mit Schwächeanfall +++

Schwache Produktionsdaten im Mai haben den Hoffnungen auf ein Anziehen der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal einen Dämpfer verpasst. Der Ausstoß im produzierenden Gewerbe ging im Mai stärker zurück als erwartet. Die Produktion sank gegenüber April preis-, kalender- und saisonbereinigt um 1,0 Prozent, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Volkswirte hatten nur einen Rückgang um ein halbes Prozent vorausgesagt.

Besonders die Baubranche verhagelte im Mai die Bilanz. Nach einem außerordentlich starken Plus im April büßte der Sektor 2,6 Prozent ein. Die Industrie verlor 0,7 Prozent. Nach deutlichen Anstiegen in den Vormonaten ging die Produktion von Investitionsgütern im Mai um 2,3 Prozent zurück. Die Fertigung von Konsumgütern blieb nahezu unverändert. Mit einem Plus von 1,0 Prozent setzten die Hersteller von Vorleistungsgütern ein positives Zeichen.

Etwas besser als zunächst gemeldet lief es für Bau und Industrie im April. Statt um 1,8 konnte der Ausstoß um 2,0 Prozent gesteigert werden.

Trotz der enttäuschenden Daten waren die Fachleute von Wirtschaftsminister Philipp Rösler verhalten optimistisch. Die Industrieproduktion sei weiter aufwärts gerichtet. Die Stimmungsindikatoren deuten laut Wirtschaftsministerium außerdem darauf hin, dass sich die Erholung insgesamt leicht gedämpft fortsetzen dürfte. Ob es noch dazu reicht, im zweiten Quartal eine bessere Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als in den ersten drei Monaten zu schaffen, ist aber offen. Im ersten Quartal hatte das BIP um 0,1 Prozent zugelegt.
RiskNET Redaktion /05.07.2013 05:35
+++ IWF drängt Italien zur Verwirklichung der Reformversprechen +++

Nur wenn Italien die angekündigten Strukturreformen auch in die Tat umsetzt, wird es zu einem höheren Wachstum zurückkehren. Zu dieser Einschätzung kommt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem neuesten Ausblick auf das Euro-Schwergewicht. Für das laufende Jahr sehen die Experten aus Washington aber noch schwarz. Die Wirtschaft wird voraussichtlich um 1,8 Prozent schrumpfen, bevor sie im nächsten Jahr wieder leicht zulegen kann.

Die italienische Politik habe es dank der Sparpolitik geschafft, die Neuverschuldung dieses Jahr im Zaum zu halten. Für die folgenden Jahre müsse aber mehr getan werden. Am besten wären laut IWF weitere Einsparungen und geringere Steuern. Die von Ex-Premier Mario Monti eingeführte, höchst unbeliebte Steuer auf das eigene Haus oder die eigene Wohnung soll aber beibehalten werden. Die neue große Koalition unter Ministerpräsident Enrico Letta hat aber angekündigt, die Abgabe auf die Probe zu stellen. Vor allem die konservative Volkspartei des ehemaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi macht sich für die Abschaffung stark.

Das größte Risiko für das südeuropäische Euro-Mitglied sieht der Währungsfonds aber im eigenen, zur Instabilität neigenden Regierungssystem. Die italienische Industrie leide vor allem unter hohen Energiepreisen, die 40 Prozent über dem Niveau Frankreichs lägen.

Finanzminister Fabrizio Saccomanni sagte dem Wall Street Journal nach Veröffentlichung des IWF-Berichts, dass er sich die von einigen Fachleuten geforderten Erleichterungen für Banken genau ansehen werde. Die Geldhäuser, so der Vorschlag, sollen Verluste auf faule Kredite von ihrer Steuerlast abziehen dürfen. Damit hätten sie mehr Luft, um Betrieben mehr Geld zu leihen. Die italienischen Unternehmer stöhnen darüber, kaum noch Kredite zu bekommen.
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