Bundesbank-Analyse

Frühwarnindikatoren verdüstern sich weiter


Bundesbank-Analyse: Frühwarnindikatoren verdüstern sich weiter News

Innerhalb weniger Wochen geriet die Weltwirtschaft infolge der Coronakrise in eine tiefe Rezession. Insbesondere die weitreichenden Lock-Down-Maßnahmen lasten vielerorts schwer auf der Wirtschaftsaktivität. In China, dem Ausgangspunkt der Pandemie, stand in der ersten Februarhälfte 2020 das Wirtschaftsleben weitgehend still. Ähnliche Entwicklungen folgten in vielen anderen Ländern rund um den Globus.

Der außergewöhnlich starke Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland um saison- und kalenderbereinigt 2,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal sei umso bemerkenswerter, als die Wirtschaft in den ersten beiden Monaten des Quartals noch auf breiter Basis expandiert sei, es im März dann aber einen Einbruch gegeben habe, so die Bundesbank-Experten im aktuellen Monatsbericht (Mai 2020). Da die Eindämmungsmaßnahmen im April fortbestanden und es trotz Lockerungen weiterhin substanzielle Einschränkungen geben dürfte, erwarten die Fachleute für das zweite Quartal eine noch erheblich niedrigere Wirtschaftsleistung.

Die Pandemie hätte das Wirtschaftsgeschehen in Deutschland auf breiter Front getroffen, heißt es in dem Bericht. Betroffen seien viele konsumnahe Dienstleistungsbranchen, die ihre Geschäftstätigkeit stark einschränken oder sogar einstellen mussten. Hierzu zählten das Gastgewerbe, große Teile des stationären Einzelhandels, Reisedienstleister, andere freizeit- und kulturbezogene Dienstleistungen und die Personenbeförderung. Auch das Verarbeitende Gewerbe sei von den Beschränkungen im Inland beeinträchtigt. Hier sorgten zudem die rückläufige Nachfrage aus dem Ausland und Störungen der globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten für Abwärtsdruck. "So verringerten sich die Warenexporte allein im März um mehr als ein Zehntel", schreibt die Bundesbank. Besonders kräftig habe sich das Exportvolumen in die Länder des Euroraums verringert. Zudem seien im gesamten ersten Jahresviertel die Warenlieferungen in die Volksrepublik China aufgrund der dort sehr frühen landesweiten Eindämmungsmaßnahmen stark rückläufig.

Während die gewerblichen Ausrüstungsinvestitionen infolge der ausgesprochen hohen Unsicherheit deutlich zurückgegangen seien, hätten die Bauinvestitionen weiter zugelegt. Der Baubetrieb in Deutschland habe unter Beachtung von Hygiene-Regeln fortgesetzt werden können, zudem dürften die überdurchschnittlich warmen Witterungsverhältnisse die Produktion begünstigt haben.

Privater Verbrauch kräftig gefallen

Laut Bundesbank dürfte sich der private Konsum im Winter 2020 kräftig verringert haben. Zwar hätten die preisbereinigten Umsätze im Einzelhandel im Vergleich zum Vorquartal sogar leicht zugelegt. Hier hätten sich gegenläufige Entwicklungen in verschiedenen Teilbereichen annähernd ausgeglichen. Während die Käufe von Textilien, Bekleidung und Schuhen sowie Geräten von Informations- und Kommunikationsgeräten im stationären Handel massiv zurückgegangen seien, habe der Lebensmittelabsatz aufgrund von Vorratskäufen ein starkes Plus verzeichnet. Auch Substitutionseffekte infolge angeordneter Schließungen von Gaststätten dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Zudem hätten die privaten Haushalte beträchtlich mehr Waren über den Internet- und Versandhandel bezogen. In anderen Konsumbereichen wie dem Gastgewerbe oder dem Kfz-Handel schränkten sie ihre Ausgaben jedoch erheblich ein. Der Stillstand bei sonstigen konsumbezogenen Dienstleistern, zu denen beispielsweise Friseure oder Personenbeförderungsunternehmen zählen, habe ebenfalls stark gedämpft.

Krise trifft Automobilindustrie besonders hart

Die weltweiten Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie hätten auch der deutschen Industrie schwer zugesetzt, schreiben die Bundesbank-Fachleute. Nach einem guten Jahresauftakt brach die industrielle Erzeugung im März 2020 ein und unterschritt den Stand des Vormonats saisonbereinigt um 11,6 Prozent. Besonders betroffen sei die Automobilindustrie, bei der die Einschränkungen im In- und Ausland zu einem teilweisen Ausfall der Absatzkanäle geführt haben dürften. Zudem hätten vorübergehende Grenzschließungen die internationalen Lieferketten empfindlich gestört. Denkbar sei auch, dass viele potenzielle Pkw-Käufer angesichts des raschen Konjunktureinbruchs und der stark gestiegenen Unsicherheit ihre Kaufentscheidungen verschoben haben.

Arbeitslosigkeit im April sprunghaft gestiegen

"Die Auswirkungen der Abwehrmaßnahmen gegen die Pandemie treffen den Arbeitsmarkt erheblich", heißt es im Monatsbericht weiter. Die Ökonominnen und Ökonomen weisen jedoch darauf hin, dass die Datenlage zum jetzigen Zeitpunkt immer noch unvollständig sei und das Ausmaß der Wirkungen daher nur schwer abzusehen. Das gelte insbesondere für die Kurzarbeit. Zwar habe die Zahl der für Kurzarbeit angezeigten Personen eine bisher unbekannte Größenordnung erreicht, es sei aber unsicher, wie viele Betriebe diese auch tatsächlich in Anspruch nehmen würden. Die Bundesbank geht davon aus, dass die Kurzarbeit aktuell eine viel größere Rolle spielen wird als in der Rezession von 2008/2009. So seien diesmal auch weite Teile des Dienstleistungssektors betroffen, während damals überwiegend das Verarbeitende Gewerbe Kurzarbeit nutzte. Außerdem gehen die Fachleute davon aus, dass der Arbeitsausfall je Person aufgrund der angeordneten Geschäftsschließungen zumindest kurzfristig deutlich höher ausfallen dürfte als damals.

Im ersten Quartal sei die Arbeitslosigkeit saisonbereinigt weitgehend unverändert gewesen, die Meldetermine hätten aber auch vor Einführung der weitreichenden Kontaktbeschränkungen gelegen. Im April stieg die Arbeitslosigkeit saisonbereinigt sprunghaft gegenüber dem Vormonat um 373.000 Personen auf 2,64 Millionen an. Damit habe sich die Arbeitslosenquote um 0,8 Prozentpunkte auf 5,8 Prozent erhöht. Auch für die nächsten Monate sind die Aussichten für den Arbeitsmarkt gemäß den Frühindikatoren schlecht.

Ausmaß und Geschwindigkeit der Erholung ungewiss

"Trotz der eingeleiteten Lockerungen ist das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland nach wie vor weit von einem Zustand entfernt, der bislang als normal angesehen wurde", so die Expertinnen und Experten. Die verfügbaren Konjunkturindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex oder der GfK-Konsumklimaindex zeichneten ein dementsprechend düsteres Bild. Der ifo Geschäftsklimaindex ist im April auf 74,3 Punkte abgestürzt, nach 85,9 Punkten im März (siehe Abb. 02 unten). Dies ist der niedrigste jemals gemessene Wert. Einen stärkeren Rückgang hat es in der Geschichte des ifo-index noch nicht gegeben. Auch der GfK- Konsumklimaindex (siehe Abb. 01 unten) stürzte für Mai 2020 auf einen historischen Tiefstand von -23,4 Punkten und damit 25,7 Punkte weniger als im April dieses Jahres. Die allgemeine Verunsicherung der Bürger hat dazu geführt, dass die Sparneigung im April um mehr als 51 Punkte angestiegen ist und das Konsumklima erheblich belastet. Während die Konjunkturaussichten aktuell angesichts der Schwere der Krise noch glimpflich davonkommen, muss die Einkommenserwartung einen beispiellosen Absturz hinnehmen. Der Indikator verliert gegenüber dem Vormonat 47,1 Zähler und fällt auf -19,3 Punkte. Noch niemals seit Beginn der monatlichen Erhebung zur Verbraucherstimmung im Jahre 1980 wurde ein höherer Monatsverlust der Einkommenserwartung gemessen. Die Verunsicherung unter den Konsumenten ist derzeit riesig. Neben den bereits tatsächlich stattfindenden Einkommenseinbußen ist die Angst vor Jobverlust bei vielen Beschäftigten stark gestiegen, so die GfK-Analysten.

Zwar spräche derzeit vieles dafür, dass sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Verlauf des zweiten Quartals im Zuge der Lockerungsmaßnahmen wieder aufwärtsbewegen werde. Über die weitere Wirtschaftsentwicklung bestehe aber eine sehr hohe Unsicherheit, so die Bundesbank-Analysten. Diese sei unter anderem von dem weiteren Verlauf des globalen Infektionsgeschehens und der ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen abhängig. Zudem komme es darauf an, wie sich vor diesem Hintergrund das Konsum- und Investitionsverhalten verändere.

Schließlich besteht das Risiko, dass sich der Erholungsprozess trotz der breit angelegten staatlichen Hilfen auch aufgrund von schwachen Unternehmensfinanzen und Starrheiten am Arbeitsmarkt über eine längere Frist erstreckt.

Kreditrisiken stark gestiegen

Im ersten Quartal war ein sprunghafter Anstieg der Buchkredite an den Privatsektor zu beobachten. Und auch Unternehmen nahmen insbesondere im März in großem Umfang Kreditlinien und neue Kredite in Anspruch, um fehlende Einnahmen auszugleichen und künftigen Liquiditätsengpässen vorzubeugen. Laut aktueller Umfrage zum Kreditgeschäft gehen die Banken davon aus, dass sich die Kreditnachfrage der Unternehmen im zweiten Quartal nochmals beschleunigen wird.

Tiefe Spuren auf den internationalen Rohstoffmärkten

Die abrupte Kontraktion der Wirtschaftsaktivität hinterließ auch an den internationalen Rohstoffmärkten tiefe Spuren. Insbesondere die Preise für Rohöl brachen ein. Dahinter stand ein drastischer Rückgang der Nachfrage nach Energieträgern, auch infolge der weltweiten Mobilitätsbeschränkungen. Angebotsseitig trugen zwischenzeitliche Produktionsausweitungen Saudi- Arabiens und Russlands zum Druck auf die Notierungen bei. Dieser Preiskampf wurde in der zweiten Aprilwoche durch eine neuerliche Einigung zwischen der OPEC und ihren Partnern auf umfassende Förderkürzungen zumindest vorläufig beigelegt. Andere Produzenten kürzten ihre Fördermengen angesichts der nur noch selten kostendeckenden Absatzpreise ebenfalls. Dennoch rechnet die Internationale Energieagentur für die erste Jahreshälfte mit einer erheblichen Überversorgung der Rohölmärkte. Vor diesem Hintergrund belasteten erwartete Lagerengpässe die Preise zusätzlich. Aktuell notierte ein Fass der Sorte Brent mit 35 US‑Dollar, Ende April betrug der Preis rund 20 US-Dollar und lag damit um rund 70 % unter dem Vorjahrespreis von rund 70 US-Dollar.

Für zukünftige Lieferungen mussten zwar deutlich höhere Preise gezahlt werden, die Terminkurve deutet jedoch nicht auf eine vollständige Preiserholung in der näheren Zukunft hin. Die Notierungen für Nichtenergierohstoffe, gemessen am HWWI- Index, gaben im Berichtszeitraum ebenfalls nach, wenn auch in viel geringerem Ausmaß als die Rohölpreise, so die Bundesbank-Analysten. Industrierohstoffe verbilligten sich dabei stärker als Nahrungs- und Genussmittel.

Abb. 01: GfK-Konsumklima-Index Mai 2020 [Quelle: GfK-Studie]Abb. 01: GfK-Konsumklima-Index Mai 2020 [Quelle: GfK-Studie]

Abb. 02: ifo-Geschäftsklima [Quelle: ifo Institut]Abb. 02: ifo-Geschäftsklima [Quelle: ifo Institut]

[ Bildquelle Titelbild: Adobe Stock ]
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