Neue Ära der Großmachtkonflikte

Erosionsprozesse der geopolitischen Welt


Redaktion RiskNET
Neue Ära der Großmachtkonflikte: Erosionsprozesse der geopolitischen WeltInterview

Die geopolitische Welt befindet sich in einem massiven Erosionsprozess. Das heißt vor allem: Wir erleben die Rückkehr der Großmachtrivalität und eine neue Ära der Großmachtkonflikte. Welche Akteure im Mittelpunkt stehen, wie es um die deutsche Außenpolitik bestellt ist, und wie Unternehmen in diesem angespannten Umfeld ihren Weg finden, darauf gab uns Professor em. Dr. Günther Schmid, Experte für internationale Sicherheitspolitik, und Sprecher im Rahmen des kommenden RiskNET Summit, Antworten.

Sie sprechen im Rahmen des kommenden RiskNET Summit von einer Welt in Unordnung. Wo ist diese Unordnung aus Ihrer Sicht geopolitisch am stärksten zu verorten?

Günther Schmid: Geopolitisch befindet sich die internationale Politik in einer historischen Zeitenwende. Das heißt es findet eine Erosion der stabilen regelbasierten liberalen Nachkriegsordnung statt. Und das mit Blick  auf die globale Architektur durch eine Rückkehr der Großmachtrivalität und einer neuen Ära der Großmachtkonflikte. Wir erleben die Auseinandersetzung um die geostrategische, technologische und machtpolitische Vorherrschaft im 21. Jahrhundert zwischen China und den USA. Ich nenne nur das Stichwort eines neuen bipolaren Zeitalters. Die Machtkonkurrenz zwischen den USA, China und Russland wird in Form von geopolitischen Konflikten um Einfluss und Kontrolle in strategisch wichtigen Räumen ausgetragen, wie dem Südchinesischen Meer, in Zentralasien, dem Nah-Mittelost, dem Persischen Golf und in der Arktis.

Wenn wir auf den schwelenden Konflikt mit dem Iran schauen, hat es den Anschein, als würden die schon im Irak angewandten Verhaltensmuster – von der Beschuldigung des Exports von Terror und angeblichen Massenvernichtungswaffen bis zur Koalitionssuche der US-Administration – wieder zum Tragen kommen. Täuscht das oder ist darin ein gewisses außenpolitisches Muster der USA zu erkennen?

Günther Schmid: Im fortdauernden Hegemonialkonflikt um die Vorherrschaft am Persischen Golf zwischen Iran und Saudi Arabien haben die USA unter Trump ihre bisherige neutrale Vermittlerposition aufgegeben und sich einseitig an die Seite Saudi Arabiens gestellt. Die Eindämmung Teherans und die Koalitionsbildung gegen dessen wachsenden regionalen Einfluss ist ein zentrales strategisches Interesse der jetzigen US-Administration und unterscheidet sich fundamental von der Politik früherer US-Regierungen.

Kommen wir auf China zu sprechen: Deren Außenpolitik zeigt sich in einem zunehmend gereizten Auftreten gegenüber Taiwan, aber auch mit Blick auf die Protestbewegungen in Hongkong oder in den territorialen Inselstreitigkeiten mit Japan. Wird China seinen wirtschaftlichen Druck in der Region vermutlich bald in eine militärische Konfrontation münden lassen?

Günther Schmid: Chinas Einfluss global und regional wird nicht primär mit militärischen Mitteln vorangetrieben. Das wäre angesichts der fortbestehenden militärischen Dominanz der USA in der Region wenig erfolgversprechend und würde zudem die "Gegenmachtbildung" gegen China weiter forcieren. China geht es primär um die Schaffung wirtschaftlicher und finanzieller Abhängigkeiten, wie das Beispiel des "Seiden-Straßen-Projekts" deutlich zeigt. Hinzu kommt, dass China seine angestrebte globale Technologie-Führerschaft und Dominanz in der digitalen Ökonomie durch eine aggressive chinesische Industriepolitik vorantreibt. Flankiert wird das Ganze durch eine "peaceful penetration" westlicher Ordnungsstrukturen und mit der Veränderung globaler Spielregeln bei der Durchsetzung eigener alternativer Standards und Normen.

Russland als der dritte große "Player" im internationalen Kontext und sucht ebenfalls seinen Weg zwischen Druck, Krieg und Wirtschaftsbündnissen. Wie beurteilen Sie das?

Günther Schmid: Russland stellt, wie China, wesentliche Bestandteile der bestehenden Weltordnung in Frage und strebt ein multipolares "Konzert der Großmächte" und ohne US-Hegemonie an. Zudem beansprucht Russland eine eigene Einflusssphäre in früheren Sowjetrepubliken. Die "liberale Idee" ist nach den Vorstellungen Putins  mit der Wahl Donald Trumps und dem rechtspopulistischem Vormarsch im Westen obsolet geworden. Das heißt, die liberale Politik ist aus dem Blickwinkel Russlands heraus am Ende. Russland kompensiert unter Putin seine wirtschaftliche Erfolglosigkeit und technologische Unterlegenheit mit demonstrativen militärischen Machtdemonstrationen. Das Selbstverständnis Russlands geht von einer eindimensionalen Großmacht aus. Demgegenüber bedrohen aus Moskauer Sicht die US-Dominanz und der wachsende chinesische Einfluss eigene Kerninteressen. Und die heißen: Hegemonie im nahen Ausland und Aufrechterhaltung seines Großmachtstatus.

Mit Blick auf die deutsche Außenpolitik wirkt diese zumindest vordergründig hilf- und ziellos. Gekennzeichnet durch einen schwachen Außenminister und einer Kanzlerin, die die weltpolitischen Themen schon fast traditionell mehr aussitzt als Akzente zu setzen. Müsste die größte Wirtschaftsnation im europäischen Raum nicht viel stärker neue Impulse in der Außenpolitik setzen?

Günther Schmid: Deutschland ist wegen seiner starken Außenhandelsorientierung und seiner geopolitischen Lage im Zentrum Europas von den tektonischen Macht- und Achsenverschiebungen mehr betroffen als andere Staaten. Die tragenden Fundamente deutscher Außenpolitik befinden sich durch den langsamen Zerfall ihres kooperativen Umfeldes in einem Erosionsprozess. Das zeigt sich bei der multilateralen Verankerung, sprich der regelbasierten und zugleich liberalen Weltordnung. Aber auch im Zerfall belastbarer und verlässlicher transatlantischer Verhältnisse. Und zudem befindet sich das erfolgreiche, deutsche exportorientierte Wirtschaftsmodell in der Zange zwischen einer aggressiven chinesischen Industriepolitik und einem harten US-Protektionismus. Die Regierung der Großen Koalition scheint ihren Anspruch aufgegeben zu haben, den Platz Deutschlands in Europa und in der Welt angesichts der  tiefgreifenden Veränderungen des globalen Mächtemusters neu zu bestimmen.

In diesem Zusammenhang wird immer deutlicher, dass multilaterale Organisationen, wie die UNO, aber auch die EU, zu schwach erscheinen, um international Konflikte auf diplomatischem Wege zu befrieden. Ist die Ära solcher Organisationen vorbei?

Günther Schmid: Multilaterale Organisationen, wie UNO, NATO oder WTO,  sind nicht grundsätzlich zu schwach zur effektiven Konfliktlösung, sondern hängen entscheidend von der Konsens- und Kompromissfähigkeit ihrer Mitglieder in zentralen Fragen ab. Das steht im engen Zusammenhang mit der Rückkehr der Großmachtrivalitäten und den völlig unterschiedlichen globalen und regionalen Ordnungsvorstellungen und Machtinteressen der Schlüsselakteure. Dies in Verbindung mit der demonstrativen Geringschätzung multilateraler Organisationen durch Trump zeigt vor allem eines: Internationale Organisationen sind lediglich das Abbild der realen weltpolitischen Lage. Als Forum für Absprachen, Abstimmungen und Kompromissbildung bleiben sie aber weiterhin alternativlos.

In dieser weltpolitisch angespannten Lage müssen Unternehmen ihren Weg finden. Was würden Sie einem Unternehmenslenker raten, will er die geopolitische Risikolandkarte verstehen und auch zur Navigation der eigenen Organisation richtig einsetzen?

Günther Schmid: Die globalen und regionalen Verwerfungen betreffen ein Exportland wie Deutschland unmittelbar, schließlich liegt der Exportanteil am BIP bei 47 Prozent. Der Wirtschaftskrieg Trumps mit China, Russland, der EU und der Türkei und seine Strategie des "maximalen Drucks" in der Außen- und Wirtschaftspolitik haben nicht nur Auswirkungen auf die deutschen Exportmärkte, sondern auf die Geoökonomie insgesamt. Staat und Wirtschaft brauchen deshalb mehr als bisher eine Ambiguitäts- und Ungewissheitstoleranz. Das heißt die Fähigkeit, mehrdeutige, widersprüchlich und gegenläufige Konstellationen und Handlungsweisen auszuhalten und zu verarbeiten.  Macht- und wirtschaftspolitische Akteure wie China, Russland und die USA sind zugleich Partner, Wettbewerber und systemisch-ideologische Kontrahenten, sprich sogenannte "frenemies". Mit dem gleichen Akteur auf verschiedenen Handlungs- und Interessensfeldern unterschiedlich zu agieren, wird zur zentralen Herausforderung von Politik und Wirtschaft.

(Geo-)Politik fristete lange ein Nischendasein mit Studenten zwischen angeblich brotloser Kunst und Taxifahren. Das hat sich merklich geändert. Auch Unternehmen erkennen den strategischen Mehrwert einer fundierten geopolitischen Sichtweise. Teilen Sie diese Meinung und erlebt die Politikwissenschaft eine neue Blüte?

Günther Schmid: Geopolitik als Forschungsfeld war immer ein integraler Bestandteil seriöser Politikwissenschaft, insbesondere ihres Teilfachs "Internationale Politik". Gut, breit und international ausgebildete Politologen mit historischen, soziologischen und ökonomischen Kenntnissen und Auslandserfahrung können beim "Fahren auf Sicht" in der neuen globalen Unübersichtlichkeit wertvolle analytische und perspektivische Expertise-Lieferanten für Unternehmer sein. Die zunächst nur numerisch wachsende Attraktivität des Faches, auch für Quereinsteiger aus Wirtschaft und Industrie, sowie die enge Verzahnung der Ausbildung mit ökonomischen, psychologischen und soziokulturellen Fachrichtungen eröffnen neue Verwendungsmöglichkeiten für innovative und neugierige Geisteswissenschaftler. Das heißt auch: "Taxifahren" war gestern."

Professor em. Dr. Günther Schmid ist Sprecher im Rahmen des kommenden RiskNET Summit 2019 am 5. und 6. November 2019 im Schloss Hohenkammer bei München.

Professor em. Dr. Günther Schmid ist Sprecher im Rahmen des kommenden RiskNET Summit 2019 am 5. und 6. November 2019 im Schloss Hohenkammer bei München.
Günther Schmid war von 1985 bis Ende 2012 im nachgeordneten Geschäftsbereich des Bundeskanzleramts mit Zuständigkeit für das Themenfeld internationale Sicherheitspolitik und globale Fragen (mit Schwerpunkt Asien/China) tätig. An der Beamtenhochschule München/Berlin hatte er eine Professur für Internationale Politik und Sicherheit. In den Jahren 1975 bis 1984 war er als wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter am Seminar für Internationale Politik der LMU (Lehrstuhl Prof. Dr. Gottfried-Karl Kindermann) forschend und lehrend tätig. Studium der Politischen Wissenschaft (Internationale Politik), Neueren Geschichte sowie des Staats- und Völkerrechts an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie anschließende Promotion.

[Das Interview führte Andreas Eicher / RiskNET Redaktion]

[ Bildquelle: Adobe Stock | Bild Schmidt: Stefan Heigl / RiskNET GmbH ]
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