FMEA

Die RPZ ist tot – Es lebe die AP


Martin Werdich [FMEAplus Akademie]
FMEA: Die RPZ ist tot – Es lebe die APKolumne

Seit der Erfindung der Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (Failure Mode and Effects Analysis, FMEA) wurde das Risiko in Form der Risiko-Prioritäts-Zahl mittels Multiplikation der drei Faktoren Bedeutung (B), Auftreten (A) und Entdeckung (E) gerechnet.

Dass die RPZ nur eine begrenzte Aussagekraft hat, ist unter FMEA-Experten seit Jahrzehnten bekannt. Doch niemand traute sich daran zu rütteln. Zu stark war die Gewohnheit bei Entscheidern, Auditoren und Normen und Beschreibungen. Erst als im Jahr 2009 der Autor dieses Beitrags auf einem renommierten FMEA-Forum vor 200 Fachleuten aus aller Welt klar Stellung bezog, begann langsam ein Umdenken. Das Ergebnis dieses Prozesses wird nun in der neuen, AIAG-VDA Methodenbeschreibung zementiert.

Von den 100 Gründen, warum die RPZ nicht korrekt war, möchte ich einige Punkte herausheben:

  • Mathematisch ist eine Multiplikation von asymmetrischen Matrizen bzw. ordinal skalierten Merkmalen (siehe Risikomatrix) methodisch nicht korrekt und nicht zulässig.
  • Die RPZ stellt nicht das wirkliche Risiko dar, da beispielsweise B10 x A5 x E3 erheblich kritischer ist als B3 x A5 x E10. Verschiedene Kombinationen ergeben also unterschiedliche Risiken.
  • Die Faktoren B, A, E beruhen nicht auf echten und absoluten Wahrscheinlichkeiten, sondern basieren produkt- sowie branchenspezifisch vor allem auf subjektiven und relativen Einschätzungen der Teams.
  • Abhängigkeiten zwischen Risiken werden nicht berücksichtigt (in der Praxis entstehen existenzbedrohende Risiken aber häufig durch kumulierende Effekte).

Dennoch forderten Kunden und Entscheider frei erfundene Schwellwerte (beispielsweise RPZ < 30, 60, 80, 100, 125, …), die in Folge zu willkürlichen Reduktion der Bewertungsfaktoren führte, da sonst keine Freigabe zu bekommen war.

Eine fachmännische aber dennoch relative Beurteilung der Priorisierung der Maßnahmen ist nur durch die drei getrennten Faktoren B, A und E sinnvoll. Um dennoch einen Wert hierfür zu bereitzustellen, wurde die Action Priority (AP) entworfen.

Es gibt nunmehr nur drei AP Klassen: High (H), Middle (M) und Low (L).

  • High - Höchste Priorität für die Maßnahme: Das Team muss entweder eine angemessene Maßnahme identifizieren, um das Auftretens und / oder die Entdeckung zu verbessern oder rechtfertigen und dokumentieren, warum getroffenen Maßnahmen angemessen sind.
  • Middle - Mittlere Priorität für die Maßnahme: Das Team sollte angemessene Maßnahmen identifizieren, um das Auftreten und / oder die Entdeckung zu verbessern oder nach Ermessen des Unternehmens zu rechtfertigen und dokumentieren, warum Maßnahmen angemessen sind.
  • Low - Niedrige Priorität für die Maßnahme: Das Team kann Maßnahmen identifizieren, um Auftreten oder Entdeckung zu verbessern.

Es wird empfohlen, dass mindestens bei den Bedeutungen der Fehlerfolgen von 9 bis 10 und der Aufgabenpriorität Hoch beziehungsweise Mittel eine Überprüfung einschließlich getroffener Maßnahmen durch das Management erfolgt. Somit wird neuerdings die Entscheidungsebene mit in die Verantwortung genommen und endlich fundiert und sachgerecht informiert.

Die Aufgabenprioritäten dienen nicht zur Priorisierung eines hohen, mittleren oder niedrigeren Risikos, sondern zur Priorisierung der Notwendigkeit von Maßnahmen, um das Risiko zu reduzieren.

Dahinter steht eine Tabelle, die die logischen Details aus 1000 möglichen B, A und E Kombinationen beschreibt. In der nachfolgenden Tab 01 ist ein eigenes Beispiel für die Design- und Prozess-FMEA wiedergegeben.

Tab. 01: Beispiel für die Design- und Prozess-FMEA

Tab. 01: Beispiel für die Design- und Prozess-FMEA

In mehreren Praxisprojekten wurde dieser Bewertungsansatz bereits erfolgreich getestet. Im Ergebnis wurde folgende weitere Vorteile erkannt:

  • Es wird ehrlicher bewertet, was zu einer realistischeren Risikolandschaft führt und somit der Nutzen dieser Analysen bei allen Beteiligten besser wahrgenommen wird.
  • Kunden, Auditoren und Entscheider bekommen einen besseren Überblick, und können Entscheidungen fundierter treffen.
  • Das Vertrauen in die Methode steigt.

Als aktuelles Fazit darf man behaupten, dass den Arbeitsgruppen von AIAG und VDA hier ein großer Wurf gelungen ist. Vor allen auch vor dem Hintergrund, dass diese Vorgehensweise, durch die Harmonisierung des amerikanischen und deutschen Automobil-Bereiches nun quasi weltweit seine Gültigkeit besitzt.

Autor:

Martin Werdich, FMEAplus Akademie GmbH

Martin Werdich, FMEAplus

[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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