Brexit als Warnsignal für die EU

Das unkalkulierbare Risiko


Das unkalkulierbare Risiko: Brexit als Warnsignal für die EU News

Der Austritt der Briten aus der Europäischen Union ist nach Einschätzung des Vorstandschefs der Deutschen Bank ein Warnsignal an die Europäische Union, "wieder näher an die Menschen zu rücken und die Demokratie zu stärken". Als Brite und überzeugter Anhänger der europäischen Idee reagiert John Cryan auf das Votum seiner Landsleute enttäuscht. "Die (europäische Idee) hat uns mehr als 50 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht", sagte er. "Deshalb schmerzt es mich, dass Europa für viele meiner Landsleute offenbar an Attraktivität verloren hat."

Für Europa sei das "kein guter Tag", sagte Cryan. Die Konsequenzen lassen sich nach seiner Einschätzung noch nicht vollständig absehen. "Sie werden aber für alle Seiten negativ sein", prognostizierte er. Die Deutsche Bank sei aber "gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern", bekräftigte Cryan. Die Deutsche Bank erzielt rund ein Fünftel ihrer Gesamterträge in Großbritannien. Die Auswirkungen machen sich nach Einschätzung von Independent Research vor allem durch das große Handelsbuch bemerkbar. Das Kredit-Exposure in Großbritannien ist nach Einschätzung der Analysten mit fünf Prozent recht gering.

Der Austritt Großbritannien aus der Europäischen Union bleibt möglicherweise nicht ohne Auswirkungen auf das Geschäft der Deutschen Bank in London. Zwar geht Vorstandschef John Cryan derzeit nicht davon aus, dass die Bank ihre Struktur oder Geschäftsmodell in Großbritannien "kurzfristig wesentlich ändern" muss. Aber er schloss einen Umbau auch nicht aus. "Ebenso wie andere Finanzunternehmen werden wir die Verhandlungen Großbritanniens mit der Europäischen Union genau verfolgen", schreibt er in einem Brief an die Mitarbeiter. "Sollte ein Umbau nötig sein, werden wir dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf unsere Kunden und Mitarbeiter so gering wie möglich bleiben."

Niederlage der Vernunft

Der neue ifo-Präsident Clemens Fuest hat den Brexit bedauert. "Die Entscheidung der britischen Wähler für den Brexit ist eine Niederlage der Vernunft", sagte er am Freitag. "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Dazu gehört es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibt. Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt."

Die Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD) erwartet nach dem Votum der Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union am gestrigen Donnerstag erhebliche negative Folgen für die deutsche Wirtschaft. Das zeigt eine Umfrage, die der Verband unter seinen rund 10.000 Mitgliedern durchgeführt hat. Demnach ist die Unruhe bei den Unternehmerinnen und Unternehmern unter 40 groß. So rechnen zwei Drittel der Befragten mit negativen oder sogar sehr negativen Auswirkungen für die junge Wirtschaft in Deutschland, sollte Großbritannien die Europäische Union tatsächlich verlassen. "Die junge Wirtschaft ist in verständlicher Sorge über die verschiedenen nun möglichen Szenarien und die nur schwer überblickbaren Konsequenzen des Votums für die hiesige Wirtschaft", kommentierte Wenske, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland, das Umfrageergebnis.

Das Votum der Briten sei "ein unüberhörbares Warnsignal für die Politik", sagte Wenske. "In Brüssel muss jetzt endlich ein Umdenken stattfinden. Längst überfällige Reformen müssen angepackt werden, damit die EU wieder an Vertrauen gewinnt", so der Bundesvorsitzende. Er erneuerte die europapolitischen Positionen der jungen Wirtschaft und forderte einen konsequenten Abbau bürokratischer Zwänge, unter denen insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen litten. Nur so könne die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands dauerhaft gewahrt bleiben.

Es gelte künftig Europa besser zu erklären und nun alle Kräfte zu bündeln, um weiteren Schaden von der EU und ihrem Bild in der Welt abzuwenden. "Eine Kettenreaktion, bei der weitere EU-Länder dem britischen Beispiel folgen, muss vermieden werden", so Wenske weiter.

Der BREXIT ist auch eine willkommene Ausrede

"Ist das jetzt das Worst Case Szenario, das Marktteilnehmer und Experten seit Wochen für die Aktienmärkte und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen prognostizieren?",fragt Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK. Seine Antwort ist ein klares Ja. Allerdings ist der BREXIT seiner Ansicht nach auch eine willkommene Ausrede, um weitere Unternehmensgewinnrevisionen vorzunehmen und das Weltwirtschaftswachstum noch stärker nach unten zu revidieren. Und davor haben die Finanzmärkte wohl mindestens genau so viel Angst wie vor dem BREXIT selbst.

Das größte Risiko droht allerdings, wenn nun auf den Austritt weiterer Länder aus der EU bzw. der Währungsunion spekuliert würde, so Otmar Lang weiter. "In diesem Fall könnten an den südeuropäischen Börsen die Aktienkurse tief fallen und die Renditen stark steigen. Für Deutschland wären klar negative Renditen in allen Laufzeitbereichen die Folge, der DAX allerdings käme auch unter Druck. Es ist die Frage, inwieweit die EZB hier etwas abfedern kann. Wir sind da skeptisch."

Dennoch ist Lang der Überzeugung, dass "Gefühlsbörsen", bei denen der Wahlausgang alle Szenarien und jegliches fundamentale Umfeld überlagert, nicht lange anhalten – möglicherweise nicht einmal eine halbe Woche. Lang weiter: "Doch wir sollten klar erkennen: Die Aktienmärkte stehen auch unabhängig vom BREXIT immer mehr unter Druck: Vor allem die zunehmende politische Fragilität und die anhaltende – tatsächliche - weltweite Konjunkturschwäche übertragen ihre negativen Schwingungen auf die Börsen. Der BREXIT ist also nur der letzte Auslöser, der für den Start einer Korrektur gefehlt hat." Das Fazit von Otmar Lang: Die Europäische Union ist schwer beschädigt, die bereits bestehenden wirtschaftlichen und auch politischen Risiken könnten sich nun weiter potenzieren.

IMK-Chef Horn fürchtet schwere Verwerfungen an Finanzmärkten

Der Chef des Konjunkturforschungsinstitutes IMK, Gustav Horn, befürchtet wegen der britischen Entscheidung für einen EU-Austritt ein heftiges Marktbeben und fordert von der Europäischen Zentralbank (EZB) unbegrenzte Liquidität zur Bekämpfung von Panik. "Die nächsten Wochen werden schwere Verwerfungen an den Finanzmärkten hervorrufen, von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht auf die Realwirtschaft übergreifen", erklärte Horn in einem Statement.

"Dies ist ein Tag, an den sich Europa noch lange erinnern wird", erklärte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Konjunkturinstitutes. Dies könne der Beginn einer Renationalisierung von Politik und Wirtschaft sein, "die Europa politisch und wirtschaftlich auf Jahrzehnte in die Bedeutungslosigkeit fallen lassen wird". Der Schock könne aber auch einen Reformprozess auslösen, der zu einer europäischen und demokratisch legitimierten Wirtschaftspolitik führen würde. "Eines ist aber jetzt klar: Die Option 'Weiter so' besteht nicht mehr," machte Horn klar.

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Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion /27.06.2016 08:12
+++ Alan Greenspan: Brexit ist nur die "Spitze des Eisbergs" +++

Für den früheren US-Notenbankchef Alan Greenspann stellt das Brexit-Votum der Briten für die Weltkonjunktur nur die "Spitze des Eisbergs" dar. Wie er in einem Interview mit CNBC sagte, gibt es darüber hinaus größere Probleme. "Die globale Konjunktur steckt in ernsten Schwierigkeiten", so Greenspan wörtlich.

Die Ablehnung des Status Quo durch die Briten sei zurückzuführen auf eine "massive Verlangsamung" der Wachstumsraten der Realeinkommen, quer über Europa zu beobachten. Das schaffe ernste politische Probleme, die nicht einfach zu lösen seien. Hinter der Wachstumsverlangsamung stecke ein Rückgang der Arbeitsproduktivität. Die Regierungen müssten die Ansprüche senken, um darauf zu reagieren. Das größte Problem sei nicht eine Rezession, sondern Stagnation.

"Die Eurozone ... scheitert", so Greenspan weiter. "Griechenland hat richtig Ärger und wird nicht viel länger im Euro bleiben, unabhängig davon, was gerade passiert". Auf die Frage, was er als Fed-Chef tun würde, sagte Greenspan: "Ich würde mir Sorgen machen".
RiskNET Redaktion /27.06.2016 08:13
+++ Moody's senkt Ratingausblick für Großbritannien auf negativ +++

Die Ratingagentur Moody's hat den Ausblick für die Bonität Großbritanniens in Reaktion auf das Brexit-Votum am Freitag auf negativ von zuvor stabil gesenkt. Das langfristige Emittentenrating lautet damit zunächst weiter auf Aa1. Die Ratingagentur rechnet nach dem Votum für ein Verlassen der Europäischen Union (EU) mit einer längeren Phase der Unsicherheit in Großbritannien, mit negativen Rückwirkungen auf die mittelfristigen Wachtsumaussichten.

In der mehrjährigen Phase der Neuverhandlungen der Wirtschaftsbeziehungen mit der EU sei mit einem Vertrauensverlust und geringeren Investitionen zu rechnen, was sich beides negativ auf das Wachstum auswirken dürfte. Sollte es dem Land nicht gelingen, günstige Bedingungen mit der EU und anderen Ländern auszuhandeln, bestehe längerfristig zudem die Gefahr, dass die Wachstumsperspektiven deutlicher schlechter ausfielen als derzeit noch angenommen.
RiskNET Redaktion /27.06.2016 08:14
+++ BIZ-Chef glaubt an schnelle Eindämmung der Verwerfungen nach Brexit +++

Der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich am Sonntag zuversichtlich gezeigt, dass die von der Brexit-Abstimmung an den Finanzmärkten losgetretene Volatiltät wieder eingedämmt wird. "Extensive Notfallpläne des Privatsektors wie auch der Zentralbanken sind angelaufen, um die Verwerfungen auf den internationalen Märkten zu begrenzen", begründete Jaime Caruana laut vorbereitetem Redetext zum Jahrestreffen des Konsortiums der Zentralbanken seinen Optimismus.

"Die Zentralbanken waren in der Vergangenheit schnell, sie stehen jetzt wieder bereit zu handeln und sie haben die Mittel dafür", sagte er weiter. Die überraschende mehrheitliche Befürwortung der Briten eines Austritts ihres Landes aus der EU hatte am Freitag weltweit die Aktienkurse abstürzen lassen und den Goldpreis und die Kurse der Staatsanleihen kräftig nach oben getrieben. Notenbanken wie die Bank of England hatten darauf Schritte eingeleitet, um für eine Beruhigung zu sorgen.

"Wir werden wahrscheinlich eine Phase der Unsicherheit und der Bereinigung bekommen. Großbritannien ist fester Bestandteil der globalen Konjunktur und einer der wichtigsten Finanzplätze weltweit ist dort angesiedelt", sagte Caruana. "Angesichts der guten globalen Kooperation bin ich zuversichtlich, dass die Unsicherheit eingedämmt werden kann und dass die Bereinigungen so sanft wie möglich weitergehen werden".
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