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Die Wege des Betrugs wiederholen sich

Betrugserkennung als Teil des Risikomanagements

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]

Betrugserkennung als Teil des Risikomanagements: Dirk Mayer, Carsten Helm (Hrsg.): Erwischt!: Ein Weg zur Betrugsprävention im Retailgeschäft, 280 Seiten, Finanz Colloquium Heidelberg, Heidelberg 2013.

"Betrügen und betrogen werden, nichts ist gewöhnlicher auf Erden", so der deutsche Schriftsteller und Dichter Johann Gottfried Seume. Betrug ist Alltag. Betrug gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits, seit es Menschen auf diesem Planeten gibt. So kennen wir bereits aus der griechischen Mythologie Apate, ein Geistwesen (Daimon) als Personifikation der Täuschung und des Betrugs. Die Römer hatten ein Pendant in Form von Fraus, der Göttin der Falschheit.

Dass es Lügen, Halbwahrheiten, Täuschungen und Betrug in der Geschichte der Menschheit immer schon gegeben hat, können wir dem Buch der Bücher entnehmen. In der Bibel wird der Teufel als "Vater der Lüge" (Johannes, Kapitel 8) bezeichnet, weil dieser Eva gegenüber im Garten Eden die erste Lüge der Menschheitsgeschichte geäußert haben soll. Dies führte dann zum (ersten) Sündenfall. Lügen sind, so der Prophet Jesaja, böse Werkzeuge des Schurken: "Und die Werkzeuge des Schurken sind böse: er beschließt böse Anschläge, um die Elenden durch Lügenreden zugrunde zu richten, selbst wenn der Arme redet, was Recht ist." (Jesaja, Kapitel 32). Auch der im 10. Jahrhundert v. Chr. regierende Herrscher des vereinigten Königreichs Israel, König Salomo, warnte vor dem Erwerb falschen Gewinns durch Lüge: "Wer Schätze erwirbt mit verlogener Zunge, jagt nach dem Wind, er gerät in die Schlingen des Todes.".

Später – im 16. Jahrhundert – entstand dann der Begriff des Gauners. Betrüger und Spitzbuben wurden so genannt, die Betrug und Diebstahl gewerbsmäßig nach bestimmten Prinzipien und Regeln durchführten. Der Begriff kann etymologisch auf das rotwelsche Wort "Joner" bzw. "Jauner" für "Falschspieler" zurückgeführt werden. Dies wiederum lässt sich auf die griechischen Falschspieler zurückverfolgen. In der Folge der Türkenkriege waren viele Griechen heimatlos geworden und verdienten ihr Geld als Falschspieler. Daher ist im Französischen "grec" ein Synonym für Falschspieler (tricheur).

Parallel zu den Betrügern, Gaunern und Spitzbuben begannen auch die Unternehmen sich gegen Betrügereien zu schützen. So verfügte beispielsweise die Hamburger Feuerkasse – als ältestes Versicherungsunternehmen der Welt am 30. November 1676 gegründet – bereits über präventive Ansätze, nicht höhere Betrugs-Risiken einzugehen, als die Risikotragfähigkeit zugelassen hat. So betrug die maximale Versicherungssumme 15.000 Mark mit "einem quart" Selbstbeteiligung. So wurde aktiv das "subjektive" Betrugsrisiko reduziert. Außerdem wurde mit den Mitgliedern neben festen Beiträgen (ordentliche Zulage) auch eine unbegrenzte Nachschusspflicht (außerordentliche Zulage) vereinbart. So konnte die Risikotragfähigkeit flexibel an die tatsächliche Risikosituation angepasst werden.

Von Fälschertechniken im Altertum bis zum Zündholzkönig

Betrügereien durchziehen die Geschichte der Menschheit wie eine wunde Ader. Bereits im Altertum gab es Fälschertechniken, die man verwendete, um beispielsweise nachträglich Cäsars eine Rede unterzuschieben oder um dem Neuen Testament einige Schriften hinzuzufügen. Ein einziger Fälscher, so die Literatur, fälschte allein 4.000 Zitate Mohammeds.

Und kaum jemand erinnert sich noch an Ivar Kreuger, den "Zündholzkönig" und Großspekulanten der 20er-Jahre. Der US-amerikanische Ökonom und Sozialkritiker John Kenneth Galbraith hatte Ivar Kreuger als den Leonardo da Vinci aller Finanzakrobaten bezeichnet: "Jeder Leiter eines dubiosen Unternehmens, jeder Broker, der mit Aktien erfundener kanadischer Bergwerke hausieren geht, jeder Fondsmanager, dessen Integrität kein Hindernis für seinen Einfallsreichtum ist, und jeder weniger exotische Dieb sollte Kreuger kennen." Das Magazin "Time" kürte Kreuger ehrfurchtsvoll zum "größten Betrüger der Geschichte".

Der Schwede Ivar Kreuger war der Gründer der Svenska Tändsticks AB (STAB) und in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die zentrale Figur im europäischen Zündwarenmonopol sowie einer der angesehensten und einflussreichsten Finanzmagnaten der Welt. Er sammelte in den USA Geld ein, das er an europäische Staaten und Institutionen im Tausch gegen Zündholzmonopole verlieh. Das in Swedish Match umbenannte Unternehmen wuchs zu einer Holding an, der in den 1930er Jahren rund 150 Tochterfirmen mit 260 Fabriken und 750.000 Mitarbeitern angehörten und die in 33 Ländern den Zündholzmarkt und damit etwa 60 Prozent der Weltproduktion kontrollierte.

Der Erfolg von Ivar Kreuger basierte vor allem darauf, dass er ein großer Kenner der Psychologie des Investors war. Seine zahlreichen rechtmäßigen und weniger rechtmäßigen Projekte beflügelten in den zwanziger Jahren die Phantasie der Anleger – so wie in der jüngeren Vergangenheit die Dotcoms, Anleihen mit variablem Zinssatz, Aktientipps von Analysten und Hypothekenderivate den Appetit der Finanzmärkte geweckt haben, so Frank Partnoy in seinem Buch "Der Zündholzkönig". Ivar Kreuger entwickelte viele der Techniken, die in unserer Zeit Hedgefondsmanager und Investmentbanker anwenden.

Die Geschichten der Madoffs, Phoenix, Ponzis und Leesons

Und wenn wir uns mit Ivar Kreuger beschäftigen, so erinnern wir uns an die Anfänge der jüngsten Finanz-, Banken- und Staatskrisen: Sie begann mit gewaltigen verdeckten Risiken an der Börse, die durch übermäßige Verschuldung vergrößert werden. Kredite werden mit komplexen neuen Finanzinstrumenten abgesichert. Und wenn schließlich die Preise ins Bodenlose fallen, begreifen die Anleger, dass sie ihre Ersparnisse in ein Fass ohne Boden geworfen haben. Zwar ändern sich die Namen und die Einzelheiten, aber die Zyklen von Spekulationsrausch, Panik und Zusammenbruch – nicht selten basierend auf Betrug –  sind fast immer dieselben. Die Finanzgeschichte wiederholt sich (siehe Carmen Reinhart/Kenneth Rogoff: Dieses Mal ist alles anders).

Die Geschichten der Madoffs, Phoenix, Ponzis und Leesons bringen die Prinzipien von internem Betrug, Schneeballsystemen, Pyramidensystemen oder Ponzi-Schemata immer wieder eindrucksvoll ins Bewusstsein. Vergessen Sie dabei nicht die Muster der vielen kleinen Betrüger auf diesem Globus. Die Wege des Betrugs wiederholen sich. Lassen Sie sich nicht täuschen: Betrüger sind (fast) überall. Das Gute ist, Sie haben eine Chance, diese zu erkennen. Schützen Sie sich wie damals die Hamburger Feuerkasse gegen die für Sie relevanten Betrugsmuster. Und noch ein Tipp: Neben analytischen Werkzeugensollten Sie auch Ihrer Intuition vertrauen. Dieses gefühlte Wissen beruht auf überraschend wenigen Informationen und sollte insbesondere in der Betrugserkennung – und auch im Risikomanagement insgesamt – nicht ausgeblendet werden.

In diesem Kontext bietet das Buch "Erwischt! Ein Weg zur Betrugsprävention im Retailgeschäft" einen exzellenten Zugang in die Themen Betrugserkennung und -prävention in der Bankenwelt (und darüber hinaus). Insbesondere die Einbindung realer Betrugsexperten bietet eine exzellente Brücke in die Praxis.


Dirk Mayer, Carsten Helm (Hrsg.): Erwischt!: Ein Weg zur Betrugsprävention im Retailgeschäft, 280 Seiten, Finanz Colloquium Heidelberg, Heidelberg 2013. ISBN 978-3-943170-46-7Dirk Mayer, Carsten Helm (Hrsg.): Erwischt!: Ein Weg zur Betrugsprävention im Retailgeschäft, 280 Seiten, Finanz Colloquium Heidelberg, Heidelberg 2013.
ISBN 978-3-943170-46-7

 

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