Die Finanzmärkte haben bisher auf das neuerliche Chaos in Griechenland relativ ruhig reagiert. Das ist erstaunlich. Denn die Gefahr ist gestiegen, dass sich das Land geradewegs auf den Ausstieg aus der Eurozone zubewegt. Mit schwer absehbaren Folgen.
Die Wahlen vom Wochenende mit ihrem ungewissen Ausgang wurden von vielen Beobachtern als möglicher Anfang vom Ende der griechischen Mitgliedschaft in der Währungsunion gedeutet. Ob freiwillig oder notgedrungen.
Wenn das Land nicht in der Lage ist, eine Regierung auf die Beine zu stellen, die sich an die Bedingungen des Rettungspakets hält, wird im Juni erneut gewählt. Griechenland würde sich dann auf einen direkten Kollisionskurs mit seinen Rettern aus anderen europäischen Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) begeben.
Doch trotz des politischen Durcheinanders sind immer noch einflussreiche Kräfte am Werk, die die Eurozone zusammenhalten. Und die Investoren, so scheint es, sind zu dem Schluss gekommen, dass der Zeitpunkt für die endgültige Abspaltung noch nicht gekommen ist. Vorerst gehen die Marktteilnehmer davon aus, dass es sowohl für Griechenland als auch den Rest der Eurozone immer noch zu schmerzhaft ist, das gemeinsame Band zu durchschneiden.
Angst um den Euro
In Asien gaben die Märkte im frühen Handel am Mittwoch nach und neue Ängste um die Währungsunion belasteten den Euro. Auch in Europa schlossen die Aktienmärkte am Dienstag mit Einbußen, nachdem sie am Montag noch zugelegt hatten.
Die Gewinne vom Montag hätten über die außerordentlichen Spannungen innerhalb der Eurozone hinweggetäuscht, sagen einige Analysten. Die jetzt langsam einsetzenden Kursverluste seien das erste Anzeichen dafür, dass die Investoren die Schwierigkeiten Griechenlands nun stärker hinterfragten und neu bewerteten.
"Der Markt ist gerade dabei, die wirklichen Risiken zu berechnen", sagt Justin Knight, Analyst bei UBS. "Das köchelt noch so ein bisschen vor sich hin, gewinnt aber schon an Schwung."
Alles hängt davon ab, wie sich das politische Drama in Athen weiterentwickelt. Bei den Wahlen am Sonntag wurden die bisher führenden Parteien an den Rand gedrängt. Nun haben die Radikalen das Sagen, und sie wollen die schmerzhaften Auflagen kippen, die Griechenland dem Rest der Europäer für seine Rettung schuldet.
Am Dienstag war Alexis Tsipras, der Chef der radikalen Linken der Syriza-Partei, mit dem Versuch an der Reihe, eine Regierung zu bilden. Sein konservativer Gegenspieler von der Nea Dimokratia, Antonis Samaras, war daran am Montag gescheitert und hatte sein Sondierungsmandat niedergelegt. Die Nea Dimokratia war als stärkste Kraft aus der Parlamentswahl hervorgegangen, hatte aber massive Verluste erlitten.
Griechenland solle sich von den Budgetkürzungen abwenden, die das Rettungspaket von dem Land verlangt, forderte Tsipras. Das "Urteil des Volkes" bei der Wahl hätte die Sparmaßnahmen für null und nichtig erklärt. Seine Partei holte allerdings nur 52 der 300 Parlamentssitze. Es erscheint daher unwahrscheinlich, dass Tsipras eine Regierungskoalition zustande bringen kann. Nach dem Willen der europäischen Retter muss die griechische Regierung - wie auch immer sie aussehen mag - bis Juni Etateinschnitte über 11,5 Milliarden Euro für die Jahre 2013 und 2014 präsentieren.
Sollte Griechenland aus dem Euro aussteigen, wären die Folgen gravierend. Die Schuldenkrise wirkte auch deshalb so stark, weil den Finanzströmen ein doppelter negativer Effekt innewohnte: Aus den schwachen Ländern flossen Spareinlagen ab, was den dortigen Bankensektor aushöhlte. Zugleich zogen sich Investoren aus den Staatsanleihen dieser Länder zurück und flohen in den sicheren Hafen Deutschland. Ein plötzlicher Stimmungswandel würde reichen, um den prekären Status Quo umgehend auszuhebeln.
Nach Ansicht vieler Beobachter schlägt Griechenland nun einen unvorhersehbaren Weg ein. War die Nation vor den Wahlen im Zuge der tiefen Rezession bereits einer Zerreißprobe ausgesetzt, kommt jetzt noch die Demütigung der zwei Parteien dazu, die dem Land zwei Generationen lang zumindest annäherungsweise Stabilität verliehen hatten.
"Die Märkte haben das Risiko definitiv noch nicht ausreichend berücksichtigt", urteilt Lefteris Farmakis, Stratege bei Nomura in London. "Ich verstehe nicht, warum der Markt keine länger andauernde Instabilität einpreist."
Sollten sich die Anzeichen für ein Ausscheiden Griechenlands häufen, dürfte eine Flucht aus den Ländern am Rande Europas nur schwer zu verhindern sein. Ein tatsächlicher Austritt dürfte auf Euro lautende Verträge in Mitleidenschaft ziehen, was nicht nur Folgen für den Finanzsektor hätte, sondern auch für die Realwirtschaft. Ohne die Garantie, dass eine Euro-Rechnung tatsächlich in Euro beglichen wird, könnten Unternehmen nicht mehr bereit sein, in anfälligen Staaten Geschäfte abzuschließen oder Handel zu betreiben.
"Es ist ganz natürlich, dass sich die Investoren nach anderen Ländern umschauen", sagt UBS-Analyst Justin Knight. Ausländische Anleger hätten das ganze Jahr über spanische und italienische Staatsanleihen abgestoßen. Diese Papiere litten unter einer Nachfrageschwäche, die sich "sehr, sehr schnell ausweiten" könnte. Auch Bankeinlagen in Spanien und Portugal stünden momentan eher wackelig da.
Und selbst wenn es alle Beteiligten vorziehen würden, das Chaos eines griechischen Euro-Ausstiegs zu vermeiden, könnten die Staatsanleihen des Landes dennoch in mehrfacher Hinsicht ins Straucheln geraten.
Marchel Alexandrovich, Volkswirt bei Jefferies & Co, fürchtet, dass der IWF weitere Kredite an Griechenland bald nicht mehr zu zahlen bereit sein dürfte. Der Fonds ist mit den bisherigen Leistungen des Landes nicht zufrieden.
Gut möglich ist auch, dass aus dem politischen Durcheinander eine neue Regierung hervorgeht, die den Rettungspakt offen zurückweist. Dann stünde Griechenland ohne Hilfsgelder da. Sollte die offizielle Unterstützung des IWF oder der anderen europäischen Länder gekappt oder reduziert werden, stünde die griechische Regierung ohne frisches Geld da. Sie braucht aber mehr Geld, um weiter machen zu können.
Nach Ansicht von UBS-Analyst Knight könnte sie versuchen, die Zahlungen an Zulieferer und Regierungsangestellte hinauszuzögern und von den verbleibenden Mittel zu leben. Irgendwann aber käme Griechenland unweigerlich an einen Punkt, an dem es sich "etwas anderes einfallen lassen müsste", sagt Knight. Ohne Ausgabenkürzungen bleibe dem Land dann wohl nichts anderes übrig, als neues Geld zu drucken, um für die Regierungsdienste zu zahlen.
Trotz all der Fragezeichen gibt es dennoch gute Gründe, warum das System auch mit Griechenland weiter Bestand haben könnte - zumindest kurzfristig.
Griechenland dürfte der Austritt schwer fallen
Erstens dürfte es Griechenland schwer fallen, einfach auszutreten. Selbst wenn das Land die Rückzahlung all seiner Schulden einstellen würde, gäbe die Regierung immer noch mehr aus als sie einnimmt. Das Geld aus dem Rettungspaket ist das einzige, was diese Lücke derzeit füllt. Ohne den Rettungsschirm hätten die Griechen keine andere Wahl, als noch mehr von den schmerzhaften Einschnitten hinzunehmen, gegen die sie sich jetzt so vehement wehren.
Zweitens sind die Regierungen Europas, die Europäische Zentralbank und der IWF durch die Rettungsaktionen nun zu den Hauptgläubigern Griechenlands geworden. Griechenland ausscheren zu lassen, würde einigen von ihnen mit Sicherheit Verluste bescheren.
Das vor zwei Jahren beschlossene Rettungsprogramm und die massive Umschuldung in diesem Jahr haben allerdings schon dazu beigetragen, das europäische Bankensystem und den Privatsektor vor einem weiteren Übergreifen der griechischen Probleme zu schützen.
Viele Banken haben ihre Engagements in Griechenland längst abgeschrieben oder komplett aufgelöst. Die öffentliche Hand übernahm einen Großteil der Investments.
Im Moment habe das Zentrum Europas habe mehr zu verlieren als Griechenland, sagt William Porter, Leiter der Kreditstrategie bei Credit Suisse in London. Aber auch er blickt eher verhalten in die Zukunft - wie viele seiner Kollegen. Je länger sich der Prozess hinziehe, sagt er, "desto vorteilhafter wird ein Austritt für Griechenland."
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