Cash Flow at Risk

International tätige Unternehmen sind zahlreichen finanziellen Risiken ausgesetzt. Neben Wechselkursrisiken, Rohstoffpreisrisiken, Zinsrisiken und Aktienrisiken gibt es zahlreiche liquiditätswirksame Risiken aus dem operativen Geschäft. Sowohl Investoren als auch Kunden, Lieferanten und der Gesetzgeber drängen auf eine transparente Berichterstattung, um eine objektive Darstellung der Geschäfts- und Finanzrisiken zu erhalten. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich finanzielle Risiken auf die Ertragslage eines Unternehmens auswirken. 

Industrie- und Handelsunternehmen sind im Gegensatz zu reinen Finanzdienstleistern mit zusätzlichen Unwägbarkeiten konfrontiert. Häufig sind operative Cash Flows von Markt- und Rohstoffpreisrisiken abhängig. Eine ungünstige Wechselkursentwicklung kann beispielsweise zu Exportrückgängen führen. Steigende Rohstoffpreise mindern bei konstanten Absatzpreisen den Gewinn. 

Eine ungünstige Zinsentwicklung erschwert den Kapitaldienst und kann geplante Investitionen unrentabel werden lassen. Alle Risikofaktoren zusammen können die Liquidität eines Unternehmens gefährden.

Aber wie wirkt sich eine Veränderung der Rohstoffpreise und der Wechselkurse auf die operativen Cash Flows, den Gewinn oder den Umsatz aus? Mit welcher Wahrscheinlichkeit werden die operativen Cash Flows den Finanzbedarf des Unternehmens decken (Liquiditätssicherung)? Wie kann die Planung des Unternehmens durch Risikoinformationen ergänzt werden, beispielsweise in Form einer Bandbreitenplanung?

Zur Beantwortung derartiger Fragen bedarf es einer speziell auf Unternehmen und deren individuelle Risikoposition zugeschnittenen Methode. 

Der Cash-Flow-at-Risk-Ansatz beantwortet die Frage, wie groß die Abweichung des tatsächlichen Cash Flows von einem geplanten oder budgetierten Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von beispielsweise 95 Prozent in den nächsten 12 Monaten aufgrund von Schwankungen der zugrunde gelegten Risikofaktoren ist. 

Mit dem Earnings-at-Risk-Ansatz erfolgt auf handelsrechtlicher Ebene eine ähnliche Betrachtung. Hier stehen nicht die pagatorischen Ein- und Auszahlungen (Cash Flows) im Vordergrund, sondern handelsrechtliche Gewinne und Verluste. So lässt sich beispielsweise ermitteln, wie groß die Abweichung des handelsrechtlichen Gewinns von einem geplanten Jahresgewinn mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit ausfallen kann. 

Der Ansatz des Value at Risk dient der Messung von Risiken aus Vermögenspositionen wie beispielsweise Aktienportfolios, Rentenportfolios oder Rohstoffvorräten. Demgegenüber dient die Cash-Flow-at-Risk-Methodik einer Szenarioanalyse zukünftiger Cash Flows.

In der folgenden Abbildung ist die Cash-Flow-at-Risk-Messung schematisch dargestellt. Mit Hilfe stochastischer Szenariomethoden werden für alle relevanten Risikofaktoren Vertrauensintervalle für einen Zeitraum von 12 Monaten geschätzt. 

Exposure-Mapping als zentrale Schnittstelle in der  Cash-Flow-at-Risk-Simulation
Exposure-Mapping als zentrale Schnittstelle in der Cash-Flow-at-Risk-Simulation

Die statistischen Prognoseverfahren simulieren eine Vielzahl von Szenarien für die Entwicklung der relevanten Risikofaktoren. Zu jedem Risikofaktor wird ein zweiseitiges Vertrauensintervall erstellt. Für jedes Szenario (= Veränderung eines Risikofaktors) wird die Auswirkung auf die operativen Cash Flows analysiert. So entsteht eine Häufigkeitsverteilung der zukünftigen Cash Flows. 

Mit Hilfe derartiger Verteilungen kann ein Unternehmen beispielsweise beurteilen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein erwarteter Cash Flow tatsächlich realisierbar ist, wie groß die Abweichung von diesem Zielwert mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ausfällt, oder mit welcher Wahrscheinlichkeit die Liquidität des Unternehmens gefährdet sein kann. Das Cash-Flow-at-Risk-Verfahren wurde in den letzten Jahren von rein finanziellen Risiken auf das gesamte operative Geschäft von Unternehmen ausgedehnt. Inzwischen wird es selbst von kleineren Mittelständlern zur Planung und Risikoanalyse der zukünftigen Liquiditätsentwicklung verwendet, um so frühzeitig mögliche Engpässe zu erkennen und Gegenmaßnahmen zur Liquiditätssicherung zu ergreifen.


Weiterführende Literaturhinweise:

  • Hager, P. (2004): Corporate Risk Management – Value at Risk und Cash Flow at Risk, Frankfurt/Main 2004.
  • Romeike, F./Hager, P. (2009): Erfolgsfaktor Risk Management 2.0 – Methoden, Beispiele, Checklisten: Praxishandbuch für Industrie und Handel, 2. Auflage, Wiesbaden 2009.
  • Romeike, F./Hager, P. (2013): Erfolgsfaktor Risk Management 3.0 – Methoden, Beispiele, Checklisten: Praxishandbuch für Industrie und Handel, 3. Auflage, Wiesbaden 2013.