Ivar Kreuger, Finanzgenie und Wegbereiter eines Jahrhunderts von Wall Street-Skandale

Der Zündholzkönig: Ivar Kreuger


Rezension

Der US-amerikanische Ökonom und Sozialkritiker  John Kenneth Galbraith hatte Ivar Kreuger als der Leonardo da Vinci aller Finanzakrobaten bezeichnet: "Jeder Leiter eines dubiosen Unternehmens, jeder Broker, der mit Aktien erfundener kanadischer Bergwerke hausieren geht, jeder Fondsmanager, dessen Integrität kein Hindernis für seinen Einfallsreichtum ist, und jeder weniger exotische Dieb sollte Kreuger kennen."

Der Schwede Ivar Kreuger war der Gründer der Svenska Tändsticks AB (STAB) und in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts die zentrale Figur im europäischen Zündwarenmonopol sowie einer der angesehensten und einflussreichsten Finanzmagnaten der Welt. Er sammelte in den USA Geld ein, das er an europäische Staaten und Institutionen im Tausch gegen Zündholzmonopole verlieh. Das in Swedish Match umbenannte Unternehmen wuchs zu einer Holding an, der in den 1930er Jahren rund 150 Tochterfirmen mit 260 Fabriken und 750.000 Mitarbeitern angehörten und die in 33 Ländern den Zündholzmarkt und damit etwa 60 Prozent der Weltproduktion kontrollierte.

Der Erfolg von Ivar Kreuger basierte vor allem darauf, dass er ein großer Kenner der Psychologie des Investors war. Seine zahlreichen rechtmäßigen und weniger rechtmäßigen Projekte beflügelten in den zwanziger Jahren die Phantasie der Anleger – so wie in der jüngeren Vergangenheit die Dotcoms, Anleihen mit variablem Zinssatz, Aktientipps von Analysten und Hypothekenderivate den Appetit der Finanzmärkte geweckt haben. Ivar Kreuger ist im Guten wie im Schlechten der Vater der heutigen Finanzmärkte. Er entwickelte viele der Techniken, die in unserer Zeit Hedgefondsmanager und Investmentbanker anwenden. Die Werkzeuge, die er einführte, werden heute von großen und erfolgreichen Unternehmen eingesetzt. Und sein Absturz führte zur Einführung der in Teilen noch heute gültigen amerikanischen Wertpapiergesetze, die u. a. Finanzderivate streng regulierten.

Basierend auf einer akribischen Recherche zeichnet Bestsellerautor Frank Partnoy in seinem Buch ein genaues Bild der schillernden Figur Ivar Kreuger und seiner dubiosen Methoden. Wir fühlen uns erinnert an Bernie Madoff, Bernie Ebbers, Lehman Brothers oder Flowtex.

Sowohl Unternehmenslenker als auch Risikomanager können aus dem realen "Business-Thriller" eine Menge lernen: Auch moderne Unternehmenslenker treten nicht selten in die Fußstapfen eines Ivar Kreugers und wiederholen seine Fehltritte. Die Position eines Unternehmenschefs ist heute im Wesentlichen ein politisches Amt, und oft muss er in der Öffentlichkeit Positionen vertreten, die seiner persönlichen Überzeugung widersprechen.

Partnoy ist davon überzeugt, dass viele Unternehmensführer angesichts dieser Spannung den Realitätsbezug verlieren und neigen wie der Held unserer Geschichte zur Selbstüberschätzung. Wie er beginnen sie möglicherweise zu glauben, sie könnten alle Zweifel ignorieren und seien in der Lage, ihr Unternehmen aus jedem finanziellen Sumpf herauszuziehen, egal wie "tief der Karren im Morast steckt". Dank einer intransparenten Buchführung können sie und ihre Mitarbeiter mit Ertragszahlen arbeiten, die wenig mit der Realität zu tun haben. Analysten und Wirtschaftspresse ermutigen sie, übermäßig optimistische Prognosen so oft zu wiederholen, dass sie wie der Held unserer Geschichte schließlich selbst daran glauben. Manche Manager geraten unter dem gewaltigen Druck und insbesondere in Notsituationen psychisch aus dem Gleichgewicht. Nicht wenige finden ein trauriges Ende.

Wir erinnern uns an die Anfänge der jüngsten Finanz-, Banken- und Staatskrisen: Sie begann mit gewaltigen verdeckten Risiken an der Börse, die durch übermäßige Verschuldung vergrößert werden. Kredite werden mit komplexen neuen Finanzinstrumenten abgesichert. "Bankiers und Wirtschaftsprüfer werden fürstlich dafür bezahlt, dass sie beide Augen zudrücken", so Partnoy. Und wenn schließlich die Preise ins Bodenlose fallen, begreifen die Anleger, dass sie ihre Ersparnisse in ein Fass ohne Boden geworfen haben. Zwar ändern sich die Namen und die Einzelheiten, aber die Zyklen von Spekulationsrausch, Panik und Zusammenbruch sind dieselben. Die Finanzgeschichte wiederholt sich (siehe Carmen Reinhart/Kenneth Rogoff: Dieses Mal ist alles anders, FinanzBuch Verlag, München 2010). Frank Partnoy ist überzeugt: Die wilde Achterbahnfahrt unserer Märkte hat ihren Ursprung in der Geschichte eines Mannes.

Das Buch über Ivar Kreuger kann uns helfen, Finanzskandale und dubiose Geschäftemacher rechtzeitig zu erkennen. Die Publikation liefert hierfür eine Reihe von praxiserprobten Frühwarnindikatoren. Der spannend geschriebene "Business Thriller" über den Aufstieg und Fall des Zündholzkönigs kann allen Kapitalanlegern, Risikomanagern und Unternehmenslenkern uneingeschränkt empfohlen werden. Kurzum: Unbedingt lesen und darauf lernen!

Autor der Rezension: Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Frank Partnoy, Hrsg.: Max Otte
Seitenanzahl: 364
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2013

RiskNET Rating:

Praxisbezug
Inhalt
Verständlichkeit

sehr gut Gesamtbewertung

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