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Rezension

Wie unser Gehirn sich täuschen lässt

Der unsichtbare Gorilla

Frank Romeike13.01.2014, 09:15

Wir alle kennen die Redensart, dass wir häufig "den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen". Damit ist im Kern nichts anderes als die Nichtwahrnehmung von Objekten gemeint – bedingt durch die eingeschränkte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns. Psychologen nennen dieses Phänomen Unaufmerksamkeitsblindheit (bzw. in englisch auch "inattentional blindness").

In verschiedenen Experimenten konnten die beiden Psychologen Christopher Chabris und Daniel Simons nachweisen, dass Konzentration ablenkt: Gerade wenn wir besonders aufmerksam sind, übersehen wir die auffälligsten Dinge. Berühmt wurden die beiden Wissenschaftler mit der berühmten Studie "Gorillas in unserer Mitte" ("Gorillas in our midst") der University of Illinois. Vier unterschiedliche Filme zeigen jeweils zwei Teams mit je drei Spielern. Ein Team trägt weiße, das andere schwarze T-Shirts. Die Mitglieder jedes Teams spielen sich einen normalen orangefarbenen Basketball durch Werfen oder Dribbeln zu. Die Zuschauer wurden aufgefordert, die Pässe der Spieler in Weiß zu zählen und die der Spiel in Schwarz zu ignorieren. Nach 44 bis 48 Sekunden ereignet sich etwas Unerwartetes: In der Version "Umbrella Woman" läuft eine große Frau mit einem aufgespannten Regenschirm von links nach rechts durch das Geschehen. In der Gorilla-Version läuft eine kleinere Frau, die vollständig in ein Gorillakostüm gehüllt ist, auf die gleiche Weise durchs Bild. Während dieser unerwarteten Ereignisse setzen die Basketballspieler ihre Aktionen unbeirrt fort. Das Experiment ist deswegen so populär, weil es auf humorvolle Weise eine tiefe und unerwartete Erkenntnis darüber vermittelt, wie wir die Welt sehen – und darüber, was wir nicht sehen.

Christopher Chabris und Daniel Simons konnten mit diesem Experiment aufzeigen, dass rund die Hälfte der Versuchspersonen ein länger dauerndes, sehr auffälliges, jedoch unerwartetes Ereignis nicht wahrnimmt, wenn sie ihre Konzentration auf ein anderes Thema (hier das Basketballspiel) lenken. Außerdem konnten die beiden Psychologen zeigen, dass die Versuchspersonen eher Notiz von einem unerwarteten Ereignis nehmen, wenn dieses wesentliche visuelle Merkmale (wie Farbe) mit der zu beobachtenden Situation teilt. Die Studie zeigte außerdem auf, dass sich Objekte direkt durch das Zentrum der Aufmerksamkeit bewegen können (foveales Sehen) und trotzdem nicht "gesehen" werden.

Tatsache ist, dass man den Gorilla ja nicht deshalb übersieht, weil man Probleme mit den Augen hätte. Wenn man seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Bereich oder Aspekt des Sichtfelds zuwendet, neigt man dazu, Unerwartetes einfach nicht zu sehen, selbst wenn dieses Unerwartete auffällig und potenziell wichtig ist und sich genau dort befindet, wo man gerade hinsieht. Mit anderen Worten: Die Versuchspersonen konzentrierten sich so stark auf die Pässe, dass sie für den Gorilla vor ihrer Nase "blind" wurden.

Unsere Wahrnehmung funktioniert absolut selektiv. Dies gilt auch für die Wahrnehmung von Risiken. Nicht selten konzentrieren wir uns auf das Sichtbare und blenden andere Themen links und rechts aus ("wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht"). Wir konzentrieren uns beispielsweise auf Details bei der Modellierung eines singulären Risikos und blenden wesentliche Risiken aus (siehe US-Subprime-Krise).

Wir alle glauben, wir seien in der Lage wahrzunehmen, was wir vor Augen haben, uns akkurat an vergangene Ereignisse zu erinnern, die Grenzen unseres Wissens einzuschätzen und Ursache und Wirkung korrekt zu bestimmen. Aber diese Annahmen sind oft unzutreffend, und hinter ihnen verbergen sich entscheidende Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten – insbesondere auch bei der Einschätzung von Risiken.

Der unsichtbare Gorilla ist ein Buch über sechs Illusionen des Alltags, die entscheidenden Einfluss auf unser Leben ausüben: die Illusionen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Selbstvertrauen, Wissen, Ursache und Möglichkeit. Diese verzerrten Ansichten über unseren Geist sind nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich. Die Autoren schildern, wann und warum wir auf diese Illusionen hereinfallen, welche Folgen sie für uns haben und wie wir sie umgehen oder entschärfen können.

Chabris‘ und Simons‘ Gorilla-Experiment gehört zu den Klassikern der psychologischen Forschung. Risikomanager sollten dieses lehrreiche und faszinierende Buch gelesen haben.

Autor der Rezension: Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Christopher Chabris/Daniel Simons
Seitenanzahl: 296
Verlag: Piper Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2013

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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