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Rezension

Kein Platz für Banken im digitalen Zeitalter

Das Ende der Banken

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]14.03.2018, 18:16

So viel vorneweg: Das Buch von Jonathan McMillan (hinter dem Pseudonym stehen zwei Schweizer Ökonomen) ist provozierend, mutig und rüttelt auf. Bereits in der Einleitung weisen die beiden Autoren darauf hin, dass ein Finanzsystem ohne Banken sowohl erstrebenswert als auch möglich ist. Obwohl das Bankwesen in der Vergangenheit und auch heute eine unentbehrliche Funktion erfüllt, hat sich das Blatt mit der digitalen Revolution gewendet. Sie sind davon überzeugt, dass die Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie eine wirksame Regulierung unmöglich machen. Bereits die Finanz- und Bankenkrise der Jahre 2007/08 war ein Frühwarnsignal und Vorbote einer neuen Ära des zügellosen Bankings. Und mit dem Ende der Banken wird ein Zeitalter eines modernen Finanzsystems beginnen, so die Prognose der Autoren.

Erst die Einführung des modernen Rechnungswesens in Form der doppelten Buchführung und die Entwicklung des Rechtsstaates legten die Grundlage für ein Bank- und Kreditwesen. Das Bankwesen brachte die unterschiedlichen Bedürfnisse von Schuldnern und Gläubigern in Übereinstimmung. Es handelte sich um eine grundlegende Innovation innerhalb des Finanzsystems mit der Folge, dass die Kreditvergabe einen schier unglaublichen Aufschwung erlebte. Der erste Teil des Buches (Kapitel 1: "Warum Banken nötig waren") beschäftigt sich daher mit der Frage, warum Banken im Industriezeitalter unverzichtbar waren.

Die Autoren definieren Banking als Geldschöpfung aus Kredit. Wie diese Geldschöpfung genau funktioniert, wird im Kapitel 2 ("Wie traditionelle Banken funktionieren") erläutert. Das traditionelle Bankwesen ist die einfachste Form des Bankings und vereint Geldleihe und -aufbewahrung. Einerseits vergeben Banken Darlehen an Darlehensnehmer. Andererseits ermöglichen sie es Darlehensgebern, Bankeinlagen zu tätigen, die sich "so gut wie Bargeld" anfühlen.

Insbesondere die Eigenschaften von Bankeinlagen machten es in der Vergangenheit für Gläubiger attraktiv, sich am Kreditprozess zu beteiligen. In der Folge stieg das Kreditangebot, was insgesamt die Kapitalakkumulation begünstigte. In der Folge erleichterte Banking die Investition in kapitalintensive Industrieprodukte, deren Anfangsinvestition sich erst nach Jahrzehnten amortisierte. Insbesondere die Industrialisierung und die zunehmende Kapitalintensität wurde durch ein modernes Finanzsystem – jenseits des Tauschhandels – ermöglicht.

Die Autoren weisen in diesem Kontext darauf hin, dass der Begriff "Kapitalismus" sich auf die Realwirtschaft bezieht. Implizit stützt er sich aber auf die Entwicklungen im Bereich des Bankwesens. Der Kapitalismus konnte sich nur in der Folge eines verbesserten Finanzsystems durchsetzen. In den vergangenen Jahrhunderten führten schwerwiegende Mängel immer wieder zu Turbulenzen des Finanzsystems. Zwei große Bankenpaniken in den Jahren 1907 und 1929 führten insbesondere in den USA zu einer Regulierung beziehungsweise einem Ordnungsrahmen. Staatliche Garantien verhinderten fortan Bankenpaniken, und finanzmarktspezifische Regulierungen – wie etwa Eigenmittelvorschriften – sorgten dafür, dass Banken die staatlichen Bürgschaften nicht missbrauchen konnten. "Die Gesellschaft konnte die Vorteile des Bankwesens genießen, und der Ordnungsrahmen hielt dessen Probleme in Schach", so die Autoren.

Der zweite Teil des Buches beschreibt, wie das Bankwesen im digitalen Zeitalter außer Kontrolle geriert. Während im Industriezeitalter Kredite noch auf Papier festgehalten werden musste, konnten Finanzinstitute im digitalen Zeitalter derartige Vorgänge nunmehr elektronisch registrieren. Computer und elektronische Kommunikationsnetzwerke ermöglichten es nunmehr, dass sich Kredite aus den Bankenbilanzen herauslösten. Dies hatte – so die Autoren – desaströse Auswirkungen auf die Wirksamkeit der Bankenregulierung. "Banken begannen ihre Aktivitäten so zu organisieren, dass einschneidende Regulierungen umgangen werden konnten. Dadurch traten neue Formen des Bankwesens in Erscheinung."

In der Folge entstand ein Netzwerk von Finanzinstituten und Zweckgesellschaften – auch häufig als Schattenbankensektor bezeichnet. Dem Schattenbankenwesen (englisch shadow banking, parallel banking) werden neben den Unternehmen auch Aktivitäten wie Verbriefungstransaktionen und Wertpapierfinanzierungsgeschäfte zugerechnet. Dieses intransparente Geflecht übernahm dieselben Funktionen wie die traditionellen Banken, ohne aber vom Regulator als eine neue Form des Bankwesens erkannt und reguliert zu werden. In der Konsequenz gelang es dem Schattenbankensektor im Verlauf weniger Jahrzehnte den traditionellen Bankensektor an Bedeutung zu überflügeln.

So beziffert erst vor wenigen Tagen das Financial Stability Board (FSB) – als Organisationseinheit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – das Vermögen im Schattenbanken-Bereich auf 45 Billionen US-Dollar. Die Experten des FSB weisen darauf hin, dass dieser Schattenbankensektor kaum oder gar nicht reguliert sei. In den vergangenen Jahren hat besonders stark der Nicht-Banken-Sektor in China zugelegt. Dort wachsen die finanziellen Aktiva der "Schattenbanken" viel schneller als die ebenfalls stark wachsenden regulären Banken. Mittlerweile werden die finanziellen Aktiva auf rund 7.000 Milliarden US-Dollar geschätzt. Nach Ansicht von Experten handelt es sich um ein riesiges "Pyramidenspiel". So weisen Finanzmarktexperten darauf hin, dass die nächste große Finanzkrise mit steigender Wahrscheinlichkeit ihren Anfang bei den Schattenbanken nehmen wird.

Doch auch die "Too big to fail"-Institute werden nach Ansicht der Autoren nicht effektiv reguliert. Im Zeitalter, in der Finanzinnovationen über Nacht aus dem Boden gestampft werden, können Finanzinstitute ihre Geschäfte jederzeit so anpassen, dass Regulierungen nicht mehr greifen. "Das Abgrenzungsproblem der Finanzmarktregulierung ist mit der digitalen Revolution unlösbar geworden – die Aufsichtsbehörden können noch so viel regulieren, sie werden das Bankwesen nicht mehr in den Griff kriegen", so die nüchterne Diagnose des Autoren-Duos. Im digitalen Zeitalter ist das Bankwesen außer Kontrolle geraten. Während die staatlichen Garantien allumfassend geworden sind, läuft die Regulierung des Bankwesens ins Leere. Das Bankensystem hat sich in ein dysfunktionales öffentlich-privates Projekt verwandelt. Kurzum: Während die Kreditinstitute in gute Zeiten enorme Gewinne einfahren, muss die öffentliche Hand (beziehungsweise der Steuerzahler) in Krisenzeiten für die Verluste geradestehen.

Der Siegeszug der Digitalisierung hat den ordnungspolitischen (Regulierungs-)Ansatz untergraben. Die Autoren weisen darauf hin, dass der Prozess der schöpferischen Zerstörung mit Hilfe der digitalen Revolution das Finanzsystem auf eine nächste Stufe heben wird. Im dritten Teil des Buches diskutieren die Autoren die schöpferischen Aspekte der Informationstechnologien. Neue Technologien wie Peer-to-Peer-Kreditvermittlungen, virtuelle Marktplätze und digitale Währungen (siehe Bitcoins) sind entstanden. Sie eröffnen Akteuren neue Wege, ihre Nachfrage nach einer liquiden und sicheren Kreditvergabe zu befriedigen, während Schuldner weiterhin die benötigte langfristige Finanzierung für ihre riskanten Projekte erhalten. "Wer die Gesamtheit der neuen Möglichkeiten betrachtet, erkennt, dass Banken nicht mehr gebraucht werden. Die Informationstechnologien erlauben dem Finanzsystem, eine dezentrale und kapitalintensive Volkswirtschaft zu unterstützen, ohne auf Banken zurückgreifen zu müssen. […] Im Digitalzeitalter ist das Bankwesen nicht nur außer Kontrolle geraten, sondern hat auch seine Existenzberechtigung verloren."

Die Autoren sind jedoch davon überzeugt, dass Banken das Finanzsystem weiterhin beherrschen werden, obwohl sie nicht mehr benötigt werden. Das dysfunktionale Bankwesen kann noch so hohe gesellschaftliche Kosten verursachen: Banking wird nicht von alleine verschwinden, da es mit seinen umfassenden staatlichen Garantien, jedoch ohne wirksame Regulierung ein sehr einträgliches Geschäft für einzelne Akteure ist. Daher fordern die Autoren eine einfache und radikale Reform: Dem Bankwesen muss aktiv ein Ende bereitet werden. So lautet eine Forderung, dass Banken – sowohl im traditionellen Bankensektor als auch im Schattenbankenbereich – keine Geldschöpfung mehr betreiben sollten. "Wir schlagen deshalb eine systemische Solvenzregel vor, die dem Bankwesen auf wirksame und gleichzeitig effiziente Weise einen Riegel vorschiebt." Das Gesellschaftsrecht soll so geändert werden, dass die Kreditschöpfungsmöglichkeit für jedes Unternehmen de facto entfällt. Die Solvenzregel kann wie folgt zusammengefasst werden: Der Wert der realen Vermögenswerte eines Unternehmens muss mindestens dem Wert seiner Verbindlichkeiten in seiner Worst-Case-Finanzlage entsprechen.

In einem Wirtschaftsraum ohne Banken muss vor allem auch die Rolle der öffentlichen Hand bei der Organisation von Geld und Kredit neu definiert werden. "Einerseits soll der Staat seine Garantien für die Banken nicht länger aufrechterhalten. Das führt dazu, dass das erdrückende Regelwerk ad acta gelegt werden kann, das aufgrund der staatlichen Garantien überhaupt erst geschaffen wurde: Bei der Organisation von Kredit kann nun endlich auf die Marktkräfte vertraut werden. Andererseits muss auch die Geldpolitik neu konzipiert werden, da die heutigen Zentralbanken sich auf das Geschäftsbankenwesen stützen. Wir stellen deshalb zwei neue geldpolitische Instrumente vor, die sich besonders gut zur Unterstützung eines wirksamen Preissystems eignen: eine Liquiditätsprämie und ein bedingungsloses Einkommen." Geld soll künftig nur noch der Staat schaffen.

Die Autoren liefern in ihrem Buch viele Argumente für die These, dass nur die Abschaffung der Banken ein funktionierendes Finanzsystem wiederherstellen kann. In einem Finanzsystem ohne Banken sind die Funktionen von Geld und Kredit strikt getrennt und klar dem privaten beziehungsweise dem öffentlichen Sektor zugeordnet. Stabilität, Produktivität und Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft werden nicht länger durch ein überholtes Bankensystem untergraben, so die These der Autoren. Es muss verhindert werden, dass immer weitere Ressourcen auf eine immer komplexere Bankenregulierung verschwendet werden, welche die nächste Finanzkrise nicht verhindern wird.

Fazit: Das Buch besticht durch eine klare Sprache und radikale Vorschläge, die jedoch keiner politischen Ideologie entspringen. Wer das Buch aufmerksam von Anfang bis zum Ende liest, wird anschließend das moderne Bankgeschäft verstehen und daraus die Konsequenz ziehen, dass im Zeitalter der Digitalisierung, der Blockchains und Bitcoins & Co traditionelle Banken völlig überflüssig geworden sind. Und nicht nur das: Sie sind völlig unregulierbar geworden. Es ist noch schlimmer: Die massive Ausdehnung staatlicher Garantien führt zu einem Moral-Hazard-Effekt. Banken stürzen sich weiterhin in risikoreiche Geschäfte, da für die Verluste ja letzten Endes der Steuerzahler aufkommt. Und gleichzeitig schafft es die Bankenaufsicht nicht, die Finanzinstitute wirksam zu regulieren. Die Rezeptur der Regulierung bis heute: Höheren Eigenkapitalanforderungen werden es schon richten. "Noch immer wollen sie das Zuckerbrot der staatlichen Bürgschaft durch die Peitsche der Kapitalanforderungen ergänzen. Doch in den letzten 40 Jahren haben die Informationstechnologien die Peitsche in eine schlappe Schnur verwandelt. Kapitalanforderungen sind im Digitalzeitalter wirkungslos geworden", so die Autoren. Doch auch die viel diskutierten Blockchain-Technologien werden das Bankenwesen noch intransparenter und instabiler machen, so die beiden Finanzexperten.


Details zur Publikation

Autor: Jonathan McMillan
Seitenanzahl: 271
Verlag: Campus Verlag
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsdatum: 2018

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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