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Ein Blick in die Kristallkugel

Zehn Überraschungen des Jahres 2011

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.16.12.2010, 18:56

Dies ist das siebte Mal, dass ich zehn Überraschungen für das kommende Jahr zusammenstelle. Ich wähle sie danach aus, was mir relativ unwahrscheinlich vorkommt, aber nicht unmöglich ist. Es sind Extremszenarien. Was für mich wirklich überraschend ist, ist die Tatsache, dass in jedem Jahr dann doch manches eintritt. In 2010 sind von den Szenarien drei relativ nahe an die Realität gekommen (Eurokrise, Absturz der FDP in Deutschland, Wahlverlierer Obama). Zwei hatten einzelne Elemente, die so eintrafen. Das zeigt, dass es nützlich ist, auch immer mal wieder über den Tellerrand der üblichen Prognosen hinauszublicken.

Auch die folgenden Überraschungen sind willkürlich ausgewählt. Die einzelnen Szenarien sollen kein konsistentes Gesamtbild ergeben. Manche widersprechen sich. Sie sollen nur die Phantasie anregen.

Erstens: Nach dem Boom in der Dritten Welt kommt der Boom in der Ersten Welt. Die Rezession ist vergessen. Die Unternehmen stoßen an die Kapazitätsgrenzen. Die Arbeitslosigkeit geht zurück. Zunächst ist das etwas sehr Schönes. Dann aber zeigen sich die Schattenseiten: Rohstoffpreise steigen, die Inflation bekommt Beine. Selbst in den USA zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel an. Die Zinsen erhöhen sich.

Zweitens: Der amerikanische Präsident Obama macht das Unmögliche möglich und findet eine Kompromisslinie mit den Republikanern. Er erholt sich aus dem Umfragetief. Es gelingt ihm, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass er ein guter und starker Präsident ist. Das wirkt sich auch auf die Außenpolitik aus. Die USA schlagen eine härtere Gangart gegen China an.

Drittens: In Russland gibt es ein Attentat auf Premierminister Putin. Er überlebt, kann seine Amtsgeschäfte aber nicht mehr weiterführen. Präsident Medwedjew ernennt einen Nachfolger. Zunächst gibt es erhebliche Unsicherheit über den neuen Kurs des Landes. Dann aber setzt Medwedjew liberale Reformen durch, die niemand erwartet hatte. Das Wirtschaftswachstum erhöht sich. Das Land öffnet sich für ausländische Investoren. Es gibt eine Russland-Euphorie in der Welt.

Viertens: Die Defizitländer an der Peripherie Europas brechen nicht unter der Last der Schulden zusammen. Sie erleben stattdessen einen unerwarteten Aufschwung. Der Grund: Die Gemeinschaft erlässt ihnen die Rückzahlung der "Rettungskredite" aus dem Jahr 2010. Dadurch verringert sich die Zinslast. Die Staaten können in ihre Infrastruktur und in die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen investieren. Die Volkswirtschaften wachsen wieder. Die bessere Konjunktur hilft, die öffentlichen Defizite zu verringern. Damit können die Länder die wirtschaftspolitischen Auflagen erfüllen. Griechische und irische Anleihen werden zum Renner an den Kapitalmärkten, mit denen Anleger zweistellige Renditen erzielen können.

Fünftens: "Chapter Eleven" für die amerikanische Regierung. Die USA stellen die Zins und Tilgungszahlungen auf ihre Staatsanleihen ein. Das ist de facto eine Währungsreform. Sie soll Wirtschaft und Gesellschaft von der Last der Staatsschulden befreien und einen Neuanfang ermöglichen. Das gelingt aber nur teilweise. Ausländer ziehen Gelder ab. Amerikanische Banken kommen in Schwierigkeiten. Das Leistungsbilanzdefizit lässt sich nur noch schwer finanzieren. Die Zinsen steigen stark an. Die Aktien fallen. China weigert sich, an der Restrukturierung der amerikanischen Schulden mitzuwirken. Es verlangt eine Gegenleistung.

Sechstens: Kanzlerwechsel in Deutschland. Bei den Landtagswahlen in Deutschland verliert die schwarz-gelbe Koalition weitere Wähler. Die FDP ist in einigen Parlamenten nicht mehr vertreten. Die Bundeskanzlerin zieht die Konsequenz und tritt zurück. Sie hatte ohnehin nicht geplant, länger als zwei Legislaturperioden im Amt zu bleiben. Jeder rätselt, was sie in Zukunft machen werde. Der Chef der Deutschen Bank bietet ihr an, in den Vorstand seines Hauses zu kommen. Sie lehnt ab. Sie spekuliert darauf, Generalsekretärin der Vereinten Nationen in New York zu werden.

Siebtens: Der Chemiekonzern Bayer erfindet ein Medikament, das den Alterungsprozess der Menschen signifikant verlangsamt. Die Menschen können im Schnitt fünf Jahre länger leben. Das gibt der Konjunktur in den von der demographischen Alterung besonders betroffenen Ländern wie Deutschland oder Japan erheblichen Auftrieb. Es wird mehr und länger konsumiert. Der Fachkräftemangel verringert sich, weil die Menschen auch mehr arbeiten können. Die Wachstumsrate steigt um 2 Prozent pro Jahr. Die Gewerkschaften versuchen ein Verbot des Medikaments zu erreichen. Sie wollen die Verlängerung der Arbeitszeit in jedem Fall verhindern.

Achtens: Das Internet fällt aus. Weltweit bricht die Kommunikation zusammen. Die Unternehmen haben keinen Kontakt mehr zu ihren Kunden. Der Zahlungsverkehr ist nur noch eingeschränkt möglich. Logistik und Transport sind stark geschädigt, weil nichts mehr online gebucht und vereinbart werden kann. Es gibt keine E-Mails mehr. An den Börsen bricht Panik aus. Weil Anleger nicht wissen, was in der Welt passiert, verkaufen sie Aktien. Glücklicherweise kann das System nach einer Woche wieder in Gang gebracht werden.

Neuntens: Der Goldpreis fällt von USD 1.400 je Feinunze auf USD 500. Es entsteht eine Panik unter den Goldbesitzern. Sie versuchen auf Teufel komm raus ihre Bestände an dem gelben Metall zu verkaufen. Es zeigt sich, dass Gold nicht nur ein Schutz gegen Krisen sein kann, sondern auch selbst Krisen auslöst. Grund für die Baisse beim Gold sind unerwartet große Goldfunde in der Türkei. Die Europäische Union wiederbelebt die Gespräche mit der Türkei über eine EU-Mitgliedschaft.

Zehntens: Der DAX stürzt trotz der guten Gewinnentwicklung in den Unternehmen ab. Er erreicht zwar noch die 8.000er Marke, die er schon in den Jahren 2000 und 2008 überschritten hatte. Danach ermäßigt er sich – ähnlich wie damals – um mehrere hundert Punkte auf 4.000. Damit werden weitere Anleger vom Aktienmarkt abgeschreckt. Der Markt verliert in Deutschland seine Attraktivität als Finanzierungsinstrument für die Unternehmen und als langfristiges Investment der Altersvorsorge für die Anleger. Es wird diskutiert, was an die Stelle der Aktien treten könnte.

Welche dieser Überraschungen wohl in 2011 eintreten werden?


Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.


[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Ape/17.12.2010 09:31
Ich bin mir garnicht so sicher, ob die Szenarien so unwahrscheinlich sind. "Chapter Eleven" für die amerikanische Regierung halte ich - basierend auf den aktuellen Entwicklungen - für nicht unwahrscheinlich.
Auch das Szenario "Das Internet fällt aus. Weltweit bricht die Kommunikation zusammen." ist nicht unrealistisch. Ein Blick in den "Global Risk Report 2010" (und sicherlich auch 2011) zeigt, dass dieses Szenario seit Jahren auf dem Radar der Risikoexperten steht ....

Glückwunsch Herr Hüfner, gelungener Text ...

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