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RiskNET Summit 2018: Nachlese Tag 1

Vom Reisen in die Welt des Risikomanagements

Redaktion RiskNET24.10.2018, 20:45

Wer sich im Risikomanagement bewegt, der begibt sich auf eine Reise. Zumindest dann, wenn er die eigene Business- und Organisationswelt besser kennenlernen möchte oder sich selbst. Nur so lassen sich die Chancen für das zukünftige Handeln suchen und vor allem finden. Am 23. Oktober 2018 machten sich mehr als 100 Risikomanager aus unterschiedlichen Branchen, der Wissenschaft und dem öffentlichen Bereich auf den Weg. Ihr Ziel: Der zweitägige RiskNET Summit im Schloss Hohenkammer bei München. Frank Romeike, Initiator des RiskNET Summit, startete die "Reise durch die Welt des Risikomanagements" mit einem Blick auf die großen Destinationen, sprich Eckpfeiler unserer Risikomanagementwelt. Und diese heißen Organisation, Methoden und Werkzeuge, Prozesse und Kultur.

Alle vier Felder sind bei einem Blick auf die Robotik und smarte Maschinen betroffen. Das heißt: Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik sind in allen Berufs- und Lebensbereichen auf dem Vormarsch. Und dort wird nach Expertenmeinung kein Stein auf dem anderen bleiben.

Initiator des RiskNET Summit

Frank Romeike, Initiator des RiskNET Summit und Gründer des Kompezenz-Netzwerks RiskNET

Roboter lernen, KI schlägt Mensch

Dr. Ulrich Eberl, Zukunftsforscher und Buchautor, reiste in seiner Keynote: "Smarte Maschinen – neue Sicherheitsanforderungen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" in eine Welt des bereits Machbaren und zeigte zukünftige Szenarien auf. Laufen, Greifen, Sprechen, Zuhören, Sehen, Lesen oder Analysieren, sei die Bandbreite des aktuellen Stands. Und mehr noch seien Roboter lernfähig. Roboter lernen. So gehen Roboter bereits in die Schule und lernen von Menschen. Sie lernen durch Beobachtung, Nachahmung und Belohnung – sei es mit Pfeil und Bogen umzugehen oder Klavier zu spielen. Eberl: "Die besten Roboter können heute Gäste bedienen, Geschirrspüler einräumen, Löcher bohren, Autos lenken, über Geröll klettern oder im UN-Gebäude sprechen."

Dr. Ulrich Eberl, Zukunftsforscher und Buchautor

Dr. Ulrich Eberl, Zukunftsforscher und Buchautor

Doch das Feld der smarten Maschinen sei nach Ansicht des Zukunftsforschers Eberl wesentlich breiter, wie das Beispiel selbständig fahrender Autos zeigt. Das Tempo der Entwicklung ist enorm. Watson, das IBM-System, besiegte bereits im Jahr 2011 die Campions in "Jeopardy" (US-Fernseh-Quizshow). Und in diesem Jahr schlug KI erstmals Menschen im Verständnis von Texten. Eberl: "Wenn die Aufgabe präzise definiert ist, sei der Computer heute bereits unschlagbar." Weitere Einsatzfelder seien unter anderem die vorausschauende Wartung, bei der Computer Maschinen analysieren, um Unregelmäßigkeiten zu erkennen und zu beheben. Ein Vorteil, gerade um im Vorfeld einzugreifen bevor eine Maschine ausfällt. Auf die Frage nach der weiteren Reise gab Eberl neben der weiter steigenden Rechenleistung auch nachdenkliche Antworten. Was bedeutet die zunehmende Robotik und KI für Arbeitsplätze? Für Eberl werden Routinetätigkeiten in Büros automatisiert. Sei es Texte, Bilder oder Videos finden oder Assistenzfunktionen auszulagern. Betroffen seine vor allem Bankberater, juristische Assistenten, Makler, Lagerarbeiter, Bus- und Taxifahrer. Weniger betroffene Berufsfelder sind kreative Berufe, Forscher oder soziale Berufe. Was heißt das für Bildungssysteme? Zwei Drittel der heutigen Kinder werden in Berufen arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Als Beispiel nennt Ulrich Eberl Lehrer für Maschinen oder KI-Trainer.

Compliance und das Unternehmertum

Petra Reindl, Geschäftsführerin der Sixtus Werke Schliersee GmbH, stellte in ihrem Vortrag die zentrale Frage: "Gefährdet Compliance das Unternehmertum?" Ihre Antwort lautet: "Ja". Reindls Reise führte vom Einhalten von Vorschriften und Gesetzen zum Damoklesschwert des Strafgesetzbuchs, das über Unternehmen und ihren Geschäftsführern schwebt. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen leiden unter dem Bürokratieapparat und dem zunehmenden Dschungel an Vorschriften und Behörden. Als Haftungsbeispiel nannte Reindl den Austausch von geschäftsbezogenen Daten: "Es dürfen keine geschäftsbezogenen Daten ausgetauscht werden, die sensibel oder geheim sind. Hierzu gehören beispielsweise Daten zu Ein‐ und Verkaufspreisen, Produktion, Umsatz, Kosten, der allgemeinen Geschäftsplanung, Investitionen und Kapazität."

Petra Reindl, Geschäftsführerin der Sixtus Werke Schliersee GmbH

Petra Reindl, Geschäftsführerin der Sixtus Werke Schliersee GmbH

Als großen Hemmschuh sieht die Sixtus-Geschäftsführerin die steigende Komplexität im Compliance-Umfeld: "Diese sei hoch und nehme immer mehr zu." Zudem haben große Unternehmen eigene Fachabteilungen, die sich mit dem Thema Compliance täglich auseinandersetzen. Kleinen und mittleren Unternehmen fehlen an dieser Stelle schlicht die Ressourcen. Bei allen Fallstricken betont Reindl zehn Todsünden, die Geschäftsführer besser nicht begehen sollten. Hierzu zählen unter anderem die falsche Versicherung bei der Gründung, das Überschreiten der Haftungsgrenzen oder Non-Compliance sowie die Themen des Rechnungswesens, der Steuern und Sozialabgaben. Abschließend brachte es Petra Reindl mit einem Zitat von Warren Buffett auf den folgenden Punkt: "Es dauert 20 Jahre um eine Reputation aufzubauen und 5 Minuten um sie zu ruinieren. Wenn man dies bedenkt, geht man die Dinge anders an."

EU-DSGVO im Fokus

Im Rahmen der Podiumsdiskussion rund um die Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) lieferten die Teilnehmer jede Menge Ein- und Aussichten. Wohin geht die Reise? Ist die EU-DSGVO nur ein Papiertiger oder bietet sie einen erkennbaren Mehrwert für Unternehmen? "Der Papiertiger wird mit der Datenschutzgrundverordnung etwas reduziert", erklärt Dr. Manfred Stallinger vom Unternehmen calpana business consulting. Mehr noch sei Datenschutz ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen. Zu dieser Erkenntnis kommt Martin Kreuzer von der Munich Re. Leider hätten viele Unternehmen zu spät angefangen sich mit dem Thema zu beschäftigen und damit einen hohen Nachholbedarf.

Gerade der Versuch, beim Thema Datenschutz und Informationssicherheit eine Art Wagenburg aufzubauen ist nach Ansicht der Diskutanten zum Scheitern verurteilt. Für Samuel Brandstätter von avedos GRC sei es nicht realistisch, sich als Unternehmen in unserer digitalen Welt einzubunkern. Brandstätter: "Man kann sich schützen. Aber Angriffe oder Bedrohungen sind nicht zu verhindern." Vielmehr muss es darum gehen, aktiv mit dem Thema umzugehen. Ein kontinuierliches Monitoring kann wertvolle Dienste leisten. Hierbei steht die Frage im Mittelpunkt: Wo sind die Schwachstellen im System?

Die Paneldiskussion rund um das Thema "Viele offene Fragen und wenige Antworten: EU-DSGVO" mit Patrick Steinmetz (BitSight), Samuel Brandstätter (avedos), Martin Kreuzer (Munich Re) und DI DDr. Manfred Stallinger (calpana)

Die Paneldiskussion rund um das Thema "Viele offene Fragen und wenige Antworten: EU-DSGVO" mit Patrick Steinmetz (BitSight), Samuel Brandstätter (avedos), Martin Kreuzer (Munich Re) und DI DDr. Manfred Stallinger (calpana)

Das Thema Datenschutz müsse gelebt werden. Frank Romeike beschreibt Datenschutzmanagement als Teil der DNA. Es zeigt sich, dass die beste Technik nichts bringt, wenn ein Mitarbeiter im Internet oder dem E-Mail-Verkehr auf alles klickt. "Der Mensch ist oft das schwächste Glied in der Kette", ergänzt Martin Kreuzer. Manfred Stallinger stellt eine einfache aber zentrale Frage: Gegen was möchte man sich überhaupt absichern? Dies beinhaltet auch den Blick darauf, warum man sich überhaupt gegen mögliche Risiken absichern möchte. Patrick Steinmetz von BitSight sieht sehr viele Schwachpunkte im Netz. Für ihn gehe es darum, Prozesse zu schaffen und sich mittel- bis langfristig beim Thema Informationssicherheit zu verbessern.

Vom Flugzeug aufs Bike

"Luftfahrt ist Risikomanagement", bringt es Rüdiger Koppe, OTL a.D. und Managing Direktor SRI Strategic Risk Institute, auf den Punkt. Beispielsweise sei die Flugsicherung das Nervensystem der Luftfahrt. Wichtig sind nach Ansicht von Koppe Standards & Verfahren. Die Ausbildung ist ein komplexes System aus Theorie und Praxis. "Es werden Leute gesucht, die unter Stress ihre Aufgaben konsequent erfüllen können", erklärt Koppe. Kultur, Menschen und Teamwork sind oberste Gebote in der Luftfahrt. Jeder wisse, was zu tun ist. Koppe: "Man arbeitet Hand in Hand." Alle Fehler werden aufgenommen und bewertet und in die komplette Organisation zurückgespielt. Einflussgrößen, die zu einem guten Situationsbewusstsein beitragen, sind neben der Erfahrung, die ausgebildete kognitive Fähigkeiten und eine hohe Geschwindigkeit und Genauigkeit in der Wahrnehmung. Besondere Merkmale der modernen Luftfahrt sind nach Meinung Koppes eine exzellente und zugleich hoch zuverlässige Technologie. Verfahren und Standards müssen bestens abgestimmt sein. Und auch die Intuition des Menschen und eine ausgeprägte Fehlerkultur seien wichtig, um Unglücke im Flugverkehr zu vermeiden.

Rüdiger Koppe, OTL a.D.

Rüdiger Koppe, OTL a.D.

Intuition und Spaß sind auch bei Mountainbike-Reisen wichtige Elemente. "Mountainbike war nie Wettbewerb, sondern Spaß und Erlebnis in der Gruppe", erklärt Harald Philipp, Mountainbike-Abenteurer. Und deshalb habe er die Risiken im Griff. Für ihn stehe die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Philipp: "Erlebnisse teilen und gemeinsam eine Herausforderung annehmen. Das gemeinsame Biken schweißt zusammen." Der Reiz am Risiko besteht für den Bike-Abenteurer darin, den Komfortbereich und damit die eigenen Blase zu verlassen. "Wenn man nie an die Ränder der eigenen Komfortzone geht, schrumpft mit der Zeit die eigene Blase", fasst es Philipp zusammen. Er habe sich seine Risiken im Sport immer bewusst ausgesucht und dazu gehört auch das Bauchgefühl. Stimmt das Gefühl nicht, lässt er die Tour sein oder er läuft. Was hat das alles mit dem Risikomanagement zu tun? "Wir alle hatten Lebensphasen, in denen der Flow eine wichtige Rolle spielte", stellt Philipp fest. Als Erwachsene verlieren wir das Wort Spielen. Doch der spielerische Umgang mit Alltagsproblemen ist wichtig und das sollte sich jeder bewahren. Ein Motto: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit." Flow bedeutet Balance – auf jeder Reise.

Mountainbike-Abenteurer Harald Philipp

Mountainbike-Abenteurer Harald Philipp

[ Bildquelle: Stefan Heigl / RiskNET GmbH ]


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