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Das Katastrophenjahr 2011

Rückversicherer fordern besseres Risikomanagement in der Industrie

Jörn Rehren, Frank Romeike08.12.2011, 12:25

Für die Rückversicherer bleibt das Jahr 2011 angesichts der Häufung von Naturkatastrophen ein Alptraum. Nach dem verheerenden Start mit dem Tsunami in Japan, den Erdbeben in Australien, den Überschwemmungen in Australien und später dem Hurrikan Irene in den USA verursachte die jüngste Flut in Thailand erneut Schäden in Milliardenhöhe.

Die flächendeckenden Überschwemmungen in Thailand mit ihrem Höhepunkt im Oktober und November sind die teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes. Die volkswirtschaftlichen Schäden sind durch die Konzentration von wichtigen Schlüsselindustrien nördlich und im Umfeld der Hauptstadt Bangkok enorm. Die Folgen der Überschwemmungen machen deutlich, dass die Maßnahmen zur Prävention angesichts der hohen Naturkatastrophen-Gefährdung des Landes verstärkt werden müssen. Die Schadenbelastung für Munich Re liegt voraussichtlich in der Größenordnung von rund 500 Mio. EUR netto und vor Steuern. Die Schätzung ist noch mit Unsicherheiten behaftet, da sich das Wasser nur sehr langsam zurückzieht und zum Teil noch nicht vollständig abgeflossen ist. Eine Schadenschätzung in den besonders betroffenen Industriegebieten rund um Bangkok ist daher nach wie vor schwierig. Folge des Hochwassers sind nicht nur Schäden an den Gebäuden, sondern vor allem auch an den darin befindlichen oft teuren Produktionsanlagen.

Vor zwei Tagen hatte der nächstgrößte Wettbewerber Swiss Re bereits eine Schadenerwartung von rund 600 Mio USD geäußert. Die Hannover Rück, weltweit die Nummer drei, hat noch keine verlässliche Schätzung abgegeben. CEO Ulrich Wallin hatte Anfang November aber bereits gesagt, dass die Schäden bei über 100 Mio EUR liegen könnten.

Die genannte Größenordnung platziert die Überschwemmungen in Thailand jedoch nach Japan und Neuseeland zum drittgrößten Schadenereignis in diesem Jahr.

Verletzlichkeit der vernetzten Weltwirtschaft verdeutlicht

Seit Juli haben die schweren Regenfälle in Thailand rund 600 Menschen das Leben gekostet, hunderttausende Häuser wurden überflutet. Gleichwohl liegen die geschätzten Schäden für ein Schwellenland ungewöhnlich hoch. Dass es für die Rückversicherer so teuer wird, liegt vor allem an der Überschwemmung von sieben großen Industriegebieten mit hochwertigen Produktionsanlagen, die vor allem japanischen Konzernen gehören. Thailand ist vor allem für die Automobil- und die IT-Industrie ein wichtiger Standort. So war beispielsweise die Fertigung von rund 25 % der weltweit benötigten Komponenten für Computer-Festplatten in Thailand direkt von dem Hochwasser beeinträchtigt.

Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Munich ReFür Torsten Jeworrek (Foto), Vorstandsmitglied der Munich Re, sind die hohen Schäden in Thailand deshalb "ein Weckruf". Die Schwellenländern gewännen in der international arbeitsteiligen Wirtschaft eine immer größere Bedeutung. Deshalb müsse die Vorsorge für und die Anpassung an Naturgefahren verbessert werden, um die Schäden zu begrenzen, sagte er.

Dabei sieht er auch die global agierenden Unternehmen in der Pflicht, ihr Risikomanagement zu verbessern. Die größten versicherten Schäden resultierten aus Betriebsunterbrechnungen. Die Konzerne müssten deshalb ihre Lieferketten überprüfen und womöglich flexibler gestalten. Zudem müssten sie ihre dahingehenden Risiken gegenüber den Versicherern offenlegen, denn nur auf dieser Basis könnten sie auch künftig von diesen abgesichert werden. "Unternehmen tun gut daran, sich für ihre Schlüssellieferanten eine Alternative zu sichern, damit sie im Extremfall ausweichen und ihre Fertigung aufrecht erhalten können. Als Rückversicherer werden wir diesen Aspekt des Risikomanagements bei der Preisfindung für solche Rückwirkungsschaden-Deckungen künftig noch stärker berücksichtigen", so Jeworrek.

Für die Rückversicherer setzt die Flutkatastrophe in Thailand einen - vorläufigen - Schlusspunkt unter ein extrem schadenträchtiges Jahr. Für die Munich Re etwa kommt die halbe Milliarde EUR zu einer Schadenbelastung hinzu, die sich allein für die ersten neun Monate bereits auf knapp 3,6 Mrd EUR belief - mehr als drei Mal so viel wie im Vorjahr. Insgesamt ist damit 2011 schon jetzt das schadenreichste Jahr in der Geschichte der Münchener.

Wo viel Schatten ist, sehen die Rückversicherer aber auch etwas Licht. Angesichts der zunehmenden Zahl von Katastrophen und der immer höheren Schäden, die daraus resultieren, erwarten sie mittelfristig einen Prämienanstieg. Insbesondere in den Regionen, in denen die Natur zuletzt massiv zugeschlagen hat, konnten sie bereits zweistellige Preisanstieg durchsetzen.

Auf die jüngsten Prognosen für das zu Ende gehende Jahr sollen die Schäden in Thailand aber keinen Einfluss haben, sagte ein Sprecher von Munich Re zu Dow Jones Newswires. Im Frühjahr hatten sie nach den Naturkatastrophen im ersten Quartal ihre ursprüngliche Gewinnprognose von 2,4 Mrd EUR deutlich gesenkt und nur noch einen Jahresgewinn angekündigt. Daran halten die Münchener ebenso fest wie an der angepeilten Dividende von 6,25 EUR je Aktie. Auch die Hannover Rück sieht keine Veranlassung, wegen der Flut in Thailand von ihrem Gewinnziel abzurücken.

 

[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Tom/09.12.2011 08:55
"Unternehmen tun gut daran, sich für ihre Schlüssellieferanten eine Alternative zu sichern, damit sie im Extremfall ausweichen und ihre Fertigung aufrecht erhalten können." Im Zeitalter von Single Sourcing und "Just in time" glauben viele Einkäufer, dass das zu teuer wäre ... und werden erst eines besseren belehrt, wenn der Ernstfall (siehe Fukushima) eintritt

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