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Risikotragfähigkeit als tragende Säule des Going-Concern-Gedankens

Dr. Peter Hager [RiskNET Redaktion]

Die Risikotragfähigkeit lässt sich mit der Traglast eines Fahrstuhls vergleichen. Im Erdgeschoss beginnend kann auf dem Weg nach oben in jeder Etage ein Halt erfolgen, um zu prüfen ob weitere Lasten aufgenommen werden sollen. Dabei sollte die maximale Zuladung nicht überschritten werden. Dafür muss jedoch zunächst die Tragfähigkeit der Konstruktion bekannt sein.

In Krisenzeiten ist die Überprüfung der eigenen Tragfähigkeit eines Unternehmens sowohl für dessen Führungskräfte als auch Aufsichtsräte ratsam. Zwei Komponenten gilt es wie bei einer Waage im stetigen Gleichgewicht zu halten: Wie viel Risiko kann sich das Unternehmen leisten und welchem Risiko ist es aktuell bereits ausgesetzt?

Die Kenntnis der Risikotragfähigkeit ist dabei eine Voraussetzung, dass alle wesentlichen Risiken eines Unternehmens durch das zur Verfügung stehende Risikodeckungspotenzial zu jedem Zeitpunkt gedeckt sind. Das bei Anwendung des Vorsichtsprinzips kalkulierte Risikopotenzial darf das in Abhängigkeit von repräsentativen Risikobelastungsszenarien definierte Risikotragfähigkeitspotenzial der Unternehmung grundsätzlich nicht übersteigen. Die Risikotragfähigkeit ist damit eine tragende Säule des Going-Concern-Gedankens. Das Thema der Limitierung von Risiken baut ebenso konsequent auf der Risikotragfähigkeitsermittlung auf, wie die Verrechnung von Eigenkapitalkosten, die im Sinne von Ergebnisvorgaben für die Übernahme von Erfolgsrisiken und die Bereitstellung von Risikokapital erwirtschaftet werden müssen.

Das Pendant zur Risikotragfähigkeit bildet das Gesamtrisiko einer Unternehmung (Enterprice Risk). Die Kenntnis von Gesamtrisiko und dessen Relation zu den damit verbundenen Chancen bildet das Risiko-Chancen-Profil. Nachdem ein Unternehmen erkannt hat, dass es sich die eingegangenen Risiken leisten kann, bleibt die Frage ob es diese Risiken sich auch leisten will. Oder ob die Chancen in Relation zu den damit verbundenen Risiken unattraktiv erscheinen. Die Kenntnis des Gesamtrisikos und der zugehörigen Chancen wird in diesem Beitrag als gegeben vorausgesetzt und im Folgenden erstreckt sich die Betrachtung ausschließlich auf die Ermittlung und Wahrung der Risikotragfähigkeit.

Der Ermittlung der Risikotragfähigkeit liegt der Gedanke zu Grunde, dass das Unternehmen den Marktwert derjenigen Positionen bestimmt, von denen es sich um Risikofall trennen kann ohne die Fortführung des Unternehmens zu gefährden. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen dem Verzehr von Substanzvermögen, d.h. bereits realisierten Vermögenswerten und dem Verzehr des in der Zukunft geplanten Vermögenszuwachses (= Gewinn des laufenden Geschäftsjahres, vgl. Abbildung 1). Während auf das Substanzvermögen sofort zurückgegriffen werden kann, muss der Gewinn des laufenden Jahres noch erwirtschaftet werden und bildet damit selbst eine unsichere Größe. Daher sollten die jeweils eingegangenen Verlustrisiken die Erlöse aus potenziellen Rettungsverkäufen von Substanzvermögen nicht übersteigen. Befinden sich Risikopotenzial und Risikodeckungspotenzial im Gleichgewicht, ist der Bestand des Unternehmens gesichert.


Abb. 1: Substanzvermögen versus zukünftiger Vermögenszuwachs

Die Risikotragfähigkeit kann marktwertorientiert oder nach handelsrechtlichen Maßstäben ermittelt werden. Für die Aufstellung der marktwertorientierten Risikotragfähigkeit gilt es zunächst, die einzelnen Marktwerte für alle Aktiva und Passiva zu bestimmen. Hierbei kommt es nicht auf handelsrechtliche Bewertungsspielräume an. Beispielsweise werden bereits abgeschriebene Gebäude und Maschinen regelmäßig gegenüber dem Buchwert einen höheren Marktwert besitzen und damit die Risikotragfähigkeit des Unternehmens erhöhen. Umgekehrt können zu Herstellungskosten angesetzte Maschinen schnell wertlos werden, wenn es sich um Spezialanfertigungen handelt und diese nur schwer veräußerbar sind.

Alternatives Beispiel: Ein modernes Verwaltungsgebäude, dass bereits über einige Jahre abgeschrieben wurde und damit vermeintliche stille Reserven aus handelsrechtlicher Sichtweise trägt. Aus marktwertorientierter Sicht können die stillen Reserven zu „stillen Lasten“ werden, wenn für das Gebäude ohne die dahinter stehende Unternehmung keine alternative Nutzung möglich ist. Ein gutes Beispiel dafür ist der seit über 12 Jahren überwiegend leer stehende Neubau des Stammhauses von Möbel-Franz. Das mittelständische Unternehmen hatte in der mittelhessischen Region Haiger ein Geschäft mit deutlich über 10.000 qm Verkaufsfläche errichtet und war danach mit samt seiner zahlreichen Filialen in Konkurs gegangen. Aus handelsrechtlicher Sicht war der Wert der neuen Immobilie hoch, aus marktwertorientierter Sicht ist es ein einziges, fortwährendes Geldgrab ohne Aussicht auf eine alternative Nutzung und zum Verfall verurteilt.

Neben dem Aspekt der Wertbeimessung spielt bei der Risikotragfähigkeit die Auswahl der später ins Risiko zu stellenden Positionen eine Rolle. So sollten beispielsweise betriebsnotwendige und damit für die Fortführung des Unternehmenszwecks unverzichtbare Aktiva nicht ins Risiko gestellt werden. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass sich im Krisenfall das Verhalten der Umwelt ändert. So können zumindest temporär Kreditlinien gekürzt oder gar gestrichen werden und Beschaffungen von Rohstoffen u.ä. nur gegen Vorkasse möglich sind. Die möglichen Auswirkungen eines schlagend gewordenen Risikos auf die Risikotragfähigkeit und damit das Unternehmen sind vielfältig.

Aus handelsrechtlicher Sicht wird die Risikotragfähigkeit an der Gewinnplanung des laufenden Jahres und den bereits gebildeten Rücklagen und stillen Reserven aus Gewinnen früherer Jahre bemessen. Es bietet sich eine Unterteilung in das Risikopotenzial im Normalbelastungsfall (= wahrscheinliche Verluste), im negativen Belastungsfall (= seltene Verluste) und im Maximalbelastungsfall (= sehr seltene und extreme Verluste) an. In Abbildung 2 wird den unterschiedlichen Risikopotenzialen ein eigenes Risikodeckungspotenzial zugeordnet.


Abb. 2: Zuordnung von Risikopotenzialen und Risikodeckungsmassen


Aus handelsrechtlicher Sicht können den einzelnen Risikopotenzialen gemäß ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit Vermögenspositionen zugeordnet werden, deren Verzicht für die Unternehmung unterschiedlich schmerzhaft ist. Für die erwarteten und damit wahrscheinlichen Verluste sollten beispielsweise nur die gebildeten Rückstellungen und der Übergewinn (= nicht zur Ausschüttung an die Anteilseigner benötigt) riskiert werden. Zur Deckung weniger wahrscheinlicher, aber höherer Verluste können auch stille Reserven und gegebenenfalls der vom Unternehmen benötigte Mindestgewinn eingesetzt werden. Die Summe der Vermögenswerte dieser Positionen bildet die Verlustobergrenze, die ein Totallimit für das Gesamtrisiko des Unternehmens darstellt. Alle darüber hinausgehenden Verluste betreffen die Rücklagen und das Eigenkapital und gefährden damit den Fortbestand des Unternehmens.


Abb. 3: Aufteilung der Risikotragfähigkeit nach Risikopotenzialen

Aus marktwertorientierter Sicht ist eine Unterteilung nach Rückstellungen, stillen oder offenen Reserven nicht möglich, da alle Positionen zu ihren jeweiligen Marktwerten in der Risikotragfähigkeit berücksichtigt werden. Hier gilt es die Summe aller Marktwerte gemäß der Risikopräferenz der Geschäftsleitung auf alle Risiken des Unternehmens zu verteilen. Dabei hat die Geschäftsleitung sowohl eine horizontale Verteilung über die einzelnen Risikoarten, als auch eine periodische Verteilung durchzuführen. Beträgt die marktwertorientierte Risikotragfähigkeit beispielsweise 100 Mio. EUR, gilt es zu entscheiden wie viel davon im laufenden Jahr ins Risiko gesetzt werden sollen und wie sich das Risikobudget auf die einzelnen Risiken verteilen soll. Dabei ist zu berücksichtigen, dass selbst bei einem mit mathematischen Verfahren quantifizierten Risiko nur der Verlust mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit angegeben wird und in Ausnahmefällen der tatsächliche Verlust auch höher ausfallen kann. Daneben tragen alle statistischen Verfahren eine Irrtumswahrscheinlichkeit in sich, so dass die Verluste häufiger als erwartet eintreten können. Um nicht den Fortbestand des Unternehmens und den Geschäftsbetrieb in zukünftigen Jahren zu gefährden, sollte daher der für das laufende Jahr bereitgestellte Anteil der gesamten Risikotragfähigkeit vorsichtig bemessen und auf alle Risiken verteilt werden (vgl. Abbildung 4).


Abb. 4: Zuteilung der marktwertorientierten Risikotragfähigkeit

Die Betrachtung einer handelsrechtlichen Risikotragfähigkeit dient insbesondere der Wahrung der Außendarstellung eines Unternehmens. Sie soll verhindern, dass Verluste bilanzwirksam werden und damit dem Ansehen des Unternehmens bei Anlegern und Analysten schaden. Eine Begrenzung der Risiken aus Sicht der externen Beurteilung mittels GuV und Bilanz ist wichtig in der Außenwirkung und sichert neben der Limitierung bilanzieller Abschreibungen den Ausweis „guter“ Bilanzkennziffern.

Dem gegenüber stellt die marktwertorientierte Risikotragfähigkeit nicht auf Bewertungsspielräume, sondern auf die tatsächlich vorhandenen Vermögenswerte mit ihren aktuellen Marktpreisen ab. Hier steht der Veräußerungswert (Marktwert) von Aktiva im Verlustfall zur Deckung potenzieller Verluste im Vordergrund. Unabhängig davon, für welche Betrachtung der Risikotragfähigkeit sich ein Unternehmen entscheidet, oder ob sogar beide Sichtweisen anwendet, die Risikotragfähigkeit ist die Grundlage jeglicher Limitierung und Chancen-/Risiko-Optimierung. Auf dieser Basis trifft die Unternehmensleitung gemäß ihrer Risikoneigung Entscheidungen über einzugehende (und auch tragbare) Erfolgsrisiken, aus denen entsprechend der Ergebnisvorgaben Chancen realisiert werden sollen.

Eine Unternehmenssteuerung, die stets die Risikotragfähigkeit und damit Widerstandskraft in Krisenzeiten im Kalkül berücksichtigt, ist auch für schwierige Zeiten bestens gerüstet und hat damit Wettbewerbsvorteile gegenüber denjenigen, die gelähmt vor vermeintlich unerwarteten, jedoch eingetretenen Verlusten stehen.

Hinweis:
Das RiskNET Intensiv Seminar "Chancen-/Risikomanagement in Industrie und Handel, Schritt für Schritt professionell umsetzen" beschäftigt sich mit der Ableitung der Risikotragfähigkeit und liefert praktische Umsetzungshilfen hierzu.

[Bildquelle oben: Pixelio]

 

 

 



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