Interview

Errare humanum est

Risikosituationen trainieren!

Redaktion RiskNET13.10.2018, 17:45

Der Mensch nimmt, sofern er selbstbestimmt agiert (oder zumindest glaubt dies zu tun), sehr große Risiken in Kauf. Extremsportarten haben oft ein Risiko von über 10 Prozent (Beispiel: 40 Prozent aller Extremkletterer überleben mittelfristig ihren Sport nicht). Sind Menschen dagegen fremdbestimmten Risiken ausgesetzt, so wird eine fast 100-prozentige Sicherheit vorausgesetzt.

So sind Menschen bei einem Freitag den 13. abergläubig – ein Grund warum es in Flugzeugen keine 13. Sitzreihe gibt. Dieser Aberglaube geht soweit, dass viele Menschen zwar nicht an böse Geister glauben, aber mehr als 90 Prozent an einen Schutzengel. Die restlichen 10 Prozent hoffen zumindest, dass es einen solchen gibt, so Manfred Müller, Flugkapitän und Leiter der Flugsicherheitsforschung der Deutschen Lufthansa.

Über die entscheidenden Faktorenzur Erreichung einer hohen Sicherheit haben wir uns mit Manfred Müller, Flugkapitän und Leiter der Flugsicherheitsforschung bei der Deutschen Lufthansa, unterhalten.

Herr Müller, ist Fliegen gefährlich?

Manfred Müller: Das Flugzeug gehört zu den sichersten Verkehrsmitteln, aber nur dann, wenn die vielfältigen Risikofaktoren berücksichtigt und kontrolliert werden. Ich bin nach über 10 Millionen Flugkilometern als Pilot und als Fluggast noch wohlauf. Aber natürlich gibt es auch beim Fliegen keine hundertprozentige Sicherheit. Um es pointiert mit Erich Kästner zu sagen: "Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich."

Ist es dieses Wissen um ein Restrisiko, das so manchem Fluggast nicht gerade das Gefühl von grenzenloser Freiheit über den Wolken gibt?

Manfred Müller: Viele Menschen haben in der Tat keine Lust auf irgendein noch so kleines Risiko, wenn sie an Bord Platz nehmen und sich anschnallen. Ihre geringe Risikoakzeptanz ergibt sich vor allem daraus, dass sie ihr Geschick nicht selbst in der Hand haben. Sie müssen darauf vertrauen, dass die Crew, was auch immer kommen mag, souverän agiert und kritische Situationen bewältigen kann.

Sind wir nur mutig, wenn wir meinen, selbstbestimmt zu handeln?

Manfred Müller: Das stimmt. Wer sich an Bord mit Sorge in sein Schicksal ergibt, ist vielleicht kurz zuvor mit seinem PKW hochriskant über die Autobahn gefahren, um genau den Flug zu erreichen, der ihm jetzt Angst macht. Obwohl seine Autofahrt deutlich gefährlicher war, hatte er dabei – unbegründet – keine Angst, weil er sich als Herr des Geschehens fühlte.

Gegen subjektiv empfundene Unsicherheit lässt sich kaum etwas tun. Wie können Fluggesellschaften jedoch objektiv für eine hohe Sicherheit sorgen?

Manfred Müller: Es müssen alle Risikobereiche und die jeweiligen Fehlermöglichkeiten identifiziert und bewertet werden. Hierbei werden technische Fehlfunktionen, aber auch sogenannte "menschliche Faktoren" berücksichtigt: Menschen machen Fehler – errare humanum est.

Damit Fehler jedoch nicht vertuscht werden, müssen sie angstfrei berichtet werden können. Nur so können relevante Erkenntnisse gewonnen und entsprechende Systemverbesserungen umgesetzt werden. Hierbei spielt ein non-punitives Meldesystem, das sich am Beichtgeheimnis der Kirche orientiert, eine entscheidende Rolle. Nur auf Basis entsprechender Daten kann das komplexe Zusammenspiel aller kritischen Einflussgrößen optimiert werden.

Von welchen relevanten Einflussgrößen reden wir?

Manfred Müller: Es sind nicht – wie häufig vermutet – in erster Linie technische Probleme. Das entscheidende Thema sind Arbeitsfehler, die bei komplexen operationellen Problemen auftreten. Nur wenn das Team auch unter Druck und ohne Angst vor einem Gesichtsverlust alle relevanten Informationen gemeinsam bewertet, können Krisensituationen mit hoher Zuverlässigkeit entschärft werden.

Das soziale Klima im Cockpit hat einen entscheidenden Einfluss auf die Sicherheit. Gerade in Stresssituationen muss der Co-Pilot offen kommunizieren, wenn er eine Entscheidung des Kapitäns nicht nachvollziehen kann oder sie für falsch hält.

Ein Beispiel?

Manfred Müller: Ein sehr erfahrener Kapitän startete unter massivem Zeitdruck ohne Startfreigabe. Sein erster Offizier wies ihn auf diesen Fehler hin. Doch der Kapitän setzte den Startvorgang aufgrund seiner Zielfixierung fort. Jetzt hätte der erste Offizier seine Warnung wiederholen und – als ultima ratio – das Steuer übernehmen müssen. Das hat er nicht gewagt, und das Flugzeug ist mit fatalen Folgen – 583 Todesopfer – mit einer anderen Maschine kollidiert.

Weiche soziale Faktoren können also harte Konsequenzen haben?

Manfred Müller: So ist es. Etwa 80 Prozent aller sicherheitskritischen "Human Errors" können bei einer optimalen Arbeitsatmosphäre aufgefangen und korrigiert werden. Sicherheit ergibt sich zum einen aus klaren Regeln und zum anderen aus einem konstruktiven Miteinander, das dafür sorgt, dass diese Regeln eingehalten werden.

Wie bekommt man die soziale Seite in den Griff?

Manfred Müller: Wichtig ist ein hierarchisches Gefälle, bei dem sich zum einen Jeder traut, kritische Situationen zu benennen und bei Bedarf einzugreifen und das zum anderen eine effizient geführte Zusammenarbeit erlaubt. Entscheidend ist auch, dass jeder seine eventuellen Bedenken deutlich und mit Nachdruck äußert. Zudem sollten die Crew-Mitglieder kontraproduktive emotionale Befindlichkeiten wie Stress, Lustlosigkeit oder soziale Spannungen offen ansprechen.

Wie kann gesichert werden, dass bei allen Herausforderungen nur die richtigen Leute ans Ruder kommen?

Manfred Müller: Entscheidend ist eine gezielte und strikte Auswahl vor der Pilotenausbildung: Bringt der Kandidat alle erforderlichen physischen Fähigkeiten mit? Ist er unter Stress belastbar? Verfügt er über Disziplin, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit? Werden Fragen wie diese positiv beantwortet, werden in der Ausbildung nicht nur die fachlichen Kompetenzen trainiert und die relevanten Regeln eingeübt; es geht auch um Themen wie Kommunikation, passive und aktive Kritikfähigkeit und eben auch Teamarbeit.

Wer es geschafft hat, darf als Co-Pilot Verantwortung übernehmen und entwickelt sich "on the job" weiter?

Manfred Müller: Die fliegerische Praxis ist wichtig. Erste Offiziere und Kapitäne müssen jedoch zusätzlich im Flugsimulator regelmäßig Risikosituationen trainieren, sich ständig weiterbilden und gesundheitlich fit bleiben. Wenn man weiß, welchen Aufwand gute Fluggesellschaften betreiben, um ein Höchstmaß an Sicherheit zu bieten, kann man ganz entspannt seine Flugreise genießen.

Danke für das Gespräch, Herr Müller, und weiterhin guten Flug!

Manfred Müller ist Flugkapitän und gleichzeitig Leiter der Flugsicherheitsforschung bei der Deutschen Lufthansa sowie Dozent für Risikomanagement.

Manfred Müller ist Flugkapitän und gleichzeitig Leiter der Flugsicherheitsforschung bei der Deutschen Lufthansa sowie Dozent für Risikomanagement.

Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Entwicklung von Strategien für optimierte Personalführung in nicht überwachten Arbeitsbereichen und hält zahlreiche Vorträge, Seminare und Workshops für verschiedene Bereiche der Industrie zum Thema Risikomanagement und Umgang mit Fehlern.

[Die Veröffentlichung des Interview erfolgt mit freundlicher Genehmigung von WillisTowersWatson. Das Interview ist erstmalig in der Spezialausgabe "Risk Perspectives" zum Risk Summit 2018 erschienen.]

[ Bildquelle: Adobe Stock ]


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