Interview

Widerstandsfähigkeit von globalen Lieferketten

Resilienz der Supply Chain messen

Redaktion RiskNET02.06.2017, 18:18

Der FM Global Resilience Index ist ein datenbasiertes Tool, das die Resilienz von Unternehmen in 130 Ländern und Gebieten weltweit in einem Ranking vergleicht. Dazu werden zwölf Treiber, die sich auf die Widerstandsfähigkeit von einem Unternehmen auswirken, zu drei Faktoren zusammengefasst – Lieferkette, Wirtschaft und Risikoqualität. In diesem Jahr wurde der Resilience Index mit einer verbesserten Methodik komplett neu und rückwirkend für fünf Jahre kalkuliert. Zuvor bestanden die drei Faktoren aus jeweils drei Treibern, nun gibt es zusätzlich drei neue Treiber, die auch zukünftig an Relevanz gewinnen werden – Cyberrisiken, Lieferkettentransparenz und Urbanisierung.

Wie werden Daten im Resilience Index gewichtet? Verändert sich die Gewichtung über die Zeit?

Nigel Todd: Die insgesamt zwölf Treiber im Resilience Index werden zu drei Faktoren zusammengefasst und bilden in gleicher Gewichtung den Gesamtwert eines Landes. Der Einfluss jedes Treibers kann sich aber insofern ändern, dass in kommenden Jahren weitere Treiber zum Resilience Index hinzukommen. Die drei neuen Treiber in diesem Jahr sind ein gutes Beispiel dafür, dass der Index stetig an globale Entwicklungen angepasst wird.

Einer der drei Faktoren im Resilience Index ist der Faktor Lieferkette. Hierfür identifiziert der Resilience Index vier maßgebliche Treiber, die sich auf die Widerstandsfähigkeit von globalen Lieferketten auswirken. Welche sind diese Treiber?

Nigel Todd: Die Resilienz der Lieferkette ist ein wichtiger Bestandteil des Resilience Index. Der Faktor analysiert die Widerstandsfähigkeit globaler Lieferketten und wird durch eine tiefe Analyse von vier relevanten Treibern gemessen. Diese sind (1) die Qualität der Infrastruktur, (2) der Umfang von Korruptionskontrollen, (3) die Transparenz der Lieferkette und (4) die Qualität der lokalen Zulieferer. Zusammen bilden diese Treiber den Gesamtwert der Lieferkettenresilienz für ein bestimmtes Land.

Was sind die wesentlichen Erfolgsfaktoren für die Resilienz einer Lieferkette?

Nigel Todd: Zu den wichtigen Erfolgsfaktoren für die Resilienz globaler Lieferketten gehört zum Beispiel die Qualität der Infrastruktur und der lokalen Zulieferer. Da sich globale Unternehmen oft auf lokale Gegebenheiten und Standards verlassen müssen, ist es umso wichtiger, dass die Zulieferer und die Infrastruktur vor Ort widerstandsfähig sind. 

Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor in Zeiten von Industrie 4.0 ist die Lieferkettentransparenz. Die genaue Ortung und Nachverfolgung einer Lieferung erhöht die Sicherung von Lieferketten und ist besonders auf einem globalen Niveau von immer höherer Bedeutung für viele Unternehmen. Im diesjährigen FM Global Resilience Index ist die Lieferkettentransparenz als wichtiger neuer Treiber erfasst.

Ein weiterer Faktor im Resilience Index ist die Risikoqualität. Wie wird dieser Faktor gemessen? Was sind die wesentlichen Kriterien?

Nigel Todd: Der Faktor Risikoqualität misst die relativen industriellen Sachrisiken von Unternehmen weltweit. Anhand des Rankings können Unternehmen einsehen, an welchen Standorten ihre Unternehmen den größten Risiken ausgesetzt sind und in welchen Bereichen sie nachrüsten können. Vier Treiber bilden hier den Gesamtwert für jedes Land. Diese sind (1) vorherrschende Elementarrisiken, (2) die Qualität des Risikomanagements bei Elementarrisiken, (3) die Qualität des Risikomanagements bei Feuerrisiken und (4) inhärente Cyberrisiken.

Im Faktor Wirtschaft werden geopolitische Risiken untersucht. Welche Relevanz haben diese Risiken im Bereich Supply-Chain-Risikomanagement?

Nigel Todd: Geopolitische Risiken wie interstaatliche Konflikte, das Versagen nationaler Regierungen, politisch-motivierte Gewalt oder Terrorismus haben einen starken und oft unerwarteten Einfluss auf die Lieferkette. Es ist besonders wichtig, dass solche Risiken antizipiert und geprüft werden, da sie neben hohen Sachschäden und Lieferkettenunterbrechungen auch zu langfristigen Betriebsstopps führen können. Der Faktor Wirtschaft des Resilience Index misst die Treiber (1) BIP pro Kopf, (2) Ölintensität, (3) Grad der Urbanisierung und (4) politische Risiken für jedes Land, um Unternehmen zu helfen, auch schwer vorhersehbare geopolitische Risiken abzuschätzen.

Wo liegt der wesentliche Mehrwert, den Entscheider aus dem Resilience Index ziehen können?

Nigel Todd: Der Resilience Index dient als Diskussionsgrundlage für Entscheider. Anhand des Rankings können Unternehmen unter anderem globale Lieferketten evaluieren und die Widerstandsfähigkeit von Ländern gegenüber unerwarteten Ereignissen beurteilen. Das ist ein entscheidender Mehrwert bei der Planung wichtiger Geschäftsstrategien.

Dieses Jahr wird es zudem auch einen besonderen Mehrwert für Kunden von FM Global geben. Neben der öffentlichen Version startet im Juni auch eine Kundenversion, die die Resilienz des eigenen Unternehmens bewertet. Diese Version des Resilience Index stützt sich dann auf individuelle Standortdaten und bildet für jeden Kunden einen Gesamtwert, der anhand ihrer Standortpräsenz gewichtet ist. Wenn ein Unternehmen also überwiegend Standorte in einem bestimmten Land hat, wird dieses auch entsprechend stärker in den Gesamtwert einfließen. Mit dieser Methodik können Unternehmen sehen, welche ihrer Standorte besonders risikogefährdet sind – ein echter Mehrwert!

Ist der Resilience Index ein Frühwarnindikator? Oder eher eine Status-Quo-Analyse – basierend auf Daten aus der Vergangenheit und Gegenwart?

Nigel Todd: Viele Risiken sind nur schwer vorhersehbar – ein Frühwarnindikator ist der Resilience Index nicht direkt. Allerdings können Unternehmen mit dem Resilience Index relevante globale Trends bis zu fünf Jahre rückwirkend einsehen, um eine gute Grundlage für ihre Entscheidung bei der Standortauswahl oder der Auswahl von Zulieferern zu erhalten. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel vor der Entscheidung für einen Standort ihres neuen Produktionswerks in Südostasien steht, kann im Resilience Index eingesehen werden, welche Länder dort in der letzten Zeit den höchsten Sprung in der Resilienz gemacht haben – und welche Regionen stagnieren. So verhilft der Resilience Index zur Einschätzung von Entwicklungen mit einem gewissen Interpretationsspielraum.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht eine gelebte Risikokultur für eine hohe Resilienz von Unternehmen?

Nigel Todd: Die gelebte Risikokultur ist ein wichtiger Bestandteil eines resilienten Unternehmens. Doch leider ist dieser Grundsatz nicht immer so verankert, wie Sicherheitsexperten sich das wünschen. Es gibt neben diversen Standortbedingungen auch kulturelle Unterschiede, die eine Risikokultur stark beeinflussen. In den USA, zum Beispiel, ist Risikomanagement in den meisten Unternehmen bereits ein gängiger Begriff. In Deutschland sind wir noch nicht so weit, aber mit zunehmenden Unsicherheiten wie Cyberattacken wächst auch hier das Bewusstsein für ein aktives Risikomanagement. Für alle Unternehmen, die ihre Resilienz gegenüber Sachrisiken stärken wollen, ist der FM Global Resilience Index ein sehr guter Startpunkt.

Nigel Todd ist Vice President und Client Service Manager bei FM Global in Deutschland. Er leitet ein Team von Account Managern und Underwritern und verantwortet sowohl die bestehenden Geschäftsverbindungen als auch den Ausbau des Geschäftsvolumens.

Zuvor war er mehrere Jahre als Manager im Bereich Account Engineering, Field Engineering und für die Ausbildung der Schadenverhütungsingenieure verantwortlich. Seine berufliche Laufbahn begann 1996 als Consultant Engineer bei FM Global. Nigel Todd ist Diplomchemiker – BSc (hons) und MSc – und hat an der University of Strathclyde in Glasgow, Schottland, studiert.

Weitere Informationen

[ Bildquelle: © j-mel - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

Keine Kommentare

Themenverwandte Artikel

Kolumne

Künstliche Intelligenz

Deep Learning in der Cashflow-Modellierung

Daniel Klinge | Lars Holzgraefe [Sopra Steria Consulting]14.08.2018, 07:19

Für die Bewertung optionaler Komponenten in der Cashflow-Modellierung von Kreditgeschäften greifen Banken in der Praxis in der Regel auf zwei Methoden zurück: Entweder baut ein Institut Zahlungen,...

Kolumne

Frühwarnsysteme

"Vorwarnungen" für die Früherkennung von Risikotrends

Robert Brunnhuber MSc02.08.2018, 09:00

Im modernen Risikomanagement begegnet man in der Praxis gerne dem Argument, wonach Krisen ohne Vorwarnungen auftreten würden. Dies ist definitorisch fragwürdig, da Krisen sowohl geeignete Bedingungen...

Kolumne

Kreditrisikomanagement, Digitalisierung und Kostentransforma...

Ein Weg aus der strategischen Nullzins-Falle?

Markus Krall31.07.2018, 10:00

Der Versuch der Europäischen Zentralbank mit allen verfügbaren geldpolitischen Mitteln eine Reflationierung zu erzwingen hat erhebliche Auswirkungen auf die Kreditwirtschaft. Die bei null verflachte...

Kolumne

Reputations-Risikomanagement

Irrtümer der Krisenkommunikation

Frank Schroedter [Engel & Zimmermann AG]26.07.2018, 09:03

Krisen kommen in der Regel unerwartet und können jedes Unternehmen von heute auf morgen treffen. Dann ist Krisenkommunikation gefragt und es kommt auf die adäquate Reaktion an, auf das richtige Wort...

Interview

Garantenpflicht

Haftung eines Risikomanagers

Redaktion RiskNET16.07.2018, 19:30

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seinem Urteil vom 17.07.2009 (Az 5 StR 394/08) einen Leiter einer Rechtsabteilung und Revision wegen Beihilfe zum Betrug durch Unterlassen zu einer Geldstrafe von...