Studie

Rohstoffknappheit, Regulierung und gesellschaftlicher Druck

Naturkapitalrisiken nehmen zu

Redaktion RiskNET14.06.2018, 06:45

Saubere Luft, frisches Wasser oder ein funktionierendes Ökosystem sind für Unternehmen einerseits unabdingbar, andererseits massiv gefährdet. Die Folgen der Verknappung natürlicher Ressourcen – dem sogenannten Naturkapital – beschränken sich jedoch nicht nur auf direkte Umweltschäden. Wenn wichtige Ressourcen knapp werden, Regulierungsbehörden eingreifen und einzelne gesellschaftliche Gruppen oder die breite Öffentlichkeit gegen Geschäftspraktiken protestieren, dann drohen Unternehmen höhere Kosten sowie Haftungsforderungen und Betriebsstörungen, die ihren Gewinn aufzehren und ihre Geschäftsmodelle in Frage stellen können. Besonders hohen Naturkapitalrisiken sind die Öl- und Gasindustrie, der Bergbau, die Lebensmittelbranche und der Transportsektor ausgesetzt. Dies sind die Ergebnisse der neuen Studie "Measuring and Managing Environmental Exposure: A Business Sector Analysis of Natural Capital Risk” der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS).

"Weltweit sehen sich Unternehmen zunehmend mit den negativen Folgen der Vernichtung von Naturkapital konfrontiert", erläutert Chris Bonnet, Manager Environmental, Social and Governance (ESG) Business Services bei AGCS. "Die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wird den künftigen Erfolg von Unternehmen entscheidend mitbestimmen. Zwar steigt das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. Doch viele Unternehmen verstehen noch zu wenig, welchen Naturkapitalrisiken sie ausgesetzt sind, wie sich diese auf ihren Geschäftserfolg auswirken und wie sie beitragen können, natürliche Ressourcen besser zu managen."

Branchen mit hoher Risikoexponierung

In der neuen Studie analysiert die AGCS Daten des Research-Anbieters MSCI ESG Research zu mehr als 2.500 Unternehmen, um die Naturkapitalrisiken für zwölf Branchen zu bewerten. Dabei werden fünf Faktoren berücksichtigt: Biodiversität, Treibhausgasemission, andere Emissionen, Wasser und Abfallstoffe. Das Ergebnis ist: In den Branchen Öl und Gas, Bergbau, Lebensmittel und Transport sind die jeweils drohenden Naturkapitalrisiken im Durchschnitt höher als die derzeit eingesetzten Möglichkeiten der Risikobegrenzung. Diese Branchen befinden sich damit in der "Gefahrenzone".

Die hohen Naturkapitalrisiken in der Öl- und Gasindustrie und im Bergbau liegen oftmals in der Natur des Geschäfts begründet. Zum Beispiel stammen über 90 Prozent des weltweit abgebauten Eisenerzes aus Regionen, in denen Wasserknappheit und Beeinträchtigungen der Biodiversität hohe Risiken darstellen1.  Der Transportsektor sieht sich ebenfalls mit Auswirkungen auf die Biodiversität konfrontiert, zudem belastet der hohe Ausstoß von Treibhausgasen- und anderen Schadstoffemissionen die Nachhaltigkeitsbilanz. Der Kohlenstoffausstoß durch weltweite Transportaktivitäten ist seit 1970 um 250 Prozent angestiegen und trägt mittlerweile 23 Prozent zur globalen CO2-Belastung bei2. Dies zeigt das Potenzial für gezielte Maßnahmen zur Emissionsreduktion und zum Schutz von Flora und Fauna.

Die Lebensmittelindustrie befindet sich ebenfalls in der Gefahrenzone, weil sie entlang ihrer Lieferketten stark von natürlichen Ressourcen in der Landwirtschaft abhängt. Trotz der hohen Gefahr von Lieferausfällen aufgrund von Wasserknappheit haben nur 20 Prozent der Lebensmittelhersteller des MSCI All Country World Index damit begonnen, sich dieser Gefahr in ihren landwirtschaftlichen Lieferketten zu widmen3. Zudem leiden Flora und Fauna nicht selten unter dem übermäßigen Einsatz von Pestiziden, die die Fruchtbarkeit mindern und die Anfälligkeit für Schäden aufgrund von Wetterereignissen erhöhen und damit zu Ernteausfällen bei den Lieferanten der Lebensmittelkonzerne führen können.

Sieben weitere Industriesparten – das Baugewerbe, die Versorgungsunternehmen, die Bekleidungs-, Chemie-, Fertigungs- und Pharmaindustrie sowie der Automobilsektor – befinden sich in der "mittleren Zone", das heißt Naturkapitalrisiken und deren Management befinden sich durchschnittlich im Gleichgewicht. In der sog. "Safe-Haven-Zone" befindet sich lediglich die Telekommunikationsbranche. Telekommunikationsunternehmen sind nicht nur selbst mit geringen Naturkapitalrisiken konfrontiert, sondern können über digitale Kommunikations- und Managementlösungen auch entscheidend zu einem effizienteren Einsatz von natürlichen Ressourcen in anderen Sektoren beitragen.

"Für einige Branchen – darunter wichtige Zulieferindustrien – sind Naturkapitalrisiken quasi geschäftsimmanent. Für sie ist es damit natürlich schwieriger, aber umso wichtiger, natürliche Ressourcen zu managen. Unternehmen in den kritischen Branchen sollten innovative Lösungen zur Reduzierung der Umweltbelastung mit noch mehr Nachdruck einsetzen", sagt Bonnet.

Die AGCS Studie zeigt auf, wie exponiert bestimmte Branchen generell gegenüber Naturkapitalrisiken sind. Dabei zeigen sich große Unterschiede im Nachhaltigkeitsmanagement einzelner Unternehmen innerhalb einer Branche. Unter Energieversorgern gibt es beispielsweise Unternehmen, die Treibhausemissionen durch gezielte Maßnahmen weitgehend reduzieren, während andere ein Vielfaches an Emissionen ausstoßen.

Relevanz eines strategischen Risikomanagements

Naturkapitalrisiken entstehen selten ohne Vorwarnung, sondern entwickeln sich in drei Phasen: In der ersten Phase wächst das Bewusstsein für die jeweiligen Risiken. Im Laufe der Zeit beeinträchtigen diese ein Unternehmen konkret im Geschäftsbetrieb oder seinen Lieferketten, beispielsweise durch regulatorische Veränderungen oder gesellschaftlichen Druck. In der dritten und letzten Phase manifestieren sich Naturkapitalrisiken dann im Geschäftsergebnis in Form von höheren Produktionsausgaben oder Materialkosten, Haftungsforderungen oder Betriebsunterbrechungen.

"Die alles entscheidende Frage ist, wie Risiken so früh wie möglich begrenzt werden können – und zwar sowohl auf der technisch-betrieblichen Ebene als auch im Rahmen des strategischen Risikomanagements", erläutert Bonnet. Bei lokaler Wasserknappheit biete sich als Maßnahme im täglichen Betrieb zum Beispiel Regenwassergewinnung an oder man entscheide sich auf der strategischen Ebene, einen bestehenden Standort wegen Wassermangel in der betreffenden Region nicht zu erweitern.

Messen und Managen

Zahlreiche Unternehmen haben begonnen, sich mit Naturkapitalrisiken als Teil ihres strategischen Risikomanagements zu beschäftigen. Indem sie die Kosten für die Nutzung von Naturkapital bei geschäftlichen Entscheidungen einkalkulieren, fällt es leichter, potenzielle Bedrohungen früh zu erkennen. Zum Beispiel sollte man vor dem Bau einer neuen Fabrik die zukünftige Verfügbarkeit von Wasser und zu erwartende Vorschriften zur Emissionsbegrenzung berücksichtigen.

Allerdings ist es nicht einfach, gegenwarts- und zukunftsorientiertes Risikomanagement in Einklang zu bringen. Wenn sich Unternehmen auf kurzfristige Zielvorgaben konzentrieren, geraten zukünftige und nichtfinanzielle Risiken leicht ins Hintertreffen, da diese nicht einfach zu messen und zu quantifizieren sind. Unternehmen müssen sich jedoch in Zukunft darauf einstellen, dass sie ihre Gefährdung durch Naturkapitalrisiken zunehmend gegenüber Aufsichtsbehörden oder Investoren offenlegen müssen.

"Unternehmen müssen ihre Abhängigkeit von Naturkapital und dessen Beeinträchtigung durch ihr Geschäft verstehen, quantifizieren und sogar in ihren Finanzkalkulationen berücksichtigen. Nur so werden sie sich als robuste und zukunftssichere Organisationen bewähren", betont Bonnet.

1 Branchenbericht von MSCI ESG Research: Nichtedelmetalle, Bergbau und Stahl, März 2017
2 Branchenbericht von MSCI ESG Research: Straßen- und Schienentransport, Mai 2017
3 Branchenbericht von MSCI ESG Research: Lebensmittel, Februar 2017


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