Kolumne

CFO Survey Frühjahr 2018

Fachkräftemangel und Protektionismus dominieren Risikolandkarte

Redaktion RiskNET11.05.2018, 14:32

Der Deloitte CFO Survey reflektiert die Einschätzungen und Erwartungen von CFOs deutscher Großunternehmen zu makroökonomischen, unternehmensstrategischen und finanzwirtschaftlichen Themen sowie aktueller Risiken. Der Survey erscheint halbjährlich und hat zum Ziel, Trends und Trendbrüche zu identifizieren.

Für die deutsche Version des CFO Survey hat Deloitte 150 CFOs deutscher Großunternehmen befragt. Im Fokus der Studie stehen die Wirtschaftsaussichten der wichtigsten Weltregionen, die Lage und die Strategie der deutschen Großunternehmen sowie die Digitalisierung der Finanzfunktion.

Investitionsbereitschaft auf dem höchsten Stand seit 2012

Die befragten CFOs beurteilen die weltwirtschaftliche Lage insgesamt positiv und blicken auch optimistisch auf die weitere Entwicklung in den kommenden 12 Monaten. Der aktuelle CFO Survey zeigt, dass die Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen einen neuen Rekordwert erreicht: War diese trotz guter konjunktureller Lage in den letzten drei Jahren eher verhalten, steigt sie nun deutlich auf einen Indexwert von 47 Prozent (56 Prozent der Unternehmen wollen mehr investieren, 9 Prozent weniger). Das entspricht einem Anstieg von sieben Prozentpunkten im Vergleich zum Herbst 2017 und mehr als einer Verdoppelung gegenüber Frühjahr 2016.

Investitionen: Deutschland ist Spitzenreiter, Digitalisierung im Fokus

Auf die Frage, wo die Unternehmen in den kommenden 12 Monaten Investitionen planen, nennen 63 Prozent der CFOs als Investitionsziel Deutschland – damit liegt der Heimatmarkt aktuell ganz klar vor Westeuropa (22 Prozent) sowie Nordamerika und China mit jeweils 21 Prozent der Nennungen. Dieser Trend deutet auf einen grundlegenden Wandel in der Unternehmensstrategie, der den Heimatstandort eindeutig stärker in den Fokus der Ausrichtung rückt.

Der Blick auf die geplanten Investitionsbereiche offenbart, dass sich die Digitalisierung hierzulande als Investitionstreiber etabliert hat. So planen 76 Prozent der CFOs in Software, Datenverarbeitung, IT-Netzwerke und Internetaktivitäten zu investieren, 75 Prozent konzentrieren sich auf Investitionen zur Prozessoptimierung in ihren Unternehmen. Immerhin knapp die Hälfte der CFOs plant, die Ausgaben für die Weiterbildung der Mitarbeiter zu erhöhen. Traditionelle Investitionsbereiche, etwa Maschinen (43 Prozent) oder Gebäude und Infrastruktur (31 Prozent), spielen demgegenüber nur noch eine untergeordnete Rolle und stehen für die CFOs nicht länger im Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns.

Die Risikolandkarte aus der Perspektive der CFOs

Dieser Paradigmenwechsel im Zuge der Digitalisierung zeigt sich auch in den Antworten der CFOs auf die Frage, wo aktuell der größte politische Handlungsbedarf besteht, um private Investitionen in Deutschland anzukurbeln. Waren in der Vergangenheit die Vereinfachung des Steuersystems und der Bürokratieabbau die wichtigsten Themen, ist nun mit 74 Prozent der Nennungen ganz eindeutig der Ausbau einer digitalen Infrastruktur das Hauptanliegen der CFOs. Denn für die Unternehmen bildet eine funktionierende, flächendeckende digitale Infrastruktur die unerlässliche Basis, um erfolgreich die Zukunft zu gestalten.

Einen bemerkenswerten Wandel gibt es bei den Risikofaktoren, die CFOs für ihr eigenes Unternehmen sehen. Seit der Krimkrise 2014 dominierten politische, internationale Risiken die Agenda der CFOs. Dies ist im Frühjahr 2018 nicht mehr der Fall. Politische Risiken werden zwar nach wie vor als sehr bedrohlich eingeschätzt, aber der Fachkräftemangel stellt aktuell ein größeres Problem für die Unternehmen dar. Fast zwei Drittel der CFOs bewerten ihn als hohes Risiko für ihr Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten.

Neben den unmittelbaren Risiken für das eigene Unternehmen ist auch die Weltwirtschaft aktuell schwerwiegenden Risiken ausgesetzt. Die CFOs sehen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass es zu einem weiteren Anstieg des Protektionismus und des Populismus, zu großen Cyber-Attacken und zu einem harten Brexit kommt.

Die eigene Betroffenheit bezüglich dieser Risiken ist unterschiedlich. Unter den sehr wahrscheinlichen Risiken hätte der steigende Protektionismus die potenziell stärksten Auswirkungen, vor allem in der Automobil- und der Maschinenbauindustrie.

Eine noch größere Auswirkung auf die deutschen Unternehmen hätte allerdings eine neue Krise in der Eurozone. Doch so groß deren Effekt auch auf die Unternehmen wäre, die Wahrscheinlichkeit eines Eintritts bewerten die meisten CFOs als mittelmäßig. Ein Einbruch der Vermögenswerte mit der Folge einer Finanzkrise hätte ähnliche Auswirkungen, wird von den CFOs allerdings für unwahrscheinlicher gehalten.

Abb. 01 | 02: Welcher der folgenden Faktoren stellt für Ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten ein hohes Risiko dar? Binnenwirtschaftliche Risiken

Abb. 01 | 02: Welcher der folgenden Faktoren stellt für Ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten ein hohes Risiko dar? Internationale Risiken

Abb. 01 | 02: Welcher der folgenden Faktoren stellt für Ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten ein hohes Risiko dar?

Abb. 03: Wie bewerten Sie die folgenden Risiken für die globale Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren? Sollte eines der folgenden Szenarien eintreten, wie beurteilen Sie die Auswirkungen auf die finanziellen Aussichten Ihres Unternehmens?

Abb. 03: Wie bewerten Sie die folgenden Risiken für die globale Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren? Sollte eines der folgenden Szenarien eintreten, wie beurteilen Sie die Auswirkungen auf die finanziellen Aussichten Ihres Unternehmens?

Digitale Transformation der Finanzfunktion: Erste Schritte

Für den aktuellen CFO Survey wurden die Studienteilnehmer zusätzlich zum Stand der digitalen Transformation ihres Bereichs befragt. Die Studie liefert deutschen CFOs damit wertvolle Hinweise für eine aktuelle Positionsbestimmung: Wie sind ihre Unternehmen hier im Vergleich zu den Mitbewerbern aufgestellt?

Die Resultate zeigen, dass viele Unternehmen sich noch in einer frühen Phase der Entwicklung befinden:

  • Insgesamt 89 Prozent der Unternehmen nutzen noch herkömmliche ERP-Systeme (on-premise oder über die Cloud) für die Verarbeitung von Finanztransaktionen, nur 11 Prozent sind bereits auf moderne In-Memory-Lösungen umgestiegen, die unter anderem Vorteile für die Auswertung großer Datenmengen auf der Transaktionsebene bieten.
  • In 43 Prozent der Unternehmen verfügt der Finanzbereich nicht über die nötigen Fähigkeiten, Robotics Process Automation zu betreiben. 48 Prozent sind immerhin dabei, ihre Mitarbeiter entsprechend zu schulen, aber nur in 2 Prozent der Unternehmen sind die Mitarbeiter bereits zertifiziert und nutzen Prozessautomatisierung mithilfe von (Software-)Robotern.
  • Lediglich 22 Prozent der Unternehmen analysieren derzeit die Einsatzmöglichkeiten von Cognitive-Computing-Technologien in der Finanzfunktion.
  • 92 Prozent der Unternehmen haben bislang noch keine Anwendungsfälle für die Blockchain definiert.


[ Bildquelle: Adobe Stock ]


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