Kolumne

Das Stabilitätsziel der EZB

Definitionen lösen nie Probleme

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.29.05.2016, 17:53

Wenn ich die Europäische Zentralbank über ihre Absichten und Ziele reden höre, dreht sich mir manchmal der Magen herum. EZB-Präsident Draghi betont immer wieder, er wolle die Preissteigerung nach oben bringen bis zu einer Marke von "nahe aber unter 2 Prozent". Eine Zentralbank, die die Inflation nicht bekämpft, sondern sie im Gegenteil noch verstärken will? Krise hin oder her. Aber das passt für mein Gefühl nicht zusammen. Ich vermute, dass ich damit nicht allein bin.

Nun geht es hier nicht um Gefühle. Hinter dem Unbehagen verbirgt sich ein allgemeines Problem. Geldpolitik muss von den Menschen verstanden und akzeptiert werden. Das gilt insbesondere dann, wenn sie so radikal in unser Leben eingreift wie derzeit. An dieser Glaubwürdigkeit fehlt es im Augenblick. Es gibt nur wenige, die Verständnis dafür haben, wenn sich die EZB legalistisch auf das offizielle Stabilitätsziel beruft und damit ihre expansiven Maßnahmen begründet.

Würde es helfen, wenn man das Stabilitätsziel anders formuliert?

Das Ziel ist noch weit, weit weg: Preissteigerung im Euroraum [Quelle: EZB]

Das Ziel ist noch weit, weit weg: Preissteigerung im Euroraum [Quelle: EZB]

Denkbar ist es. Eine Möglichkeit wäre, das Ziel von 2 Prozent auf 1 Prozent zu reduzieren. Das würde dem Gefühl der Menschen schon näherkommen. Für die meisten heißt Stabilität ohnehin 0 Prozent Preissteigerung, nicht 2 Prozent. Eine andere Möglichkeit wäre, den üblichen Verbraucherpreisindex durch Kennzahlen zu ersetzen, die eine höhere Geldentwertung ausweisen. Da gibt es genügend. Auch in diesem Fall wäre der Handlungsdruck auf die EZB nicht so groß. Sie müsste nicht so weitgehende Maßnahmen ergreifen. Da wäre schon viel geholfen. Aber macht das auch Sinn?

Der Grund, weshalb man das Ziel auf 2 Prozent festgelegt hat, ist ein statistischer. In einer Wirtschaft mit hohem technischem Fortschritt gibt es immer wieder Qualitätsänderungen bei den Produkten. Eine Waschmaschine von heute ist normalerweise besser als eine von vor zwei Jahren. Wenn sie gleichwohl heute das gleiche kostet, dann ist der Preis für dieselbe Qualität nicht gleichgeblieben, sondern tatsächlich gesunken. Null-Inflation bedeutet in einem solchen Fall Deflation. Oder umgedreht: Eine positive Preissteigerung bedeutet Stabilität.

Nun sind Qualitätsänderungen statistisch schwer zu erfassen. Deshalb hat man in die Inflationsmessung ursprünglich eine "Sicherheitsmarge" eingebaut. 2 Prozent sollten abzüglich der Sicherheitsmarge eigentlich 0 Prozent sein. Freilich hat man das schon vor zwanzig und mehr Jahren so festgelegt. Zwischenzeitlich gab es auch in der Statistik Fortschritte. Die Erfassung technischer Veränderungen ist heute wesentlich besser. Wir brauchen zwar weiter eine Sicherheitsmarge, aber sie muss nicht mehr 2 Prozent betragen. 1 Prozent würde ausreichen. Eine Reduzierung des Stabilitätsziels ist also objektiv gesehen vernünftig.

Die Verwendung anderer Kennzahlen als den Verbraucherpreisindex würde ebenfalls helfen. Wenn man beispielsweise die Kernrate der Verbraucherpreise nähme (also abzüglich der Energie- und Nahrungsmittelpreise), so käme man dem Ziel schon näher. Die Kernrate weist derzeit eine Geldentwertung nicht von minus 0,2 Prozent aus, sondern von plus 0,7 Prozent.

Ein anderes Maß ist der Deflator des Bruttoinlandsprodukts. Er zeigt derzeit eine Inflation von 1,2 Prozent. Das ist noch näher an den 2 Prozent. Der Deflator hat zudem den Vorteil, dass er alle Güter und Dienste einer Volkswirtschaft umfasst, nicht nur die Verbrauchsgüter. Allerdings wird dieser Index nicht monatlich, sondern nur vierteljährlich erhoben. Zudem weist er ein paar Besonderheiten auf, die in der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln sind (zum Beispiel wirken sich Preissenkungen bei Energieimporten nicht negativ auf den Index aus, sondern positiv).

Manche haben vorgeschlagen, auch die Preise von Vermögensgütern in den Index aufzunehmen. Da würde man beispielsweise auch Immobilienpreise und Wertpapierkurse berücksichtigen. Die Preissteigerung wäre dann natürlich erheblich höher, weil die Preise der meisten Vermögensgüter in den letzten Jahren sehr viel stärker gestiegen sind. Freilich gibt es auch hier Probleme. Verbrauchs- und Vermögensgüter kann man nicht so einfach über einen Leisten schlagen. Sie haben für den Einzelnen ganz unterschiedliche Wirkungen. Jeder will stabile oder niedrigere Verbraucherpreise und möchte daher eine Begrenzung nach oben. Jeder will aber auch höhere Aktien- und Rentenkurse. Da will er natürlich kein Limit nach oben.

Insgesamt ist es also durchaus möglich, das Mandat der EZB anders und verständlicher zu definieren. Trotzdem halte ich es nicht für richtig. Der wichtigste Grund ist eine allgemeine Lebensweisheit: Langfristige Zielvorstellungen sollte man nicht gerade dann verändern, wenn sie verfehlt werden. Wenn wir wieder einmal bei einer Preissteigerung von 4 Prozent sein sollten, könnte es Leute geben, die das Ziel dann vielleicht auch aus guten Gründen auf 3 Prozent anheben wollen. Für so etwas sollte man keinen Präzedenzfall schaffen. Warten wir mit einer Neudefinition also noch, bis wir auf den Märkten wieder normalere Verhältnisse haben.

Hoffen Sie nicht darauf, dass die derzeitigen Probleme bei der Geldanlage durch eine Neudefinition des Mandats der EZB geändert werden. Definitionen lösen nie Probleme, sie verschleiern sie allenfalls. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Geldpolitik noch eine Weile expansiv bleiben muss. Auch die Zinsen werden noch länger negativ bleiben. Im Übrigen sollten wir nicht erwarten, dass das Leben leichter wird, wenn die Geldpolitik ihren ultralockeren Kurs verlässt. Wir sehen im Augenblick gerade in den USA, wie schwer, langwierig und mit wie viel Risiken das verbunden ist.

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

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