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Interview Münchener Rück

Begrenzter Risikoappetit: Bauchgefühl als Frühwarnung im Risikomanagement

Redaktion RiskNET

Immer noch läuft die größte Schachpartie der Welt. Die Finanzkrise zieht weiter ihre Kreise.  In der Zwischenzeit hat nun auch der letzte Marktteilnehmer gelernt, wie faule US-Kredite und schiere Gier das internationale Finanzsystem erschüttern können. Der Markt ächzt weiter unter den Folgen, und die Banken kämpfen massiv mit ihrer Reputation. Die Folgen auf die Realwirtschaft sind bereits spürbar – das exakte Ausmaß kann jedoch nur grob abgeschätzt werden. So gehen beispielsweise die Analysten der UniCredit davon aus, dass wir uns auch im Jahr 2009 noch intensiv mit der Finanzkrise beschäftigen werden.

Der Blick in den Rückspiegel ist nicht entscheidend

Die Finanzkrise hat Regulatoren und Banken vor allem vor Augen geführt, dass elementare Regeln des Bankgeschäfts und Risikomanagements missachtet wurden. Joachim Oechslin, Chief Risk Officer der Münchener Rück, wies in einem aktuellen Interview (siehe unten) darauf hin, dass Unternehmen, die nur auf Wachstum getrimmt werden und bei denen Risiken im Entscheidungsprozess ausgeblendet werden, derartige Krisensituationen vorprogrammiert seien. "Hinsichtlich des Risikomanagements war es wohl so, dass einige Institute den Fokus stark auf quantitative Risikomodelle gelegt haben. Risikomanagement besteht jedoch nicht nur aus quantitativen Methoden, sondern hat auch eine Menge mit Expertenwissen und gesundem Menschenverstand zu tun." Kritik übte Oechslin vor allem am Risikomaß Value at Risk: "Die ausschließliche Verwendung historischer Daten als Grundlage für die Abschätzung zukünftiger Ereignisse kann dazu führen, dass nicht alle potenziellen Ereignisse erfasst werden, insbesondere solche, die ihrer Natur nach extrem sind." Die Rückversicherungs- und die Versicherungswirtschaft insgesamt wendet auch weiterhin herkömmliche Risikomessmethoden wie beispielsweise PML (Probable Maximum Loss) an, um existenzbedrohende Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen, so Oechslin weiter.

Der Chief Risk Officer des weltweit führenden Rückversicherers wies ergänzend darauf hin, dass vor allem Wachstum im Vordergrund stand und die Risikokontrolle ausgeblendet wurde. "In einigen Unternehmen haben in dem Zusammenhang die Sicherheitsnetze nicht mehr funktioniert. Das hat auch viel mit den Anreizsystemen der Entscheidungsträger zu tun. Ich bin mir sicher, dass die Finanzindustrie hieraus ihre Lehren ziehen wird."

Zum Jahresende 2007 hatte die Münchener Rück nur etwa die Hälfte ihrer gesamten Risikokapazität von 34,3 Mrd. Euro tatsächlich im Risiko. "Dies hat zum einen temporäre Gründe, weil wir mitten in einer Finanzkrise sind und daher die Marktrisiken massiv reduziert haben. Zum anderen kann die Situation darauf zurückgeführt werden, dass wir im Jahr 2007 – basierend auf einem erfolgreichen Geschäftsjahr – neues Kapital aufgebaut haben, und zwar über die im gleichen Zeitraum bezahlten Dividenden und Aktienrückkäufe hinaus", ergänzt Oechslin.

Man muss nicht bei jedem Tanz dabei sein

"Wir haben bisher unser Pulver trocken gehalten und sind vergleichsweise sehr gut kapitalisiert. Wir können sofort loslegen", sagte Nikolaus von Bomhard, Konzernchef des weltweit größten Rückversicherers in einem aktuellen Interview. Dank eines strikten Risikomanagements treffe die Finanzkrise den Konzern weit weniger als manchen Konkurrenten, ergänzt von Bomhard. "Bei allem Einsatz von Modellen und Simulationen bedarf es am Ende einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstands. Wir waren skeptisch, dass die Margen für Kreditrisiken ausreichend sind. Wir hatten auf diese Risiken also keinen Appetit. Oder, um es mit Warren Buffett zu sagen: Man muss nicht bei jedem Tanz dabei sein", so von Bomhard weiter.

Ein mögliches Ziel der Münchener Rück könnten Teile des Versicherers AIG sein. Der weltweit größte Versicherer ist erst vor wenigen Tagen in den Strudel der US-Finanzkrise geraten. Bereits Ende des Jahres 2007 meldete der Versicherungsgigant AIG infolge der Finanzkrise Abschreibungen in Höhe von 11 Mrd. US-Dollar auf ihr Kreditversicherungsportefeuille und demzufolge einen Rekord-Quartalsverlust von 5,3 Mrd. US-Dollar. Am 14. September 2008 schockierte der Versicherungsriese den Kapitalmarkt, da er die US-amerikanische Notenbank Fed um einen Überbrückungskredit von rund 40 Milliarden Dollar bat. Zuvor hatten alle drei großen Ratingagenturen ihr Rating herabgestuft und erklärt, dass weitere Herabstufungen folgen könnten. Moody's senkte die Bewertung auf A2 von Aa3, Standard & Poor's auf A-Minus von AA-Minus und Fitch auf A von AA-Minus. Am 16. September 2008 gewährte die US-Notenbank dem Konzern einen Kredit von 85 Milliarden US-Dollar, übernahm aber im Gegenzug 79,9 Prozent der Anteile. Die AIG steht nun unter dem Druck, sich von Konzernteilen zu trennen und will am kommenden Freitag bekanntgeben, welche Bereiche abgestoßen werden. Ein möglicher Interessent ist die Münchener Rück, die sich für eine Expansion gut gerüstet sieht.


Download Interview Joachim Oechslin, CRO der Münchener Rück:


[Bildquelle: RainerSturm, pixelio.de /Quelle: RISIKO MANAGER, Ausgabe 16/2008, S. 10-13]



Kommentare zu diesem Beitrag

Peter /30.09.2008 08:26
Mir gefällt insbesondere die Aussage zum VaR: Die ausschliessliche Verwendung historischer Daten als Grundlage für die Abschätzung zukünftiger Ereignisse kann dazu führen, dass nicht alle potenziellen Ereignisse erfasst werden, insbesondere solche, die ihrer Natur nach extrem sind. Das ist meines Erachtens aber nicht ein Problem des Value-at-Risk-Konzeptes, sondern viel mehr seiner Anwendung.
VistaBella /19.10.2008 08:59
Häufig ist es besser, wenn man das Pulver trocken hält und nicht jeder Empfehlung von Investoren/Analysten etc. hinterherläuft. Access Capital erweist sich nun als gutes Schutzschild ...

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