Gefahr einer ESG-Bubble?

Nachhaltigkeit zwischen Value-Falle & ESG-Bubble


Kolumne

Europas "Mann auf dem Mond"-Moment: So bezeichnete die EU-Kommissionspräsidentin den European Green Deal 2019 – ein Abkommen mit dem Ziel, bis zum Jahre 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Ob dies nun ein treffender Vergleich ist, sei an dieser Stelle dahingestellt, allerdings ist das avisierte Investitionsvolumen von einer Billion Euro bis zum Jahr 2030 durchaus astronomisch. Auch auf dem Finanzmarkt ist das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr wegzudenken, wie unlängst zum Beispiel im Zuge der Offenlegungsverordnung.

Ein Stück weit sicherlich durch Politik und Regulatorik motiviert, lässt sich unweigerlich ein Umdenken aufseiten der Investoren beobachten. Laut Morningstar verzeichneten nachhaltig orientierte Fonds in Europa im Jahr 2020 Nettomittelzuflüsse in Höhe von 233 Milliarden Euro. Hiervon entfielen alleine 100 Milliarden Euro auf das vierte Quartal, was in diesem Zeitraum 45 Prozent aller Zuflüsse in Europa zugelassener Fonds entspricht.

Nachhaltigkeit mit realökonomischen Auswirkungen

Zudem ist es längst nicht mehr so, dass nachhaltiges Wirtschaften aufseiten der Unternehmen einem rein moralischen Rational folgt. Denn neben dem entsprechenden Gebaren der Politik, gewinnt die Thematik auch beim Endkunden massiv an Bedeutung. Insofern stellen potenzielle Skandale ein enormes Reputationsrisiko dar, was beispielsweise nicht nur den Markenwert einer Firma mindert, sondern sich auch in Form von abwandernden Kunden direkt auf das Zahlenwerk auswirken kann. Durch sich verändernde Investorenpräferenzen steigen zudem die Refinanzierungskosten für ESG-Nachzügler, wohingegen die Nachhaltigkeitsvorreiter durch leichteren Zugang zu Kapital sowie höhere Bewertungen honoriert werden. Letztlich bedingt dies eine ökonomisch rationale Incentivierung zu nachhaltigem Wirtschaften.

Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Performance wider, wie Abb. 01 verdeutlicht. Einer der populärsten, globalen ESG-Indizes, welcher von milliardenschweren ETFs abgebildet wird, konnte den globalen Aktienmarkt innerhalb der vergangenen drei Jahre mit einer Outperformance von 8 Prozent deutlich hinter sich lassen.

Abb. 01: Wertentwicklung (in EUR) ESG-Index vs. globaler Aktienmarkt [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]Abb. 01: Wertentwicklung (in EUR) ESG-Index vs. globaler Aktienmarkt [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]

ESG & Value – passt das zusammen?

Für den geneigten Value-Investor stellt das Thema Nachhaltigkeit jedoch durchaus eine Herausforderung dar. Denn Unternehmen mit hoher ESG-Ausprägung weisen in der Regel erfolgsversprechende Wachstumschancen auf und nehmen somit in ihrem Sektor eine Vorreiterstellung ein. Diese Erwartungen schlagen sich allerdings auch in hohen Unternehmensbewertungen nieder, welche mitunter über den zuvor erwähnten – durchaus gerechtfertigten – Bewertungsaufschlag hinausgehen. In der Folge finden entsprechende Unternehmen oftmals nur geringfügig in Value-Portfolien Berücksichtigung.

Nichtsdestotrotz darf der Aspekt von Nachhaltigkeitsrisiken nicht außer Acht gelassen werden. Denn eine günstige Bewertung kann insbesondere unter Berücksichtigung der Einflüsse von Ländern, Sektoren sowie weiteren Faktoren, das Resultat hoher, erwarteter Nachhaltigkeitsrisiken darstellen. Ohne entsprechende Kontrolle dieser Risiken ergibt sich somit die Gefahr der sogenannten Value-Falle, das heißt Unternehmen sind zurecht günstig bewertet.

Gefahr einer ESG-Bubble?

Ein Fallstrick bei der ESG-Integration in Value-Strategien ist, dass es in gewissen Teilbereichen des ESG-Marktes mitunter zu regelrechten Hypes kommt, wodurch sogenannte ESG-Bubbles entstehen können. Denn selbst wenn ein gewisser Bewertungsaufschlag für nachhaltig orientierte Firmen gerechtfertigt ist (im Sinne eines günstigeren Kapitalzugangs), gibt es Grenzen der Vernunft.

Abb. 02 vergleicht das Bewertungsniveau des globalen Clean Energy-Index in Relation zum globalen Value-Index – gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis. Es lässt sich beobachten, dass das Thema Clean Energy relativ zum Value-Index vor wenigen Jahren nicht einmal teuer bewertet wurde. Allerdings haben sich die Bewertungen der Indizes in den vergangenen drei Jahren signifikant entkoppelt – in der Spitze betrug der Bewertungsaufschlag gut 320 Prozent. Dass dies eine Übertreibung darstellte, verdeutlicht die rasante Korrektur im ersten Quartal 2021.

Abb. 02: Bewertungsaufschlag relativ zum globalen Value-Index [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]Abb. 02: Bewertungsaufschlag relativ zum globalen Value-Index [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]

Assenagon Equity Framework

Die Integration von Nachhaltigkeit in Aktienstrategien bei Assenagon fußt auf zwei Eckpfeilern. Zum einen verwenden wir gezielte Ausschlüsse besonders kontroverser Unternehmen. Pauschale Ausschlüsse einzelner Sektoren sind unserer Meinung nach nicht zielführend im Sinne der ganzheitlichen Portfoliosteuerung und Sicherstellung einer breiten Diversifikation. Zum anderen folgen wir der festen Überzeugung, dass eine aktive Gestaltung der Nachhaltigkeit immer eine Verbesserung des Status Quo, gemessen zum Universum, impliziert. Aus diesem Grund streben unsere Aktienstrategien eine deutliche Verbesserung bei ESG-Score sowie CO2-Fußabdruck gegenüber dem Universum an.

Dass dieser Ansatz zu einem messbaren Ergebnis führt, verdeutlicht Abb. 03. Gemessen am "Sustainable Impact", welcher den Umsatzanteil im Portfolio in besonders nachhaltigen Geschäftsfeldern (erneuerbare Energien, bezahlbarer Wohnraum, Bildung etc.) misst, lässt sich der Nachhaltigkeitscharakter durchaus mit einem ausgeprägten Value-Profil vereinen.

Abb. 03: Sustainable Impact im Vergleich [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]Abb. 03: Sustainable Impact im Vergleich [Quelle: Assenagon, Bloomberg; Stand: März 2021]

Nachhaltigkeitsrisiken eine Value-Falle begründen

rotz höherer Bewertungsniveaus und vereinzelter Bereiche, in denen sich eine Blase abzeichnet, ist die Berücksichtigung im Rahmen von Value-Strategien nicht nur aus moralischen Überlegungen heraus wichtig. Denn selbst bei Kontrolle sämtlicher Nebeneffekte können Nachhaltigkeitsrisiken eine Value-Falle begründen. Aus diesem Grund ist es unabdingbar Bewertung und Nachhaltigkeit gegeneinander abzuwägen. So muss auch der geneigte ESG-Investor auf Value im Portfolio nicht verzichten.

Autoren:

Daniel Jakubowski

Equity Portfolio Management
Assenagon Asset Management S.A.

Ulrich Wessels
Structured Sales 
Assenagon Asset Management S.A.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / Blue Planet Studio ]
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