Studie

Modellierung des Hurrikanrisikos

2017 bislang höchste versicherte Katastrophenschäden

Redaktion RiskNET10.04.2018, 19:11

Der durch Natur- und Man-made-Katastrophen weltweit verursachte wirtschaftliche Gesamtschaden belief sich 2017 auf 337 Mrd. USD. Dieser Wert ist laut der jüngsten sigma-Studie des Swiss Re Institute beinahe doppelt so hoch wie 2016 und der zweithöchste je verzeichnete weltweite Gesamtschaden. Die weltweiten versicherten Schäden infolge von Katastrophenereignissen lagen bei 144 Mrd. USD, dem bisher höchsten in einem einzelnen Jahr registrierten Wert. Ein Grossteil der Schäden war auf drei Hurrikane – Harvey, Irma und Maria (HIM) – zurückzuführen, die in kurzer Folge  über Teile der USA und der Karibik hinwegzogen. Diese Hurrikane führten zu einem versicherten Gesamtschaden von 92 Mrd. USD. Damit war 2017 nach 2005 die zweitteuerste Hurrikansaison. Auch in Bezug auf Waldbrände war 2017 ein Jahr der Rekorde.

Rund um den Globus führten grossflächige Waldbrände zu versicherten Schäden von 14 Mrd. USD – der bisher höchsten Zahl für Waldbrände. Nach sigma-Kriterien kam es 2017 weltweit zu 301 Katastrophenereignissen, gegenüber 329 im Jahr 2016.

Mehr als 11 000 Menschen verloren im letzten Jahr infolge von Katastrophen ihr Leben oder gelten seither als vermisst, Millionen verloren ihr Obdach. Insgesamt kamen über 8 000 Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben. Ein Erdrutsch und Überschwemmungen in Sierra Leone Mitte August forderten die meisten Opfer – hier lag die Zahl der Todesopfer und Vermissten bei 1 141. In Indien, Nepal und Bangladesch starben über 1 000 Menschen durch schwere Monsunregenfälle und Überschwemmungen.

Aktive Hurrikansaison im Nordatlantik dauert an

Die versicherten Schäden aus Natur- und Man-made-Katastrophen im Jahr 2017 waren die höchsten je verzeichneten innerhalb eines Jahres.

Insgesamt beliefen sich 2017 die weltweit versicherten Schäden auf 144 Mrd. USD und der wirtschaftliche Gesamtschaden auf 337 Mrd. USD. Somit bestand 2017 eine weltweite Deckungslücke für Katastrophenereignisse von rund 193 Mrd. USD. Hauptursache für die hohen versicherten Schäden war die aktive Hurrikansaison im Nordatlantik. Besonders die HIM-Hurrikane, welche alle eine Stärke von 4+* erreichten, hinterliessen eine Spur der Verwüstung in der Karibik, Puerto Rico, Texas und Teilen von Westflorida.

Tab. 01: Wirtschaftliche und versicherte Gesamtschäden 2017 und 2016 in Milliarden USD zu Preisen von 2017

Tab. 01: Wirtschaftliche und versicherte Gesamtschäden 2017 und 2016 in Milliarden USD zu Preisen von 2017

Laut sigma verursachten die HIM-Hurrikane einen wirtschaftlichen Schaden von 217 Mrd. USD. Hurrikan Irma führte zu den höchsten wirtschaftlichen Schäden in der Karibik seit Beginn der Aufzeichnungen, während Maria die gesamte Infrastruktur Puerto Ricos lahmlegte, darunter auch die Strom- und Wasserversorgung, die Transport- und Kommunikationsnetze und die Energieanlagen. Ein wichtiges Merkmal der nordatlantischen Hurrikansaison 2017 waren die mit den Stürmen einhergehenden starken Niederschläge und der entsprechend hohe Wasserschaden-Anteil an den Gesamtschäden. So sorgte beispielsweise Harvey für sintflutartige Regenfälle, die in der Folge zu katastrophalen Überschwemmungen in einigen der am dichtesten besiedelten Gegenden der Golfküste führten, darunter auch in Houston. Rund 200 000 Häuser standen unter Wasser und 500 000 Fahrzeuge wurden beschädigt. Der wirtschaftliche Gesamtschaden durch Harvey belief sich auf 85 Mrd. USD.

Der von den HIM-Hurrikanen verursachte versicherte Gesamtschaden lag bei etwa 92 Mrd. USD; das entspricht 0,5 % des US-amerikanischen BIP im Jahr 2017. Dieser versicherte Schaden teilt sich wie folgt auf die drei Stürme auf:

  • Harvey 30 Mrd. USD,
  • Irma 30 Mrd. USD und
  • Maria 32 Mrd. USD.

"Nachdem zwölf Jahre lang kein starker Hurrikan in den USA auf Land getroffen war, wird 2017 wohl als eine der bisher teuersten nord- atlantischen Hurrikansaisons in die Geschichte eingehen, und zwar hinsichtlich wirtschaftlicher Schäden wie auch versicherter Schäden", erklärt Martin Bertogg, Leiter Catastrophe Perils bei Swiss Re.

Der Nordatlantik scheint sich weiterhin in einer aktiven Hurrikanphase zu befinden. Somit besteht nach wie vor eine erhöhte Gefahr, dass sich schwere Wirbelstürme bilden und später auf Land treffen. "Eine zentrale Erkenntnis, die Versicherer aus der Erfahrung mit den HIM-Hurrikanen mitnehmen: Bei der Modellierung des Hurrikanrisikos muss nicht nur die Stärke einzelner Stürme, sondern auch die Möglichkeit mehrerer Wirbelstürme innerhalb eines Jahres berücksichtigt werden. Das ist besonders aus Sicht des Risikomanagements wichtig, weil es den Versicherern – und letztendlich auch der Gesellschaft als Ganzes – hilft, sich besser auf künftige Ereignisse dieser Art vorbereiten zu können", fügt Martin Bertogg hinzu.

Abb. 01: Versicherte Schäden durch Wirbelstürme im Nordatlantik, 1990-2017, in Milliarden USD zu Preisen von 2017

Abb. 01: Versicherte Schäden durch Wirbelstürme im Nordatlantik, 1990-2017, in Milliarden USD zu Preisen von 2017

Ein Jahr rekordverdächtiger Waldbrandschäden

Weltweit sind Schäden durch Waldbrände in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen, auch 2017 kam es wieder zu zahlreichen Grossbränden. Die weltweiten durch Waldbrände versicherten Schäden lagen bei 14 Mrd. USD – dem höchsten bisher in einem einzelnen Jahr registrierten Wert, zu denen die Waldbrände in Nord- und Südkalifornien im Oktober und Dezember 2017 13 Mrd. USD beitrugen. So verursachte das Tubbs-Feuer in Napa und Sonoma County versicherte Schäden in Höhe von 7,7 Mrd USD. Damit ist dies nach sigma-Aufzeichnungen und gemessen am entstandenen versicherten Schaden der bisher weltweit teuerste Waldbrand. Auch in Kanada und  Europa brachen im vergangenen Jahr grosse Waldbrände aus. In Portugal schafften Hitze und starke Winde die Voraussetzungen für unkontrollierbare Waldbrände. Von Jahresanfang bis Ende Oktober verbrannten 53-mal mehr Hektar Land als im Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre.

Die bisher höchsten versicherten Schäden durch Waldbrände weltweit entstanden in den USA und Kanada.

Dies geht einher mit länger andauernden Waldbrandsaisons (längere und wärmere Sommer) und dem häufigeren Auftreten von Waldbränden. In Nordamerika wird das Waldbrandrisiko durch eine rasch wachsende Exposition erhöht. Die Erschliessung von Bauland an der Schnittstelle von Wald und Siedlungsraum ("wildland-urban interface" oder WUI, also Land am Rande oder innerhalb von unberührten Naturlandschaften mit leicht brennbarer Vegetation) schreitet schnell voran. Seit 1990 wurden 60 Prozent der neuen Häuser in den USA in WUI-Gebieten erbaut. Gebäude in diesen Gebieten sind aufgrund ihrer Nähe zum Wald und zu potenziellen Brandherden besonders stark gefährdet.

Hohe Schäden aufgrund starker Überschwemmungen

2017 kam es in verschiedenen Regionen der Welt zu heftigen Regenfällen. Die schweren Niederschläge verdeutlichten abermals, wie anfällig unsere zunehmend urbanisierte Welt für Überschwemmungen ist. Zum Beispiel wurde der Grossraum Houston durch den Starkregen infolge von Hurrikan Harvey zu weiten Teilen unter Wasser gesetzt. In China trat der Jangtse Fluss nach heftigen Regenfällen über die Ufer und sorgte gemeinsam mit dem anhaltenden Regen für Überflutungen in elf Provinzen, in deren Folge mehr als 400 000 Häuser unter Wasser standen. Der wirtschaftliche Schaden wird auf 6 Mrd. USD geschätzt und macht es somit zum teuersten Katastrophenereignis in Asien in 2017. Aufgrund der tiefen Versicherungs- durchdringung war jedoch nur ein Bruchteil der Schäden gedeckt. In Indien, Nepal und Bangladesch sorgte die Monsunsaison 2017 mit schweren und andauernden Regenfällen für gewaltige Schäden und zahlreiche Todesfälle. Die wirtschaftlichen Schäden durch eine Reihe von Überschwemmungen in Bihar, Assam, Westbengalen und anderen indischen Bundesstaaten beliefen sich auf etwa 2,5 Mrd. USD; in Nepal verursachten Überflutungen in der Region Terai Schäden in Höhe von 0,6 Mrd. USD.

Tab. 02: Die teuersten versicherten Katastrophenschäden 2017, in Milliarde USD

Tab. 02: Die teuersten versicherten Katastrophenschäden 2017, in Milliarde USD

* Die Saffir-Simpson-Skala gibt die Intensität eines Hurrikans in Kategorien von 1 bis 5 an; die Einordnung basiert auf den anhaltenden Windgeschwindigkeiten im Innern des Hurrikans. Stürme der Kategorie 3 oder höher gelten als schwere Hurrikane. Siehe auch  www.nhc.noaa.gov/aboutsshws.php

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