Volatilität, Versuch und Irrtum

Risikophobie als Wurzel für systemische Risiken


Volatilität, Versuch und Irrtum: Risikophobie als Wurzel für systemische Risiken News

"Wo liegt oder lag eigentlich das Paradies, jener Ort der Glückseligkeit, wo Milch und Honig fließen, der auch der Garten Eden genannt wird?" Diese Frage stellt Deutschlandfunk Kultur in einem Beitrag zu: "Das Paradies" aus dem Jahr 2017. In dem Artikel wird klar, dass eben nicht klar ist, wo sich das Paradies befindet – sowohl archäologisch, theologisch als auch historisch getrachtet. Allen Spekulationen zum Trotz herrscht in unseren Köpfen gerne dieser Idealzustand vor. Sprich, ein sorgenfreies Leben gehört für viele Menschen zum ersehnten Glück. Überspitzt formuliert, eine Lebensvorstellung wie im Paradies mit Milch und Honig, privat und beruflich. Dass bei solchen idealistischen Vorstellungen zu oft die möglichen Risiken einer realen Welt im Wandel und mit einer größer werdenden Risikolandkarte ausgeblendet werden, das liegt auf der Hand. Im Umkehrschluss folgt unsere Gesellschaft vielfach einem Leitbild der Risikoaversion, der Lernaversion und der Bequemlichkeit.

Risikophobie und Ungleichgewichte

In diesem Zusammenhang startete Dr. Markus Krall, Sprecher der Geschäftsführung beim Edelmetallhändler Degussa, seinen Vortrag anlässlich des RiskNET Summit 2019 mit einem Zitat der Autorin Ayn Rand. "Man ist frei die Realität zu ignorieren. Man ist frei, seinen Verstand von jedem Fokus zu befreien und jeden Weg blind hinab zu stolpern, den man möchte. Aber man ist nicht frei, den Abgrund zu vermeiden, den zu sehen man sich weigert." Krall vergegenwärtigte den rund 100 Teilnehmern des RiskNET Summit die "Risikophobie als tiefere Wurzel des Desasters" und das unter der zentralen Frage: Kann Europa die beginnende Krise überleben? Seiner Ansicht nach erwarte die Gesellschaft von der Politik, dass sie jede Volatilität und jedes schlechte Bild von uns fernhalte. Krall: "Unterdrückung von Risiko und Volatilität führt aber nicht zu ihrer Abschaffung sondern zur Akkumulation." Und er ergänzt: "Die Krise unserer Gesellschaft ist die Folge dieses systematischen Aufbaus von Ungleichgewichten." Dieser Prozess sei nach Kralls Worten unausweichlich, weil Volatilität Ausdruck von Versuch und Irrtum sei, dem einzigen Weg evolutionärer Systeme, zu lernen.

Markus Krall: Unterdrückung von Risiko und Volatilität führt aber nicht zu ihrer Abschaffung sondern zur Akkumulation. Die Krise unserer Gesellschaft ist die Folge dieses systematischen Aufbaus von Ungleichgewichten Markus Krall: Unterdrückung von Risiko und Volatilität führt aber nicht zu ihrer Abschaffung sondern zur Akkumulation. Die Krise unserer Gesellschaft ist die Folge dieses systematischen Aufbaus von Ungleichgewichten

Angst vor Unsicherheit, Angst vor dem Scheitern

Dieses Prinzip, das beispielsweise im anglo-amerikanischen Raum weit verbreitet ist und mit Chance gleichgesetzt wird, hat in unserer Gesellschaft einen eher negativen Charakter. Das heißt, die Angst vor der Unsicherheit und dem beruflichen und damit gesellschaftlichen Scheitern ist größer als die möglichen Chancen es zu versuchen. In diesem Zuge kommt die Universität Hohenheim in einer Studie "Gute Fehler, schlechte Fehler" aus dem Jahr 2015 zu dem Schluss, wonach rund 42 Prozent der befragten Studienteilnehmer der Aussage zustimmten, dass man kein Unternehmen gründen sollte, wenn das Risiko des Scheiterns besteht. Mit Blick auf dieses Ergebnis zeigt sich, dass hierzulande zwingend an einer umfassenden Unternehmenskultur gearbeitet werden sollte. Die Autoren der zuvor genannten Studie sprechen sich dafür aus, "gemeinsam für eine neue und fehlerfreundliche Unternehmerkultur in Deutschland einzutreten, die sich durch den Willen zum Lernen aufgrund wertvoller Erfahrungen und die gegenseitige Ermutigung zu unternehmerischen Vorhaben auszeichnet". Oder wie es Henry Ford formulierte: "Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge."

Markus Krall: Die künstliche Unterdrückung der kreativen Zerstörung erzeugt eine sich auftürmende Bugwelle von Pleiten durch Akkumulation von ZombieunternehmenMarkus Krall: Die künstliche Unterdrückung der kreativen Zerstörung erzeugt eine sich auftürmende Bugwelle von Pleiten durch Akkumulation von Zombieunternehmen

Eine falsche Geldpolitik

Zurück zu Markus Krall. "Heute stehen wir vor mindestens fünf großen Diskontinuitäten", führt der Autor fort: "Sie betreffen das Geldsystem, das Internet, die Parteiendemokratie, die Unternehmenswelt und die Geopolitik." Krall sieht unser Geldsystem am "Stress to Break"-Punkt. Seiner Meinung nach folge die Geldpolitik falschen keynesianischen Modellen, die die Realität nicht abbildeten. Hinzu kommt eine Nullzinspolitik über alle Laufzeiten. Krall: Diese Nullzinspolitik zerstört die Ertragsbasis der Banken mit hohem Tempo". "Gleichzeitig hält der Nullzins als Subvention Unternehmen am Leben, die von der Schumpeter'schen kreativen Zerstörung aussortiert werden sollten." Diese Zombieunternehmen machen mittlerweile über 12 Prozent aller Unternehmen in Europa aus. "Sie sind ineffizient, binden aber produktive Ressourcen und machen so das Wachstum anämisch", unterstreicht Krall. Sie werden im Falle einer Zinswende oder eines anderen gesamtwirtschaftlichen Schocks Pleite gehen und das Bankensystem in den Abgrund reißen. Krall kritisiert die Geldpolitik der EZB als planwirtschaftlich und nicht marktwirtschaftlich. Am Ende malte er unter der Überschrift: "Die Rechnung wird nicht finanzierbar sein" ein düsteres Bild. Auf dem ist ein Bankencrash zu sehen. Und dieser führt von einer Deflation zur Hyperinflation und Superstagflation. Ein rettendes Ufer scheint in einem solchen Szenario nicht in Sicht, geschweige denn ein Paradies.

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[ Source of cover photo: Adobe Stock ]
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