Risikomanagement braucht Mensch und Maschine

Risikokultur ist keine Management-Lyrik


"Gutes" Risikomanagement braucht Mensch und Maschine: Risikokultur ist keine Management-Lyrik Interview

Eine im Jahr 2013 durchgeführte Studie des Kompetenzportals RiskNET legte  Optimierungspotenziale im unternehmerischen Risikomanagements offen: Mehr als 50 Prozent der rund 580 befragten Unternehmen betrachten die Entwicklung einer "gelebten Risikokultur" als die größte Herausforderung in der nahen Zukunft. Bei einem Blick auf die Risikolandkarte zeigt die Studie außerdem, dass im Umfeld von Corporate Governance branchenübergreifend die unzureichende Unternehmens- und Risikokultur als größtes Risikopotenzial betrachtet wird.

Über 61 Prozent (362 Unternehmen) der Studienteilnehmer waren davon überzeugt, dass das beste System für Risikomanagement unwirksam bleibt, wenn es nicht tagtäglich im Unternehmen gelebt wird. Damit das Management der Chancen und Risiken nicht zu einem potemkinschen Dorf wird, muss sich Risikomanagement als wertschöpfender Prozess verstanden werden und die Unternehmenssteuerung integriert sein. Nur so wird Risikomanagement zu einem strategischen und wertschöpfenden Instrument.

Leider sieht die Realität häufig anders aus: Risikomanagement wird reduziert auf eine vergangenheitsorientierte "Risikobuchhaltung". Oder überspitzt formuliert: In manchem Unternehmen wird das Risikomanagement nur deshalb betrieben, um den formalen gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden und am Jahresende das begehrte "Häkchen" des Abschlussprüfers zu erhalten.

Wir sprachen mit Dr. Joachim Hein, verantwortlich für die Performanceanalyse und das Risikocontrolling bei der Union Investment über Nutzen und Schwachstellen von Risikomodellen.

Auf der Risikomanagement-Konferenz von Union Investment hat Professor Emanuel Derman von der Columbia University vor einem zu großen Vertrauen in die Fähigkeiten von finanzmathematischen Modellen gewarnt. Müssen Risikomanager nun umdenken?

Joachim Hein: Trotz berechtigter Skepsis sollten wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Denn ohne mathematische Modelle werden wir auch künftig im Risikomanagement nicht auskommen. Modelle erleichtern die systematische Steuerung von Risiken. Sie ermöglichen eine automatisierte Risikobewertung nach einheitlichen und nachvollziehbaren Maßstäben. Bei Union Investment setzen wir daher weiterhin auf die etablierten, gängigen Verfahren und versuchen, diese weiter zu verbessern.

Wo liegen denn die Schwächen der Modelle?

Joachim Hein: Der Nutzen von finanzmathematischen Modellen ist nur so groß, wie ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit abzubilden. Das ist gewissermaßen die Achillesferse. Denn völlig zu Recht hat Professor Derman darauf hingewiesen, dass auch die besten Modelle nie in der Lage sein werden, die Komplexität der Realität vollständig abzubilden. Modelle können daher immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein. Zu 100 Prozent werden sie diese nie erfassen, wie wir unter anderem im Verlauf der Finanzmarktkrise gesehen haben. Dieser Grenze sollten sich Risikomanager stets bewusst sein.

Lässt sich dieses grundsätzliche Manko ausgleichen?

Joachim Hein: Vollständig wird dies vermutlich nie gelingen. Was aber hilft, ist eine Vielfalt beim Modelleinsatz. Werden Risiken aus mehreren Blickwinkeln analysiert beziehungsweise unterschiedlich parametrisierte Modelle genutzt, lassen sich die jeweiligen Schwächen ausgleichen. So wenden wir zum Beispiel für jedes unserer Portfolios sieben verschiedene Value-at-Risk-Methoden an. Wenn auch kein einzelner Wert für sich betrachtet 100 Prozent realitätskonform ist, so können wir die Ergebnisqualität dadurch dennoch erheblich verbessern. Wichtig ist in jedem Fall aber ein kritischer Blick auf die Ergebnisse. Diese müssen sachgerecht und mit einem gehörigen Maß an Erfahrung interpretiert werden. Ein endgültiges Resultat, das die Maschine auf Knopfdruck ausspuckt, gibt es in der Regel also nicht. Dazu braucht es immer auch den Menschen.

Was können Modelle leisten, was der Mensch?

Joachim Hein: Risikomodelle leisten wertvolle Hilfe bei der Standardanalyse – bei der Messung, beim Risikoreporting, bei der systematischen Diversifikation und der Verlustbegrenzung. Die  weiterführende Analyse der Risikotragfähigkeit insbesondere vor dem Hintergrund von Sondersituationen an den Märkten erfordert hingegen den gesunden Menschenverstand.

Mensch und Maschine müssen also Hand in Hand arbeiten?

Joachim Hein: Diese Kombination macht in der Tat gutes Risikomanagement aus. Die Kapitalmarkterfahrung der Beteiligten ist von zentraler Bedeutung. Denn die subjektive Bewertung der Modellergebnisse ist ein weiterer Teil eines vielschichtigen Risikomanagementprozesses. Das Ineinandergreifen beider Teile erfordert aber eine ausgeprägte Risikokultur beim Asset Manager.

Was verstehen Sie darunter?

Joachim Hein: Risikokultur ist beileibe keine Management-Lyrik. Sie erfordert, dass sich das Risikomanagement nicht auf das Messen von Risiken beschränkt, sondern darüber hinaus das systematische Denken und Handeln aller Beteiligten in Bezug auf Risiken umfasst. Bei der Analyse großer Handelsverluste von Banken und Unternehmen finden sich deutliche Muster einer schwach ausgeprägten Risikokultur. Aus gutem Grund hat daher das Institute of International Finance (IIF) mehrfach eine Stärkung der Risikokultur gefordert. Modelle allein reichen nicht aus, um die Fülle möglicherweise eintretender Risiken zu erfassen. Sie prognostizieren schließlich nicht ein Ereignis, sondern dessen Folgewirkungen – das heißt die Welle, nachdem der Stein ins Wasser gefallen ist. Die Folge ist, dass Ereignisse, die nicht wiederkehrend als "Learnings" für die Modellbildung erlebt worden sind, nicht erfasst werden können. Eine Risikokultur dagegen ist unabhängig vom Ereignis. Sie ermöglicht eine umfassende Risikobetrachtung, in die nach Möglichkeit eine Vielzahl von Experten eingebunden ist, die untereinander in einem offenen Austausch stehen. Es ist nicht zielführend, die Verantwortung für das Risikomanagement einer Maschine oder nur einigen wenigen Quant-Experten zu überlassen.

Was bedeutet das für die Anlagepraxis?

Joachim Hein: Das heißt, dass bei Investmententscheidungen die zuvor definierte Risikotragfähigkeit ohne Wenn und Aber konsequent berücksichtigt wird. Warnsignale müssen klar kommuniziert werden, sowohl vertikal als auch horizontal. Werden Risiken eingegangen, was in der Kapitalanlage gegenwärtig unvermeidlich ist, so muss dies stets bewusst und transparent geschehen. Bedenken der Mitarbeiter sollten jederzeit ernst genommen und offen diskutiert werden. Und nicht nur untereinander, sondern auch mit den Investoren.

Welche Rolle spielen Werte in diesem Kontext?

Joachim Hein: Eine gelebte Risikokultur stellt sich nicht von selbst ein, sondern muss gefördert werden. Das entsprechende Werteumfeld spielt dabei eine wichtige Rolle. Partnerschaftliches Miteinander statt konkurrierendes Gegeneinander, Offenheit, Dialog- und Kritikfähigkeit machen Risikokultur erst möglich. Schwächen dürfen nicht vertuscht werden. Überbringer schlechter Nachrichten müssen sicher sein, dass diese keine negativen Konsequenzen für sie haben. Nur auf einem solchen Fundament kann der für die Risikokultur so wichtige unvoreingenommene und breit angelegte Austausch aller Beteiligten gelingen.

Welchen Stellenwert wird das Risikomanagement künftig haben?

Joachim Hein: Wir befinden uns mitten in einem Strukturbruch. Mit einer rein defensiv ausgerichteten Anlagestrategie lassen sich keine auskömmlichen Renditen mehr erwirtschaften. Investoren kommen folglich nicht darum herum, verstärkt Risiken einzugehen – und das mit Risikobudgets, die durch den Dauerkrisenzustand erheblich geschrumpft sind. Vor diesem Hintergrund wird Risikomanagement zwangsläufig weiter an Bedeutung gewinnen. Nicht nur im Sinne von Verlustvermeidung, sondern vor allem auch mit Blick auf ein risikokontrolliertes Chancenmanagement. Eine gelebte Risikokultur sowohl beim Investor als auch beim Asset Manager ist hierbei unverzichtbar.

[Eigener Text basierend auf einer Veröffentlichung im Risikomanagement-Jahrbuch 2015 der Union Investment. Die RiskNET Redaktion bedankt sich für die entsprechende Genehmigung der Union Investment]

[ Source of cover photo: © dmitry_dmg - Fotolia.com ]
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