Autor: Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart
Intergenerative Exzellenzinitiative
Deutschland wird gerne als ein rohstoffarmes Land charakterisiert. Zwar verfügen wir nur geringfügig über wirtschaftlich bedeutende Bodenschätze und müssen die wenigen verfügbaren am Beispiel der Steinkohle auch noch überproportional subventionieren, doch definiert die Volkswirtschaftslehre neben den Bodenschätzen noch weitere Produktionsfaktoren. Seit Adam Smith und David Ricardo werden auch Arbeit, Kapital und neuerdings Wissen als gleichrangige Produktionsfaktoren für die Prosperität eines Landes anerkannt. In einer globalisierten Weltwirtschaft sind die Faktoren Kapital und Arbeit für alle Volkswirtschaften im Sinne eines globalen Austauschverhältnisses verfügbar (die Konsequenzen eines kompetitiven Arbeitsmarktes im Vergleich zu unseren osteuropäischen Volkswirtschaften spürt die deutsche Wirtschaft seit Jahren). Wissen und Information – quasi die Intelligenz einer Volkswirtschaft – sind dagegen standortgebunden und stellen wohl die letzte Bastion deutscher Wettbewerbsfähigkeit dar. Geniale Ingenieursleistungen (Bosch, Daimler, Benz, Zuse, Nixdorf etc.) verbunden mit visionärem Unternehmertum (Abs, Herrhausen, Schieren, Gerling etc.) stellten in den vergangenen Jahrhunderten die tatsächlichen Wachstumsfaktoren und komparativen Vorteile unseres Landes dar.
Globaler Wissens- und Intelligenzvorsprung „made in Germany“
In der recht spät initiierten Exzellenzinitiative deutscher Hochschulen hat der Staat sehr wohl die Bedeutung eines globalen Wissens- und Intelligenzvorsprungs „made in Germany“ erkannt. Betrachtet man die vergangenen Jahrzehnte, so wurde Deutschland im globalen Wissenswettbewerb beinahe „durchgereicht“ und spielte nur noch in ganz wenigen Branchen (Automobilbau, Biotech, Alternative Energien) eine wissensbasierte Vorreiterrolle. Die nun überfällige Förderung unseres einzigen Produktionsfaktors darf aber nicht an den elitären Hochschultoren enden. Alle aktiven und passiven Arbeitskräfte unseres Landes müssen ihr Wissensspektrum, ihren Intellekt pflegen, aktualisieren und erweitern, um dergestalt Wettbewerbsvorteile gegenüber ausschließlich „billigen Arbeitskräften“ anderer Länder zu generieren.
Fluide und kristalline Intelligenz
Im Rahmen der auf Wissenserwerb fokussierten Intelligenzforschung unterscheidet die Neurologie zwischen den beiden Ausdrucksformen der fluiden sowie der kristallinen Intelligenz. Bis zum 30. Lebensjahr entwickeln wir unsere fluide Intelligenz, indem wir Spontaneität, Kreativität, Abstraktionsvermögen, rasche Informationsverarbeitung und die Fähigkeit zur Improvisation lernen und ausprägen. Kristalline Intelligenz, welche sich bis ins hohe Alter stabil entwickelt, beruht dagegen auf Erfahrungswissen und sozialer Kompetenz, ausgedrückt im Umgang mit anderen Menschen sowie in der Teamfähigkeit des Einzelnen. Beide Ausprägungen menschlicher Intelligenz bilden unsere kognitive Expertise, mithin die Basis wissensbasierter Wettbewerbsfähigkeit. So vermag es nicht zu überraschen, dass eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zum erwarteten Ergebnis höchster Arbeitsproduktivität in der Altergruppe der 25- bis über 50-jährigen gelangt. Gerade in dieser Altersgruppe wird die maximale Bündelung fluider und kristalliner Intelligenz erreicht. Berufsanfängern mangelt es dagegen an erfahrungsbasierter, älteren Arbeitnehmern an improvisationsorientierter Intelligenz. Derartige Pauschalaussagen verkennen jedoch die Chancen spezifischer Fähigkeiten insbesondere älterer Mitarbeiter.
Um das Potenzial älterer Mitarbeiter näher zu ergründen, müssen wir neurologische Erkenntnisse der Gerontologie ansprechen. Neuro-physiologische Forschungen der Betriebswirtschaftslehre (immerhin als Prospect Theory mit einem Nobelpreis geadelt) haben folgende Steuermechanismen menschlichen Verhaltens ermittelt: Menschen streben gleichzeitig nach Balance (Sicherheit, Konstanz, Stabilität ihres Lebens), Dominanz (Macht, Statusstreben, Durchsetzungsvermögen) und Stimulanz (Risikobereitschaft, Suche nach neuen Reizen). Diese Steuergrößen unseres Verhaltens sind im limbischen System unseres Gehirns verankert und werden je nach Lebensalter und Entwicklungsstand unterschiedlich gewichtet. Während junge Menschen stimulanz-, Menschen mittleren Alters dominanzgesteuert sind, erweisen sich reifere Menschen eher balanceorientiert. Die Forschungsrichtung der Neuroökonomie konnte diese Theorie durch das Anlegerverhalten der Altersgruppen (sog. Behavioral Finance) bestätigen.
Neuroökonomie jenseits von „homo oeconomicus“
Mit Hilfe der Neuroökonomie versucht die klassische Betriebswirtschaftslehre die Grenzen ihres ausschließlich logisch, rational, emotionslos und nutzenmaximierenden „homo oeconomicus“ aufzubrechen. Neuroökonomische Forschungen analysieren die Prozesse in den Gehirnen der Entscheider, wenn diese sich innerhalb von Sekundenbruchteilen für oder gegen den Kauf eines bestimmten Produkts entscheiden. Im Rahmen der Finanzdienstleistung werden Produkte und Serviceangebote immer stärker unter dem Aspekt des Neuromarketing entwickelt. So hat die WestLB in ihrer Researchabteilung eigens einen Experten eingestellt, der sich mit der Neurophysiologie des Anlegerverhaltes beschäftigt. Verhaltensbestimmende Momente der Geldanlage zeigen am Beispiel des „forward discounting“ (Barwert eines Geldbetrages x wird höher bewertet als der aufgezinste Wert in n Jahren) die sinnvolle Berücksichtigung neuroökonomischer Erkenntnisse und finden direkten Eingang in die Rahmenparameter der Intelligenzforschung.
Um die Erkenntnisse der Gerontologie mit der Intelligenzforschung zu koppeln, muss sich eine älter werdende Gesellschaft stärker mit balanceorientierter, kristalliner Intelligenz im Globalisierungswettbewerb behaupten. Möglicherweise wird eine erfahrungsorientierte, konsonanzgesteuerte Intelligenz weniger Innovationsbereitschaft, dafür umso mehr Qualitätsorientierung induzieren. In der weltweit zu beobachtenden Rückorientierung auf qualitativ hochwertige Produkte und Serviceleistungen liegt die besondere Chance der deutschen Volkswirtschaft und ihren tendenziell älter werdenden Mitarbeitern.
Miteinander der Generationen
Geniale Ideen entstehen unter dem Einfluss der stimulanz- und dominanzgetriebenen, fluiden Intelligenz – Förderungen dieser Intelligenz durch Exzellenzinitiativen sind für die Nachhaltigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland notwendig. Diese genialen Ideen aber umzusetzen erfordert Qualitätsbewusstsein – eben die Erfahrung der kristallinen Intelligenz, die eine demographisch alternde, deutsche Gesellschaft zu bieten hat. Nur in einem Miteinander der Generationen gelangt Deutschland zur Prosperität – nicht durch einen intergenerativen Verdrängungswettbewerb.
Exzellenzinitiativen sind somit in allen Generationen, in allen Altersklassen gefragt. Von Pisa über Hochschulexzellenz bis hin zur innerbetrieblichen Weiterbildung – nur wenn wir „lifelong learning“ als wirkliche Chance begreifen und umsetzen, somit Exzellenz in jeder Generation entwickeln, wird Deutschland zu einem Standort intergenerativer Exzellenz. Dieses Merkmal einer generationenübergreifenden Exzellenz wäre in einer globalen Weltwirtschaft ein kompetitiver Vorteil größten Ausmaßes.
Zum Autor:
Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart ist Inhaber des Lehrstuhls für Risikomanagement an der Fachhochschule Wiesbaden.
[Bildquellen: Photocase]
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