23.05.2013
RiskNET - The Risk Management Network -Oktober 2005

Autor: Henrik Pontzen

Märchen und Risiko

Märchen sind was für Kinder ... und doch sind es die Erwachsenen, die sie vorlesen und sich faszinieren lassen von einer Welt, in der Tiere und Gegenstände denken und sprechen: eigentlich ein Unsinn – und doch wird manche Moral von der Geschicht’ seit Generationen weitererzählt. So prägen Märchen unsere Erzähl- und Erwartungsmuster: auch in Risikolagen. Aber welche Risikomoral vermitteln uns Märchen und in welchem Verhältnis steht diese zu modernen Risikostrategien?

Ein Rundgang durch die Märchenwelt zeigt uns ein scheinbar widersprüchliches Bild: da sind die Bremer Stadtmusikanten, die getreu ihrem Wahlspruch "etwas Besseres als den Tod finden wir überall" kein Risiko scheuen und so auf der Suche nach ihrem wohlverdienten Gnadenbrot selbst hintertriebene Halunken besiegen, um schließlich an reich gedeckter Tafel für ihre Risikobereitschaft belohnt zu werden. Ähnlich furchtlos setzt "ein armer Soldat" im Märchen Die zertanzten Schuhe nicht weniger als sein Leben aufs Spiel. Die über Nacht zertanzten Schuhe seiner Töchter geben dem König ein unlösbares Rätsel auf, da die Prinzessinnen weder Partner noch Ausgang haben und ihr Geheimnis hüten. Auf des Rätsels Lösung lobt der König Töchter und Nachfolge aus; der Prätendent, der seinen klugen Kopf jedoch überschätzt und an der Lösung scheitert, soll denselben verlieren und mit ihm sein Leben. So sterben die klügsten Königssöhne, bis der "arme Soldat" im Vertrauen auf den Rat einer "alten Frau" das Risiko wagt, das Rätsel löst – und ein Königreich gewinnt.

Dagegen vertritt der Froschkönig eine andere Moral von der Geschicht’: kein Risiko kann er wagen – seine einzige Handlungsoption ist das Warten. Doch diese risikoaverse Strategie des geduldigen Wartens führt in der Märchenwelt fast immer zum Erfolg. Auch wenn der Froschkönig das Risiko nicht offensiv sucht, wie uns das die Stadtmusikanten oder der arme Soldat lehrten, wird er erlöst und als Prinz Heinrich für seine Geduld belohnt. Analog verhält es sich im Märchen von den Sieben Raben: in Ermangelung von Handlungsspielräumen führt beharrliche Geduld zum Erfolg.

Eine dritte Variante stellt uns schließlich das Märchen Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein vor. Hier werden abwartendes und zugreifendes Risikoverhalten zusammengeführt. Drei Brüder, "die immer tiefer in Armut geraten" waren, beschließen: "So kann es nicht bleiben; es ist besser, wir gehen in die Welt und suchen unser Glück!" Ihr zunächst vergebliches Suchen wird jedoch erst belohnt, als sie sich entschließen, dorthin zu gehen, wo beständig die Gefahr lauert: "in einen großen Wald". Schließlich sollen alle in diesem Wald "das gewünschte Glück finden". Der erste ist zufrieden mit einem Berg "ganz von Silber" und kehrt heim. Der zweite, nur wenig ambitionierter, tut es ihm gleich, als er einen Berg "ganz von Gold" entdeckt. Beide fassen also in der Armut den Mut zum Risiko, der sie verläßt, als ihnen der Reichtum zufällt. Ganz anders der dritte Bruder: "Silber und Gold, das rührt mich nicht: ich will meinem Glück nicht absagen, vielleicht ist mir etwas Besseres beschert." Am Ende des Märchens läßt ihn dieses Vertrauen auf das eigene Glück grandios scheitern: er wird König – verfehlt jedoch sein Glück. Der Preis der Macht ist die Verstoßung seiner Brüder, die er auspeitschen läßt und die Vernichtung des Reiches, zu dessen Herrscher er sich krönt.

Was hat diese Welt der sprechenden und verwunschenen Wesen, in der "doch nur erdichtet wird, was nicht der Fall ist", wie Ludwig Wittgenstein trocken feststellt, mit unserer Wirklichkeit einer ausdifferenzierten und durchorganisierten Lebenswelt zu tun? Hier finden wir selten die Romantik des Märchens, nach der sich der Erwachsene (Vor-)leser oft sehnt. Vielmehr regiert hier meist ökonomische Rationalität, die sich an Standards orientiert und auf Effizienz ausgerichtet ist. Der sicher gefühlte Gegensatz dieser Welten weicht jedoch einem differenzierteren Bild, wenn man die Welt des Märchens mit der Welt moderner Risikoforschung vergleicht.

Kommen wir also auf unsere Frage nach der Moral von der Geschicht’ zurück: zunächst springt der Zusammenhang von Mut und Armut ins Auge. Was uns die Gebrüder Grimm, am Ende des 18. Jahrhunderts in Hanau geboren, damit aufzeigen, ist der wissenschaftlichen Welt des 21. Jahrhunderts schon einen Nobelpreis wert. Daniel Kahnemann und Amos Tversky gelangten im Jahre 2002 zu akademischen Ehren, weil ihnen der Nachweis gelang, daß Präferenzen in Risikolagen nicht stabil sind, sondern mit den Vermögensverhältnissen schwanken. In Analogie zum armen Soldaten und den notleidenden  Brüdern formulierten sie folgende Einsicht: "People tend to avoid risks, when seeking gains, but choose risks to avoid sure losses." Plakativer ließe sich zusammenfassen: Wer nichts mehr zu verlieren hat – wie die Bremer Stadtmusikanten – kann alles wagen. Der Reiche wird hingegen oft genug von seinem Besitz in Risikolagen gebremst: nichts produziert Vermögen so sicher, wie die Angst, es zu verlieren.

Armut und Hoffnungslosigkeit sind "Risikobereitschaftsamplifier" – aber auch gute Ratgeber in Risikofragen?  Versteckt sich hier die Moral von der Geschicht’? – Wohl kaum, denn kaum ein Entscheider gibt sich mit der Perspektive eines "Gnadenbrots" zufrieden, wie es die Bremer Stadtmusikanten taten. Eine offensive Risikostrategie, die "proaktiv", oder gar als "preemptive action" daherkommt, steht auf tönernden Füßen. Ihr Gelingen verleitet oft zur Hybris, ihr Scheitern enttarnt den Mutigen als Hasardeur. Gerade deshalb verlangt riskante Projektierung als Korrektiv die kühle Kontrolle. Nicht nur der Zugriff – auch das Abwarten wird belohnt: der Froschkönig läßt grüßen!

Der Königsweg führt geleitet durch Mut und Vorsicht durch das Risiko. Diese Figur begegnet uns deswegen nicht zufällig in der Managementliteratur. In der zum Klassiker avancierten "amerikanischen Karriere" schreibt Lee Iacocca: "Wenn ich Risiken eingegangen bin, dann nur, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß die Marktuntersuchungen meine instinktiven Vermutungen bestätigten. Ich lasse mich von der Intuition leiten – aber nur, wenn meine Vermutungen von den Tatsachen bekräftigt werden."

Hier zeigt sich eine letzte Parallele zur Märchenwelt: essentielle Bestandteile einer erfolgreichen Risikostrategie sind Erfahrung und Vertrauen. Kluge Königssöhne enden als Geköpfte, aber der Rat einer erfahrenen Alten führt zum Erfolg. Ein großes (Selbst)Vertrauen teilt der Einwanderersohn Iacocca nicht zufällig mit dem armen Soldaten. Vertrauen ist zwar selbst ein riskantes Konstrukt, da es "immer durch ein Überziehen der vorhandenen Information zustande kommt", wie Niklas Luhmann schreibt; trotzdem bleibt die Entscheidende Frage in Risikolagen: vertrau’ ich meiner Einschätzung der Lage - oder nicht. Dem Zauderer, der nicht im Vertrauen, sondern im Wissen sein Heil sucht,  wird die Entscheidung oft genug unfreiwillig abgenommen. Die Konkurrenz hat dann die Chance erkannt und das Risiko gewagt. Das Risiko der Vorsicht ist das Zuspätkommen. Innovationsfeinde und alte Junggesellen können ein Liedchen davon singen.

Märchen lehren nicht nur Kindern Mores, sondern bringen die Konsequenzen einseitiger Risikostrategien in bildreicher Sprache auf den Punkt. Wer die Chancen des Risikos für sich nutzen will, sollte die eigenen Handlungs- und Einsichtsgrenzen nicht wie neumalkluge Königssöhne überschätzen, sondern im Vertrauen auf bewährte Erfahrungen neue Wege wagen und diese beständig kontrollieren, wenn er mehr will, als ein unternehmerisches Gnadenbrot.

Der blinde Aktionismus der Bremer Stadtmusikanten ist auf die Dummheit der Gegner angewiesen und kann nur einmalig, nicht jedoch dauerhaft gelingen. Konkretere Handlungsmaximen sind in Risikofragen nicht zu gewinnen. Über das Gelingen von Risikostrategien wird eben prinzipiell in der Zukunft entschieden, von der Erich Kästner wußte:

    "Ändert sichs, oder bleibts wie es ist?

    Seien wir ehrlich

    Leben ist immer lebensgefährlich."

    

Zum Autor:

Henrik Pontzen arbeitet als Finanz- und Anlageberater in Düsseldorf und verfasst zur Zeit seine Dissertation zum Thema Risikoethik.

E-Mail: henrikpontzen@hotmail.com

 

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