Rezension

5000 Jahre Steuern - ein langer Leidensweg der Menschheit

Zum Teufel mit der Steuer!

Reiner Sahm, 396 Seiten, Springer Gabler Verlag, Wiesbaden 2012.29.01.2013, 11:49

Wenn es um das Eintreiben von Steuern ging, so waren Staat und Kommunen schon immer kreativ, die benötigten Gelder den Steuerzahlern aus der Tasche zu ziehen. Mit dem vorliegenden Band führt uns der Autor auf eine spannende und informative Reise durch 5.000 Jahre Steuergeschichte. Nur einige von vielen Beispielen seien hier genannt:

So setzten bereits die Ägypter Beamte ein, die dafür sorgten, dass die Steuern für die Tempel, dem Bau von Wasseranlagen und dem Militär ordnungsgemäß entrichtet wurden. Der Ursprung des Betriebsprüfers erlangte wohl in dieser Epoche ihre erste Bedeutung. 

Französische Monarchen hatten im Mittelalter die Gewohnheit, wichtige inländische Gläubiger hinzurichten, um ihre Schulden nicht zurückzahlen zu müssen. Schon zur damaligen Zeit gab es die Begabung, negative Umstände schön zu umschreiben: Anstelle von Hinrichtung wurde von "Aderlass" gesprochen.

Wir erfahren, dass der Ursprung der allgemeinen Einkommensteuer vor dem Hintergrund des Krieges von England mit Napoleon entstanden ist. Oder, dass die Zehntabgabe nicht als 10 Prozent zu verstehen ist sondern eher bis zu 50 Prozent des Nettoertrages betrug. 

Auch die Kommunen waren erfinderisch, wenn es um neue Steuern ging. Stuttgarter Stadträte erhoben im Jahr 1921 als erste im Reich eine Nachtsteuer, wobei die Wirte von jedem Gast ab 23:00 Uhr eine Nachtsteuer von 15 Mark verlangten. Dem schwäbischen Frohsinn tat dies kein Abbruch. Der Stadtsäckel füllte sich dennoch.

Steuerpolitik ist jedoch nicht isoliert von der allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingung aus zu betrachten. Steuerpolitik ist immer auch ein Resultat von Machtpolitik und den Interessengegensätzen der politisch handelnden Akteure und der Gesellschaft gewesen. Neue Ideen führten zu Machtverschiebungen. So bekam die Feudalwirtschaft durch Industrieproduktion und Handwerk Konkurrenz.

Der von Adam Smith geprägte Begriff des Merkantilismus, der die vorherrschende Wirtschaftspolitik und -ideologie beginnend vom 16. Jahrhundert bis hin zur industriellen Revolution werden sollte, sah einen starken Einfluss des Staates zur Absicherung der Wirtschaftsinteressen vor. Die Vergrößerung des nationalen Reichtums bei gleichzeitigem Ausbau staatlicher Macht bekam Priorität. Maßnahmen wie dem Ausbau der Verkehrswege, der Vermehrung der Bevölkerung zwecks Erhöhung der Zahl und Qualität der Arbeitskräfte, Erzielung einer aktiven Handelsbilanz, möglichst nur die Einfuhr von Rohstoffen bei Ausfuhr von arbeitsintensiven Fertigfabrikaten, erforderten eine intensivere Organisation staatlichen Handelns. Ludwig XIV, Minister Colbert, Friedrich der Große, Oliver Cromwell, sind nur einige bedeutende Akteure die für diese Politik standen. Die Kehrseite dieser Politik war der Imperialismus. Armee, Hofhaltung und Beamtenschaft mussten über die Steuern finanziert werden. Nicht selten sorgte die Oberschicht dafür, dass sie wenig Steuern zahlten und die Steuerlast auf die Allgemeinheit abwälzten. "Der Adel zahlt mit Blut, der Klerus mit Gebet und das Volk mit Abgaben" oder Steuern erheben heißt, "die Gans so zu rupfen, dass man möglichst viele Federn mit möglichst wenig Gezische bekommt", sind nur zwei geflügelte Sätze aus dieser Epoche. Nicht selten war die Steuer das Vehikel für Revolutionen oder politische Umstürze. Ursächlich waren sie jedoch nicht.

Leider etwas verkürzt wird die Brüningsche Politik im Kapitel "Die Versuche der Staatshaushaltssanierung in den Jahren der Weltwirtschaftskrise" beschrieben.
So wurden zwar zur Behebung der Staatsverschuldung Steuern erhöht, die Interessengruppe der Landwirtschaft und insbesondere die der Großgrundbesitzer wurden verschont. Diese spezifische Interessenpolitik erwähnt der Autor nicht. Die politische Diskussion um die gerechte Verteilung der Lasten war letztendlich ausschlaggebend für das vorherige Scheitern des Kabinetts Müller mit der Sozialdemokratie. Brüning regierte anschließend durch Notverordnungen. Herrschende Auffassung war, dass die Rentabilität der Wirtschaft durch die Angleichung der Löhne an die gesunkenen Preise wiederherzustellen war. Der defizitäre Haushalt war über Steuern und Abgaben auszugleichen. Der Keim für die Deflation war so gegeben und blieb zunächst ungelöst.

Das letzte Kapitel befasst sich mit der Finanz- und Steuerpolitik in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie in den Jahrhunderten davor, schallt der Ruf nach einem gerechten Steuer- und Abgabensystem. Immer ging es und geht es um die gerechte Balance der Lastenverteilung zwischen Arm und Reich.

Fazit: Sahm hat ein lesenswertes Buch über die Steuergeschichte vorgelegt, was man nur ungern aus der Hand legt. Einige dargestellte Ereignisse erscheinen zeitlich weit entfernt zu sein – und sind doch vor dem aktuellen Wirtschaftsgeschehen hoch aktuell.    

Autor der Rezension: Christoph Tigges


Details zur Publikation

Autor: Reiner Sahm
Seitenanzahl: 396
Verlag: Springer Gabler Verlag
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsdatum: 2012

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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