Rezension

Der Erfinder des elektrischen Zeitalters

Tesla

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]20.12.2016, 10:42

Wer an TESLA denkt, verbindet den Namen sofort mit Elon Musk, der von vielen als der Leonardo da Vinci des 21. Jahrhunderts gepriesen wird. Er revolutionierte mit PayPal den Zahlungsverkehr im Internet und mit dem vollelektrischen Sportwagen Tesla lieferte er eine disruptive Innovation, mit der er die etablierte Autoindustrie aufschreckte. Was nicht selten vergessen wird, ist die Tatsache, dass der Physiker und Erfinder Nikola Tesla der Namenspatron von Tesla Motors ist. Teslas Erfindungen revolutionierten vor allem das Verständnis von Elektrizität. Seine Erfindungen definierten völlig neue Maßstäbe für die weltweite Energieversorgung. Doch wer war dieser am 10. Juli 1856 in Smiljan im Kaisertum Österreich – direkt an der kroatischen Militärgrenze – geborene Erfinder, Physiker und Elektroingenieur? Die von W. Bernard Carlson verfasste Biografie nimmt den Leser mit auf eine 678 Seiten lange Reise von seiner Geburt im Jahr 1856 bis zu seinem Tod im Jahr 1943. Was trieb den "Magier der Elektrizität" an?

Bereits im jungen Alter trainierte Tesla seine Willenskraft und lernte seine Visionen zu kanalisieren. Tesla beschrieb, dass diese Visionen üblicherweise auftraten, "wenn ich mich in einer gefährlichen oder beunruhigenden Situation befand, oder wenn ich sehr euphorisch war. Es gab Fälle, da war die ganze Luft um mich herum voller züngelnder Flammen". Tesla versuchte in solchen Situationen sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Da ihm dies nicht wirklich gelang, stellte er fest, dass es viel besser war, mit diesen Visionen zu arbeiten, seiner Einbildungskraft freie Hand zu lassen und auf diese Art die Visionen zu kanalisieren: " Dann begann ich instinktiv, Ausflüge zu machen, die mich über die Grenzen meiner kleinen mir bekannten Welt hinausbrachten, und ich sah neue Szenen. Zunächst war das, was ich sah, noch verschwommen und unklar, und wenn ich versuchte, mich auf diese Bilder zu konzentrieren, schienen sie mir zu entschwinden, aber mit der Zeit gelang es mir, sie festzuhalten; sie wurden stärker und präziser, bis sie schließlich ebenso konkret waren wie die reale Welt. […] Jeden Abend (und manchmal auch tagsüber), wenn ich allein war, begann ich meine geistige Reise – ich entdeckte neue Orte, Städte und Länder, ich lebte woanders, ich begegnete neuen Menschen, fand Freunde und machte Bekanntschaften und, so unglaublich es auch klingen mag, Tatsache ist, dass diese Menschen mir ebenso lieb und teuer waren wie diejenigen aus meinem realen Leben […]." Mit dieser Instrumentalisierung seiner Einbildungskraft legte er das Fundament für seinen Erfolg als Erfinder. Er verfügte vor allem über die erforderliche Disziplin und Konzentrationsfähigkeit, die er brauchte, um diese Ideen im Geiste zu formen und daraus reale Objekte zu schaffen.

Tesla glaubte vor allem an die Zukunft des Wechselstroms, da er vor allem die Vorteile gegenüber dem permanent in eine Richtung fließenden Gleichstrom kannte. Wechselstrom kann aufgrund seiner physikalischen Natur nahezu verlustfrei über Hunderte von Kilometern durch Kabel transportiert werden. Gleichstrom kann nur über kurze Strecken ökonomisch transportiert werden, da bei längeren Leitungen der Energieverlust enorm ist. Außerdem ist bei Gleichstrom eine zweite (teure) Kupferleitung für den Rückfluss erforderlich. Für Tesla war dies ein Kampf gegen Windmühlen, da alle Elektromotoren zur damaligen Zeit mit Gleichstrom betrieben wurden. Die Mehrzahl der Wissenschaftler war davon überzeugt, dass es unmöglich sein würde, Wechselstrommotoren zu entwickeln. Trotz dieses massiven Gegenwinds vertraute Tesla seiner Intuition.

Tesla war daher vor allem auch ein "disruptiver Innovator". Mit dem Begriff der disruptiven Innovation, der auf den Harvard-Professor Clayton M. Christensen zurückgeht, wird eine Innovationsprozess bezeichnet, der bestehende, traditionelle Geschäftsmodelle, Produkte, Technologien oder Dienstleistungen abgelöst oder vollständig verdrängt. Der Unterschied zwischen einer "normalen Innovation" und einer disruptiven Innovation liegt in der Art und Weise der Veränderung. Während es sich bei einer Innovation um eine Erneuerung handelt, die den Markt nicht grundlegend verändert, sondern lediglich weiterentwickelt, bezeichnet die disruptive Innovation eine komplette Umstrukturierung beziehungsweise Zerstörung des bestehenden Modells. In diesem Sinne entwickelte Tesla disruptive Erfindungen, die bestehende Systeme (Gleichstrom) ablösten. Teslas Karriere bietet uns die Gelegenheit, besser zu verstehen, nach welcher inneren Logik Erfinder arbeiten.

Der Ökonom Joseph Alois Schumpeter unterschied in diesem Kontext zwei Arten des Denkens, die der Kreativität und dem Anpassungswillen von Unternehmen und Managern zugrunde liegen: Für den Geschäftsmann oder Ökonomen gibt es die objektive Rationalität, was bedeutet, dass diese sich in der Geschäftswelt bewegen, den Markt beobachten, die Nachfrage einschätzen und dann entsprechend handeln – man kann dies insofern als "objektiv" bezeichnen, als dass die Logik des Handelns von der "Außenwelt" gesteuert wird. Unternehmer, die einer "subjektiver Rationalität" folgen, arbeiten eher nach einer "inneren Logik", die ihnen sinnvoll erscheint, und sie streben danach, dieses innere Ideal Wirklichkeit werden zu lassen. Teslas Konzept von einem magnetischen Drehfeld oder von der Zukunft des Wechselstroms kam aus ihm selbst und war das Ergebnis konstanter geistiger Entwürfe. Und dieser Prozess basierte auf einer reichhaltigen Mischung aus Ideen, Gefühlen und Eindrücken. Indem sie der Welt ihre Ideen aufzwingen, erschaffen Erfinder jene revolutionäre neue Technologie, die die schöpferische Zerstörung in Gang setzt.

In der exzellenten und brillant geschriebenen Biografie über Nikola Tesla lernen wir auch, dass es Tesla nicht primär ums Geld geht. Der Zweck einer Erfindung, so Tesla, bestehe vor allem in der Nutzbarmachung der Naturkräfte für die menschlichen Bedürfnisse. Tesla verfolgt die Vision von einer Welt, in der alle Menschen unbegrenzt und kostenlos mit Energie versorgt werden – am besten kabellos. Im Jahr 1898 entwickelt er die erste Fernbedienung. Trotz seiner rund 700 Patente blieb Tesla zeitlebens finanziell erfolglos. Viele seiner Gegenspieler und Partner hingegen stellen vor allem die ökonomische Dimension in den Vordergrund und bemessen den Wert einer Erfindung daran, wie viel Geld sie einbringt. So basierte der Erfolgt seines Unterstützers und Widersachers Thomas Alva Edison primär auf dem Geschick Stromerzeugung, Stromverteilung und innovative elektrische Konsumprodukte zu einem System zu verbinden und zu vermarkten. "Ich bin ein guter Schwamm, ich sauge Ideen auf und mache sie nutzbar. Die meisten meiner Ideen gehörten ursprünglich Leuten, die sich nicht die Mühe gemacht haben, sie weiterzuentwickeln", so Edison. Zwar wird Tesla den Kampf um (Gleich-/Wechsel-)Strom gewinnen – aber ökonomisch steht er eindeutig auf der Verliererseite.

Die Tesla-Biografie – geschrieben von W. Bernard Carlson, Professor für Wissenschaft und Geschichte an der Universität von Virginia – liefert einen exzellenten Einblick in die Psyche, die Motivation und das Denken des "Magiers der Elektrizität". Aus diesen Erkenntnissen könnten auch heute Unternehmenslenker lernen, wie sie mit "disruptiver Innovation" umgehen sollten. Wer eine disruptive Innovation zur Marktreife bringen will, darf beispielsweise nicht auf kurzfristige Finanzziele starren. Den Treibern disruptiver Innovation gelingt es durch ihre Vision und ihren Mut und Ausdauer die Regeln einer Branche auf den Kopf zu stellen und sie neu zu definieren.

Bernard Arthur Behrend, Jury-Präsident für die Vergabe der vom Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) verliehenen Edison-Medaille an Nikola Telsa, hat die Leistung des Genies in seiner Laudatio exzellent zusammengefasst: "Wollten wir all das, was aus Teslas Werk bisher entstanden ist, wieder aus der Industrie entfernen würden ihre Räder nicht weiterlaufen, unsere elektrischen Wagen und Züge stillstehen, unsere Städte wären dunkel und unsere Mühlen tot und nutzlos. Ja, so weittragend ist sein Werk, dass es zum Fundament unserer Industrie geworden ist."


Details zur Publikation

Autor: W. Bernard Carlson
Seitenanzahl: 688
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2017

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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