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Stresstests haben viel mit Kommunikation zu tun

Stresstests: Komplexität von Risikomesssystemen nimmt zu

Stefan Hirschmann05.10.2010, 17:49

Die Bedeutung von Stresstests ist nicht zuletzt im Zuge der Finanzkrise enorm gestiegen. Dabei werden bestimmte Szenarien, die in der Regel eine Vielzahl von Risikofaktoren betreffen, zu Grunde gelegt und Parameterkonstellationen berücksichtigt, die zu besonders großen Änderungen im Wert des Portfolios bzw. in der Risikokennzahl führen. Der Eintritt eines solchen Szenarios erfolgt zwar mit niedriger Wahrscheinlichkeit, bleibt jedoch plausibel. Deswegen nehmen heute Stresstests einen sehr viel größeren Stellenwert im Risikomanagement einer Bank ein und müssen auch alle wesentlichen Zusammenhänge angemessen berücksichtigen. Zudem müssen sie selbst stärker in den Normalbetrieb integriert werden.

Dies bringt für die Risikomanager mitunter erhebliche Herausforderungen mit sich. "Neben den Regulatoren sind insbesondere die internen Adressaten von Stresstest-Ergebnissen wichtige zu berücksichtigende Anspruchsgruppen", sagt Dr. Carsten Wehn, Leiter Marktrisiko-Controlling bei der DekaBank in Frankfurt. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Gremien in die unterschiedlichen Zielsetzungen diverser Stresstests einzubinden sind. Diese werden beispielweise bei der Limitierung oder als Ausweis im Rahmen des regelmäßigen Reportings berücksichtigt. Daneben erfolgt eine Durchführung von Stresstests für Sondersituationen bzw. bei Dispositionsentscheidungen sowie bei der Kapitalallokation. Risikomanager Wehn unterscheidet dabei zwischen operativer und strategischer Steuerung, wozu auch die Durchführung von Stresstest im Rahmen von strategischen Planungsprozessen und bei weitreichenden Geschäftsstrategie-Entscheidungen zählt.

Diese Art von Stresstests lassen sich in drei wesentliche Kategorien unterscheiden, nämlich hypothetische, historische und inverse Stresstests. "Derzeit ist in der Branche ganz klar eine Tendenz zu komplexeren Risikomesssystemen mit Wechselwirkung erkennen", so Wehn im Rahmen einer Fachveranstaltung der Professional Risk Managers' International Association (PRMIA) in Düsseldorf. Während bei den historischen Stresstests die Übertragung historisch bedeutender Perioden auf die aktuelle Risikofaktorkonstellation erfolgt (beispielsweise Black Monday 1987 mit dem Einbruch der Aktienmärkte, Crash der internationalen Bondmärkte im ersten Quartal 1994 oder Brasilien-Krise 1998/99), geht der reguläre "Straight Forward Stresstest" von makroökonomischen Zuständen aus, bestimmt die resultierenden Risikomaße und liefert somit eine aggregierende Sicht auf die Verluste. Der Reverse Stresstest hingegen setzt zunächst einen maximal verkraftbaren Verlust voraus und liefert die dazu führenden Szenarien. Somit fordert der Reverse Stresstest ein Auseinandersetzen der Bank mit den risikoreichsten Sektoren oder Geschäftsarten und dem gezielten Stress dieser Bereiche. Dabei wird die passive Sicht der konventionellen Stresstests zu einem aktiven Instrument erweitert. "Diese retrograde Sicht ermöglicht eine Neubewertung von Risikosituationen. Somit beruht die Einschätzung der Risikosituation nicht mehr allein auf der Interpretation der Auslastungsquote des Risikokapitals", schreiben die Risikomanagement-Experten Jörg Drüen und Sascha Florin in einem Beitrag für die Zeitschrift RISIKO MANAGER.

Der Reverse Stresstest stellt im Gegensatz zum regulären Stresstest die maximale Verlustobergrenze für das Risikokapital in den Mittelpunkt der Analyse. Ausgangspunkt ist ein maximal zu tragender Verlust auf Basis dessen genau diejenigen Szenarien ermittelt werden, die dahin führen. Auslöser zur Empfehlung des Reverse Stresstests waren die Unzulänglichkeiten bestehender Stresstests. Risiken, die unter Verwendung normaler Stresstests unterschätzt werden, liegen zumeist in der Konzentration einzelner Risiken, wenn diese von vielen Marktteilnehmern gleichzeitig eingegangen werden. Derivative Instrumente sind aufgrund ihrer Hebelwirkung hier besonders im Fokus. Darüber hinaus bieten Reverse Stresstests einen Mehrwert in der Kommunikation und Akzeptanz dieser Risikomanagement-Disziplin.

"Stresstests haben sehr viel mit Kommunikation zu tun", meint auch Marktrisikomanager Wehn. Nicht selten erfahren die Ergebnisse außerhalb der Risikomanagement-Abteilung wenig Akzeptanz, da die verwendeten Szenarien für unrealistisch oder sogar unmöglich gehalten werden. "Die konkrete Ausgestaltung von Stresstests kann in der Tat sehr komplex sein", so Wehn. Aus diesem Grund bevorzugt Jonas Ljungqvist, Head of Risk Control bei der SEB AG, eine Mischform aus hypothetischen und historischen Stresstests, der für alle Risikokategorien zur Anwendung kommt.  "Das Verfahren ist relativ einfach und auch für den Vorstand als internen Adressat nachzuvollziehen", sagt Ljungqvist. Der Risikoprofi sieht seine Funktion innerhalb der Bank vor allem darin, die Unternehmensführung in Fragen des Risikocontrollings zu beraten und Entscheidungshilfen zu liefern, ob ggf. Kapitalmaßnahmen einzuleiten sind oder nicht. Durch die Einbindung von Stresstests in den Risikokapitalallokationsprozess kann leichter abgeschätzt werden, welche Kapitalien für die einzelnen Risikoarten erforderlich sind und ab welcher Schwelle in den einzelnen Szenarien das eingesetzte Kapital verloren zu gehen droht.


[Bildquelle: iStockPhoto]


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