Rezension

Risikomanagement

Thomas Wolke, 304 Seiten, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2007.03.07.2007, 08:00

Liest und beurteilt man Wolkes neues Buch „Risikomanagement“, kann man dies aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven tun – mit völlig unterschiedlicher Beurteilung des Ergebnisses. Zum einen fällt auf, dass der Autor die von ihm aufgegriffenen Themen didaktisch sehr ansprechend darstellt und mit Beispielen verdeutlicht. Der Leser kann die Erläuterungen gut nachvollziehen, sein Wissen vertiefen und viele weitergehende Fragestellungen durch die mathematischen Anhänge zu den einzelnen Kapiteln beantwortet bekommen.

Auf der anderen Seite ist offensichtlich, dass Wolke mit seinem Buch eine sehr enge, zu enge Darstellung des Themas Risikomanagement vornimmt. Im Grundsatz erläutert das Buch, wie Risikomanagement-Verfahren der Kreditinstitute – mit geringen Ergänzungen – auch auf Industrie- und Handelsunternehmen übertragen werden können. Dieser Ansatz greift zu kurz und wird der Komplexität des Risikomanagements in Industrie- und Handelsunternehmen nicht gerecht. Der Fokus liegt zu sehr auf „traditionellen“ Finanzrisiken und klassischen Risikomanagement-Methoden, stellt andere wesentliche Risikofelder von Industrie- und Handelsunternehmen nur oberflächlich dar oder vernachlässigt diese komplett, wie beispielsweise den gesamten Bereich der strategischen Risiken. Der Schwerpunkt des Buches liegt im Bereich der Bewertung von Risiken mittels analytischer Modelle, speziell des Varianz-Kovarianz-Ansatzes mit dem Risikomaß „Value at Risk“ (VaR). Wie in der Bankenbranche (noch) üblich, wird damit implizit im Wesentlichen auf der Hypothese der Normalverteilung aller Zufallsvariablen (Risiken) aufgesetzt. Dies stellt selbst für Finanzmarktrisiken eine starke Vereinfachung dar, in anderen Risikofeldern greift ein solcher Ansatz entschieden zu kurz. Dementsprechend finden sich in dem Buch auch keine Risikoaggregationsverfahren, die auch Risiken mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsverteilungen aggregieren können und Risikoinformationen mit der Unternehmensplanung verbinden.

Auch Wolkes Definition des VaR ist unscharf, da er (wie auch viele andere Autoren) auf den maximalen Verlust referenziert. Der VaR gibt aber eben gerade nicht den maximalen Verlust eines Portfolios an, sondern den Verlust, der mit einer vorgegebene Wahrscheinlichkeit (Konfidenzniveau) zwar nicht überschritten wird, durchaus aber überschritten werden kann. Insbesondere ist bei einem exakten VaR-Modell beispielsweise bei einem Konfidenzniveau von 99 Prozent gerade an einem von 100 Tagen ein größerer Verlust als der durch den VaR prognostizierte Verlust „erwünscht“, da nur dann der VaR ein guter Schätzer ist. Andernfalls überschätzt der VaR das Risiko, wenn in weniger als einem von 100 Fällen der tatsächliche Verlust größer ist als der durch den VaR prognostizierte Verlust, bzw. unterschätzt der VaR das Risiko, wenn in mehr als einem von 100 Fällen der tatsächliche Verlust größer ist als der durch den VaR prognostizierte Verlust.

Vermutlich auch wegen der starken Vernachlässigung von Risikosimulationstechniken (Monte-Carlo-Simulation) fehlt in der Konsequenz die Verknüpfung des Risikomanagements mit risikoorientierten Bewertungsverfahren (und damit auch einer wertorientierten Unternehmensführung), Rating, Controlling etc.

Auch im Hinblick auf die organisatorische Verankerung des Risikomanagements, speziell die Identifikation und Überwachung von Risiken, findet man wenig konzeptionelle Informationen bezüglich der vielfältigen Möglichkeiten, Risikomanagement als Bestandteil der Unternehmensführung aufzufassen, etwa durch die Verbindung mit Controlling, Planung und Budgetierung.

Zusammenfassend ist das Buch lediglich als eine (durchaus gelungene) Darstellung für die Übertragbarkeit von Methoden des „Bank-Risikomanagements“ auf Industrie- und Handelsunternehmen aufzufassen. Ein umfassende Darstellung des Risikomanagements und eine adäquate Priorisierung im Hinblick auf die Herausforderungen von Handels- und Industrieunternehmen gelingt aber nicht. 

Rezension von Frank Romeike und Dr. Werner Gleißner


Details zur Publikation

Autor: Thomas Wolke
Seitenanzahl: 304
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2007

RiskNET Rating:

befriedigend Gesamtbewertung

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