Rezension

Verwandlung von Fragesätze in Aussagesätze

Politische Ökonomie der Finanzialisierung

Christoph Tigges28.05.2014, 17:18

Bereits Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts vertrat Milton Friedman die Auffassung, dass die Ursache der Weltwirtschaftskrise von 1929 eher in den USA als in Europa ihren Ursprung hat, und eher in monetären als in realen Faktoren zu suchen ist. Die von Carmen M. Reinhard und Kenneth Saul Rogoff im Jahr 2009 publizierten Analysen (Reinhart, C. M./Rogoff, K.: This Time is Different: Eight centuries of financial folly, Princeton University Press 2009) ergaben, dass der Kapitalismus systemische Risiken in sich trägt, verursacht durch exzessive Schuldenaufhäufung von Regierungen, Banken, Unternehmen oder Verbraucher,  die zu Staatspleiten führten. Historisch hatten Wirtschaftskrisen immer einen globalen Charakter und waren nicht allein auf Nationalstaaten reduziert.

Im Zuge der Globalisierung hat sich unter dem Begriff Globale Politische Ökonomie (GPÖ) ein neues Wissenschaftsgebiet entwickelt. Fachübergreifend diskutieren junge Wissenschaftler die Ursachen und Wirkung der gegenwärtigen Finanzkrise und stellen die Beiträge, gefördert von der deutschen Forschungsgemeinschaft, in diesem Band zur Diskussion vor.

Einleitend vertreten die Herausgeber die These, "dass es sich bei der gegenwärtigen Krise nicht nur um eine gewöhnliche Finanzmarktblase handelt, sondern um den Kulminationspunkt längerfristiger struktureller Entwicklungen des globalen Kapitalismus". Damit ist bereits angedeutet, die Lösung dieser Finanzkrise wird die handelnden Akteure noch Jahre in Anspruch nehmen.

Der erste Abschnitt befasst sich mit den Themen über die "Ursprünge und Perspektiven der Finanzierung". Die Liberalisierung der Kapitalverkehrskontrollen führte zu "häufigen Wechselkurskrisen durch volatile Kapitalströme".  Des weiteren üben die Finanzmärkte einen erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen und "auf das gesellschaftliche Alltagsleben" aus. Die Folge ist, dass der Gestaltungsspielraum ökonomischer und politischer Entscheidungen eingegrenzt wird. Hier offenbart sich ein Konflikt zwischen dem Neoliberalismus und dem Ordoliberalismus. Nicht ohne Erfolg haben sich britische und amerikanische Banken dagegen gesträubt, Basel II zu implementieren. Die Aufhebung der Trennung von Investmentbanking und dem "normalen" Bankgeschäft verstärkte noch die Finanzkrise.

Aufbauend auf den Beiträgen des ersten Abschnitts befasst sich der zweite Teil dem Thema "Finanzialisierung des Finanzsektors". Wie und mit welchen Auswirkungen hat sich der Finanzsektor verändert? Welchen Anteil hat der Finanzsektor am Wohlstand einer Gesellschaft? Hedge Fonds und Offshore Center sind immer mehr Investitionsantreiber und dominieren bereits viele Teilmärkte. Über die Steueroptimierung entziehen sich die Fonds ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und Kontrolle und optimieren ihre Steuerlast. Hypothetisch gefragt, was wäre, wenn mittelständische Unternehmen und alle Arbeitnehmer als freie Selbständige, jeweils eine Gesellschaft mit Sitz auf den Cayman Islands oder in Luxemburg gründen, um das gleiche Recht einzufordern und um so in den Genuss der Steueroptimierung zu gelangen?    

"Expansion der Finanzialisierung" ist Thema des dritten Teils. So sind Zyklen der Finanzialisierung immer dann entstanden, wenn die Produktion ins Wanken geraten ist. Um dennoch ausreichend gewinnbringende Investitionsmöglichkeiten zu schaffen, fordern "gewichtige Kapitalgruppen" eine Liberalisierung der Kapitalmärkte in dem sie zum Beispiel auf die Lockerung von Kapitalverkehrskontrollen drängen. Untermauert wird die These mit den Ereignissen der Wirtschaftskrise Ende der 20er bzw. der 70er Jahre mit dem Ende des Bretton Woods System.

Zudem zeigen aktuelle Analysen des IWF, dass die Ungleichverteilung des Einkommens weltweit zugenommen hat. Die Einkommenskonzentration mit Verschiebung zu den oberen Einkommensgruppen nahm zu. Es lässt sich entgegnen, dass globaler Handel und marktwirtschafliche Reformen viele technologische Entwicklungen und Fortschritte erst ermöglichten.

Aus dem Blickwinkel der Makroökonomie befassen sich junge Wissenschaftler in ihren Beiträgen mit der aktuellen Finanzkrise. Im Vordergrund des zu empfehlenden Buches steht das Ziel der Autoren, Fragesätze in Aussagesätze zu verwandeln. Lösungsansätze, und das ist die Schwäche des Bandes, sind leider nicht zu finden.

 

Autor der Rezension: Christoph Tigges


Details zur Publikation

Autor: Marcel Heires/Andreas Nölke (Hrsg.)
Seitenanzahl: 277
Verlag: Springer Fachmedien
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsdatum: 2014

RiskNET Rating:

gut Praxisbezug
gut Inhalt
gut Verständlichkeit
gut Gesamtbewertung

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