Rezension

Neue Spielregeln für Kapitalmärkte und Netzindustrien

Ökonomie der Regulierung

A. Picot/M. Schenck (Hrsg.), Schäffer Poeschel, 294 Seiten, Stuttgart 201028.09.2010, 00:30

Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes Volk davon abhängig ist, was bei einem anderen geschieht. Diese, 1848 von Karl Marx formulierte Feststellung trifft für die heutige Zeit mehr denn je zu. Wahrscheinlich würde er auch für die aktuelle Finanzkrise eine drastische Formulierung finden und Finanzindustrie und Marktliberale anprangern, die jegliche Staatseinmischung für unerwünscht halten, aber im Falle einer ausufernden Krise finanzielle Hilfe vom Staat fordern. Zumindest in diesen Punkten hat er Recht behalten.

Auf Krisenfälle folgen üblicherweise Regulierungsfluten. Dieser, im Geleitwort einleitende Satz, beschreibt prägnant die Thematik des 63. Kongresses der Schmalenbach Gesellschaft für Betriebswirtschaft. Im Vordergrund steht die Frage, "inwiefern die geltende Regulierung zum Entstehen der Krise beigetragen hat und ob einzelne Spielregeln oder der Rahmen als Ganzes veränderungs- und verbesserungsbedürftig ist“. Insbesondere gilt dies für den Finanz- und Bankensektor. Der Untertitel: Neue Spielregeln für Kapitalmärkte und Netzindustrien beschreibt das zentrale Anliegen des Kongresses, ein vertiefendes Verständnis der Probleme und Lösungen im Spannungsfeld der wirtschaftlichen Akteure aufzuzeigen.

Das Hauptthema wurde in drei Unterthemen unterteilt: Ökonomie der Regulierung - Kapitalmärkte und Banken - Netzindustrien. Bereits einleitend werden die wesentlichen Schwierigkeiten und Aspekte, die bei der Umsetzung von Regulierungsvorhaben zu bedenken sind, genannt. Die Erfahrung zeigt, dass Regulierungen erst häufig ex-post getroffen und geregelt werden, andererseits beginnen die Schwierigkeiten bereits bei der Überlegung, wie viel Regulierung notwendig und erforderlich ist. Immerhin sind die horizontalen und vertikalen Prozessketten und deren gegenseitigen Abhängigkeiten eingehend zu analysieren. So beispielsweise die Frage: welche Wettbewerbsintensität ist wünschenswert und erforderlich? Benötigen wir viele kleine Wettbewerber oder auch Konzerne, die insbesondere im wirtschaftspolitischen Kräftespiel der globalen Wirtschaft mithalten können. Ziel muss sein, neben einer abgestimmten Kooperation zwischen den Regulierungsbehörden gemeinsame Ziele, einschließlich deren Messung zwecks Überprüfbarkeit, zu vereinbaren, um eine erneute globale Krise zu vermeiden. Ob dies durch die neuen und noch nicht wirklich sichtbaren Spielregeln gelingen wird, ist noch nicht geklärt. Denn in allen international bedeutenden Gremien wurde die Mitgliederzahl auf das G20 Niveau angehoben. Die Gefahr besteht, dass durch unterschiedliche Interessenlagen und Machtinteressen ein Kompromiss nur auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner möglich ist. Eine wirkliche Reform der Finanzindustrie bedingt aber auch ein verändertes Verhalten der Akteure, das die Wirtschaft für den Menschen da ist und umgekehrt. 

Immerhin, auf dem Kongress wurde von einigen Beitragsrednern die Ansicht vertreten, dass das Gemeinwohl eine höhere Priorität gegenüber den Individualinteressen einzelner Finanzakteure haben soll. Ob sich diese Auffassung international durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Die Verpflichtung zum Gemeinwohl aus ökonomischer Sicht wird traditionell insbesondere in den angloamerikanischen Ländern anders beurteilt.

Die Netzindustrien sind der Schwerpunkt des dritten Themenkomplexes. Gemeint sind die Regelungen netzbasierter Unternehmen im Strom-, Gas-, Telekommunikations-, Post- und Bahnbereich. Die verschiedenen Beiträge zeigen, dass auch hier in allen betroffenen Branchen eine Überprüfung der Regulierung sowohl durch die nationalen als auch europäischen Behörden ansteht. So wird in einem Rednerbeitrag bei der Energiepolitik die Auffassung vertreten, dass Änderungen möglichst vorhersehbar und transparent erfolgen und klare Prioritäten setzen muss um ein investitionsfreundliches Klima zu verschaffen.

Sehr viel schwieriger dürfte eine Regulierung im Rahmen des Internets sein. Zu deutlich sind die unterschiedlichen Interessen der Anbieter und die Qualität durch die Netze transportiert werden. Die vorgestellten Beispiele zeigen, wie leicht Netzbetreiber Informationen blockieren und damit verhindern können. Vor allem die neue Technologie des ‚Next Generation Networks’ birgt die Gefahr, dass die Netzneutralität nicht gewährleistet ist. Umgekehrt wurde nicht die Frage erörtert, ob es überhaupt sinnvoll ist, dass Informationen ungefiltert durch das Internet transportiert werden sollen. Im Gegensatz zu den Printmedien gibt es keine Redaktion, die Sinn und Unsinn von Informationen unterscheidet. Diese Aspekte wurden leider nicht konkretisiert und erörtert. 

Die verschiedenen Beiträge namhafter Fachvertreter aus Politik und Wirtschaft weisen auf die Vielschichtigkeit des Themas Regulierung hin. Verständlich und informativ werden die Ursachen der Krise und mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. Auch wenn die Informationen über die Finanzkrise nicht über das bisher bekannte aus den Printmedien hinausging, so erhält der Leser eine fundierte und kompetente Übersicht über die Ursachen der Finanzkrise. Die Erkenntnis, dass Selbstregulierung durch den Markt allein auf vielen Gebieten nicht mehr genügt, wird nach den bisherigen Erfahrungen und mit diesem Buch deutlich. 


Rezension von
Christoph Tigges

 

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Details zur Publikation

Autor: A. Picot/M. Schenck (Hrsg.)
Seitenanzahl: 294
Verlag: Schäffer Poeschel
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsdatum: 2010

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