Rezension

Praktische Tipps, um aus Krisen zu lernen und neue zu vermeiden

Nach dem Crash ist vor dem Crash

Winfried Neun, Springer Gabler Verlag, 175 Seiten, Wiesbaden 2012.07.08.2012, 20:30

Der Titel, abgeleitet aus dem prägenden Satz des ehemaligen DFB Nationaltrainers Sepp Herberger, "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" impliziert, dass die gegenwärtige Krise vorbei ist und wir uns den künftigen Aufgaben stellen sollten. Nur ist die Krise noch längst nicht vorbei.

Worum geht es aber dem Autor? Für ihn ist die allgemeine Verunsicherung eine Folge der Krise, da offen ist, ob die eingeschlagenen Strategien wirklich zum Erfolg führen. So stellt er im Vorwort einleitend die Frage: "Warum wurden Veränderungen erst angeschoben, als das Kind schon im Brunnen gefallen ist?"

Im Gegensatz zur vorherrschenden Ökonomischen Theorien, die den Menschen als "homo oeconomicus" betrachten, rückt Neun in seinem Buch von dieser Theorie ab, indem er das psychologische Verhalten in den Vordergrund rückt. Bereits im ersten Abschnitt "Hat nur die Ökonomie versagt?" wird die Auffassung vertreten, dass insbesondere Banken immer noch in Zeiten der Maßlosigkeit und Gier leben. Gesellschaftliche Werte und Normen sind in der Ökonomie in Schieflage geraten. Kern des Übels ist, dass die Finanzwirtschaft die Realwirtschaft bestimmt und nicht umgekehrt. Gier und unkontrolliertes Wachstum, einhergehend mit irrationalem  oder psychopatischem Verhalten sind die primären Triebe von Wirtschaftsakteuren gewesen, die zu der Krise führten.

Dem Autor fehlt ein "intelligentes, nachhaltiges und vor allem werthaltiges Wachstum" (Seite 29). Diese neue Definition von Wachstum ist gesellschaftlich über die Politik zu etablieren (Seite 29). Auch wenn seine Forderung korrekt ist, ist sie nicht neu. Bereits der Club of Rome oder auch Kurt Biedenkopf haben frühzeitig diese Thematik diskutiert. Genau genommen intensivierte sich die Wachstumsdebatte in Deutschland, nachdem Berichte über hohes reales Wachstum in den COMECON Staaten (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe des Ostblocks) aufkamen und in Deutschland die Diskussion geführt wurde, so viel Wachstum schaffen wir auch. Man wollte schließlich besser sein als die "Ostzone".  Das Ziel Wirtschaftswachstum wurde so 1967 in das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz aufgenommen, obwohl der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard dies missbilligte. Auch die vom Autor auf Seite 36 vertretene These "50 Prozent in der Wirtschaft ist Psychologie und damit verhaltensnotiert" wurde ähnlich bereits von Ludwig Erhard vertreten.  

Das unser Entscheidungsverhalten von Stimmungen und Affekten beeinflusst und gesteuert wird, verdeutlicht der Autor anhand der PSI-Theorie (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen). Diese Theorie der Vier Systeme, welche Motivation, Volitionale, Kognitive und Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologische Theorien zu integrieren versucht, verdeutlicht, dass wir in unseren Handlungen nicht immer so frei sind, wie wir glauben. Um aber konformes Denken abzulegen und neue und innovative Wege zu gehen, ist Querdenken oder Verhalten in der Tradition von Familienunternehmen, die schon immer den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Gesellschaft legten, wieder neu zu definieren.

Mag man den Ausführungen bis zu diesem Punkt noch zustimmen, so dürfte eine kritische Diskussion bei seinen Vor- bzw. Ratschlägen einsetzen:

Seite 94: "Leistung hat heutzutage nur noch wenig mit dem Gehalt zu tun. Sobald die persönlichen Grundbedürfnisse gedeckt sind, lässt sich zusätzliche Leistung nicht über mehr Geld steuern." Leider erfahren wir nicht, was die persönlichen Grundbedürfnisse sind. Welchen Betrag definiert er als Grundbedürfnis für einen Bankangestellten oder dem eines Bankdirektors? Genau hier liegen die Probleme. Die Einkommensverteilung hat sich in allen Ländern stetig zu Gunsten des oberen Zehntels verschoben.

Seite 103: Griechenlandhilfe; so werden nur "punktuelle Aktivitäten eingeleitet" die "Langzeitfolgen hingegen werden nicht beleuchtet". Neun prangert ein kurzfristiges Denken der Akteure an. "Es werden nur die kurzen Strecken des Handelns gesehen, aber nicht die längerfristigen Aspekte" denn hierfür ist unser Gehirn nicht gemacht" (Seite 103). Was wäre denn die längerfristige Strategie konkret, in der auch die nationalen Länder zustimmen? Konkrete Vorschläge seinerseits werden dem Leser leider nicht vermittelt.

Seite 117: Auf Basis einer Studie zur Einstellung zu unternehmerischem Risiko und der Veränderungsbereitschaft, steht Deutschland an letzter Stelle. Die Studie aus dem Jahr 2009 kann aktuell auch anders gelesen werden. Am Ende der Skala sind ausgerechnet die vier unternehmensscheuesten Länder wie Deutschland, Österreich, Schweden und Dänemark aufgeführt, die ökonomisch relativ am vitalsten erscheinen, während USA, Irland und Großbritannien unter den ersten Fünf zu finden sind, die große Probleme bei der Bewältigung der Schuldenkrise haben. Abgesehen davon, dass die Finanzkrise von den USA ausging.

Für Neun besteht die Lösung in einem nachhaltigen und innovativen Wachstum. Plausibel arbeitet er heraus, dass Verhaltensmuster aufgegeben werden müssen. Innovative Wege sind zu gehen. Jedes Kapitel gibt Denkanstöße und Fragen, die er an den Leser stellt. Ganz im Sinne der Tradition der sozialen Marktwirtschaft will er aufrütteln, ohne jedoch selber wirklich originelle Ideen zur Wirtschaftsordnung und Politik zu liefern.  

Autor der Rezension: Christoph Tigges


Details zur Publikation

Autor: Winfried Neun
Seitenanzahl: 175
Verlag: Springer Gabler Verlag
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsdatum: 2012

RiskNET Rating:

befriedigend Gesamtbewertung

Jetzt bestellen