Rezension

Kompakte, gut lesbare und fundierte Analyse der Finanzkrise

Kasino-Kapitalismus – Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist

Hans-Werner Sinn, Econ Verlag, 352 Seiten, Berlin 2009.10.08.2009, 12:40

Noch vor wenigen Jahren war die Magnetschwebebahn Transrapid Deutschland keine dreieinhalb Milliarden Euro wert. Für die Zukunftstechnik "Kernfusion" wendet unser Land pro Jahr 180 Millionen Euro auf, und die 132 Exzellenzinitiativen zugunsten der Hochschulen kosten in fünf Jahren zusammen 1,9 Milliarden Euro. Diese Beispiele verdeutlichen die staatliche Ausgabenbereitschaft bis zum Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2008, so Hans-Werner Sinn in seinem aktuellen Buch "Kasino Kapitalismus". Seit die Finanzkrise ausgebrochen ist, gelten scheinbar neue Dimensionen. Insgesamt wurden etwa 580 Milliarden Euro als staatliche Hilfen und Bürgschaften für die Banken sowie 100 Milliarden Euro Bürgschaften für die Privatunternehmen und 81 Milliarden Euro für zwei Konjunkturprogramme zur Verfügung gestellt. Aus dieser Situation leitet Sinn relevante Fragen ab, die er auf rund 250 Seiten beantwortet. Wie konnte es zu dieser Krise kommen? Waren es persönliche Verfehlungen oder Gier, wie es in zahlreichen Zeitungsartikeln geschrieben wurde? Oder gibt es Systemfehler, die uns ins Schlamassel geführt haben und die man künftig vermeiden kann?

Nach Sinn umfasst der Begriff Kasino-Kapitalismus das Spielertum, das Glücksrittertum. Im Zentrum stehen Banken, vor allem die amerikanischen Investmentbanken, die mit wenig Eigenkapital ihr Geschäft machen. Die Gewinne stecken sie ein, Teile der Verluste lasten sie mangels Eigenkapital ihren Gläubigern an. Oder aber dem Staat, der für Rettungsaktionen zur Verfügung steht.

In seinem jüngsten Werk macht Sinn vor allem auch eine unzureichende Bankenregulierung sowie nicht adäquate Mindesteigenkapitalquoten der Banken für die Finanzkrise verantwortlich. Zur Lösung der akuten Solvenzkrise der Banken forderte er statt der "Bad Banks" eine temporäre Beteiligung des Staates an den Banken. Sie räumen ein, dass fatalerweise mit dem Regelwerk Basel II in jahrelanger Feinarbeit ein System entstand, das den Hebel der Banken noch vergrößerte: weil "Risikogewichtung" oft bedeutete, Gefahren zu verharmlosen.

Auch mit den Ratingagenturen geht Sinn hart – aber fair – ins Gericht: "Es ist bemerkenswert, dass die Rating-Agenturen ihren Kunden im Rahmen des sogenannten indicative rating gegen Gebühr dabei geholfen haben, die Wertpapiere, die sie besaßen, zu strukturieren und somit den verschiedenen Tranchen zuzuweisen. […] Das Problem war nur, dass die Rechnungen und die durch sie generierten Bewertungen nicht stimmten. Und das kann nicht nur an der Vernachlässigung des Systemrisikos, also des Risikos, dass der gesamte Markt kollabieren würde, gelegen haben. Auf geheimnisvolle Weise entstanden durch die Strukturierung nämlich überwiegend AAA-Tranchen, obwohl die ursprünglichen Kredite an die Hauseigentümer keinesfalls nur dieser Kategorie zuzurechnen waren." So wurde basierend auf einer Untersuchung an der Harvard Universität festgestellt, dass von 4.000 CDO-Papieren 70 Prozent, die ein AAA-Rating besaßen, tatsächlich nur ein Rating im Bereich B+ verdient hätten. Sinn führt weiter aus: "[…] denn in der Tat muss man an Alchemie glauben, wenn durch die bloße Mischung von Papieren und die Definition der Tranchen auf der Basis ziemlich schlechter Ausgangsdaten ein solch phantastisches Endergebnis erzielt werden kann. Offenbar hatte das amerikanische Finanzsystem mit seinen Rating-Agenturen eine Formel für die synthetische Goldproduktion gefunden." So wurden seitens der international tätigen Ratingagenturen die US-Investmentbanken Bear Stearns (A von Standard&Poors‘s), Lehman Brothers (A+ von Standard&Poors’s) und Merrill Lynch (AA+ von Standard&Poors’s) im Jahr 2007 sehr gut bewertet, obwohl sie wenige Monate später insolvent waren.

Deutliche Kritik übt der Präsident des ifo-Instituts und Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München an dem deutschen Rettungspaket. Es sei nicht geeignet, den Eigenkapitalmangel der Banken zu beheben – mit drastischen Folgen für die Realwirtschaft. Nach den Verlusten der vergangenen Quartale operieren viele Banken heute in gefährlicher Nähe zu der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestkernkapitalquote von vier Prozent. Wenn diese Quote unterschritten wird, verliert eine Bank ihre Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb. Banken können dem nur entgehen, wenn sie sich entweder neues Eigenkapital besorgen oder ihre Ausleihungen reduzieren. Da Eigenkapital am Markt angesichts der miserablen Kurse derzeit nicht zu bekommen ist, ist es sinnvoll, dass der Staat in die Bresche springt. Die Regierung hat die Mittel des deutschen Rettungspakets aber größtenteils als Bürgschaften bereitgestellt und Eigenkapitalhilfen mit massiven Auflagen verbunden. "Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass die Banken ihr Geschäftsvolumen verringern, um ihre Geschäftserlaubnis zu schützen. Bei vier Prozent bilanzieller Eigenkapitalquote lässt sich ein Verlust von einem Prozent bei den Anlagen aber nur mit 25 Prozent weniger Ausleihungen ausgleichen. Dieser gewaltige Multiplikator kann der deutschen Wirtschaft zum Verhängnis werden, weil das Geld für notwendige Investitionen fehlt", erklärt Sinn in seiner jüngsten Buchveröffentlichung.

Auch die aktuell geplanten Bad Banks haben nach Einschätzung von Sinn einen entscheidenden Konstruktionsfehler. Die Banken sollen die wahrscheinlichen Verluste der Bad Banks nur insoweit mittragen, als sie diese aus späteren Gewinnen im normalen Bankgeschäft finanzieren können. Das Eigenkapital ist vor der Haftung geschützt. Bad Banks sind aus seiner Perspektive eine "bad idea". Im Kern läuft die Idee der Bad Banks darauf hinaus, das Vermögen der Bankaktionäre zu erhöhen und das der Steuerzahler zu verringern.

Sinn schlägt in seinem Buch selbst ein ganzes Paket von Maßnahmen gegen die Krise vor. Als Soforthilfe sollte sich der Staat mit einer erzwungenen Kapitalerhöhung an angeschlagenen Banken beteiligen, wenn sie nicht genug privates Eigenkapital auftreiben können. Ziel dieser Beteiligung sollte es sein, das durchschnittliche Bilanzvolumen der vergangenen drei Jahre mit mindestens vier Prozent Eigenkapital zu unterlegen und die Risikopositionen mit mindestens acht Prozent Kernkapital. Sinn sieht in der Beteiligung des Staates aber nur eine vorübergehende Lösung. Nach der Krise soll der Staat seine Anteile wieder verkaufen, denn der Staat hat zwar Geld, ist aber ein schlechter Banker.

Mittel- und langfristig spricht sich Sinn für eine deutlich strengere und international harmonisierte Regulierung des Bankensystems aus. Als wichtigste Ordnungsregel sollten die Staaten von den Banken auch langfristig wesentlich höhere Eigenkapitalquoten verlangen. Ergänzend fordert der ifo-Präsident weltweit die Rückkehr zur vorsichtigen Buchführung nach dem Vorbild des deutschen HGB, ein Verbot der extrem spekulativen Leerverkäufe sowie enge gesetzliche Grenzen für Zweckgesellschaften, Hedgefonds und das Geschäft mit Kreditversicherungen (CDS, Credit Default Swaps).

Insgesamt spricht sich Sinn für den klassischen Neoliberalismus im Sinne von Walter Eucken, Alfred Müller-Armack, Alexander Rüstow und Ludwig Erhard aus, der einem starken Staat die Aufgabe zusprach, Wettbewerbsprozesse in einen starken staatlich kontrollierten Ordnungsrahmen einzubetten. Statt Selbstregulierung der Marktwirtschaft bejaht Sinn Selbststeuerung innerhalb eines Ordnungsrahmens. Mit seinem Buch "Kasino Kapitalsmus" hat Hans-Werner Sinn eine fundierte und sehr gut lesbare Analyse der jüngsten Finanzkrise geschrieben.

Stellt sich zum Schluss nur die Frage, warum der vielfach zitierte deutsche Ökonom (immerhin auf Platz 2 nach dem deutschen Nobelpreisträger Reinhard Selten, vgl. "Who is the 'Platz-Hirsch' of the German Economics Profession? A Citation Analysis") sein Buch nicht bereits vor vielen Jahren veröffentlicht hat. Schließlich sind wir im Nachhinein alle schlauer. 

Rezension von Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Hans-Werner Sinn
Seitenanzahl: 352
Verlag: Econ Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsdatum: 2009

RiskNET Rating:

sehr gut Gesamtbewertung

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