Rezension

Wie Sie die Kernschmelze des Finanzsystems sicher überstehen

Endspiel

Dr. Oliver Everling17.02.2016, 17:42

"Endspiel" ist der neueste Titel aus dem FinanzBuch Verlag, München. Obwohl das Buch von einem ehemaligen Basketball-Nationalspieler (Junioren) geschrieben wurde, geht es hier nicht um Sport – wie auch schon der Name des Verlags erwarten lässt. Bei dem ehemaligen Athleten handelt es sich nämlich um Florian Homm, dessen ungewöhnliche Geschichte bereits seine Biografie zu einem Beststeller in Deutschland werden ließ.

Das Buch "Endspiel: Wie Sie die Kernschmelze des Finanzsystems sicher überstehen" reiht sich zwar in die vielen Titel mit Untergangsstimmung ein, ist aber doch in mehrerer Hinsicht anders.

Florian Homm kommt als Autor seine ungeheure Spannweite seiner Erlebnisse zugute, vom fast Dollar-Milliardär bis zum schließlich praktisch mittellosen Gefängnisinsassen, der mit zahlreichen Panzerknackern seine Zelle in der Untersuchungshaft teilen muss. Das Buch "Endspiel" streift seine Erlebnisse als Arbeiter auf dem Bau wie auch als Berater von Superreichen und Staaten, als einem an Multipler Sklerose erkrankten Schwerbehinderten mit bescheidener staatlicher Rente wie auch als Opfer eines Mordanschlags, als Fahndungsziel wie auch als Vertrauter der Spitzenverdiener.

"Bei der nächsten Wahl wähle ich auf jeden Fall die Linke", schreibt Homm, der einst der FDP nahe stand. "Ja, ich werde die Linke wählen, weil die anderen Parteien einfach nicht checken wollen, welchen Unfug sie gemacht haben, und nicht zugeben können, wie die Lage wirklich ist." Man könne die Politiker auch Marionetten nennen, so Homm: "Sie bewegen sich viel und wackeln mit den Armen. Aber was sie sagen, wird von einer Stimme im Hintergrund vorgegeben."

Für seinen Sinneswandel sei nicht allein der Einsatz von Sarah Wagenknecht entscheidend, da sie sich für ihn während seiner Haft in Italien einsetzte. Was die deutsche Politik betrifft, wäre  es nach Meinung von Homm nicht vermessen, zu resümieren, dass die Systemparteien schon seit einiger Zeit vor ihren amerikanischen Lehnsherren und dem internationalen Geldadel kapituliert haben und sich seit zwei Legislaturperioden aktiv für die Demontage der sozialen Marktwirtschaft einsetzen.

"Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert. Nichts ist schöner als die Freiheit und der Glaube an das Gute. Ich habe wenig zu verlieren. Das ermöglicht mir einen hohen Grad an Ehrlichkeit", schreibt Homm. Der FinanzBuch Verlag lässt ihm freie Hand: Wo andere Autoren möglicherweise gebeten worden wären, doch höflicher zu formulieren oder auf herrschende Meinungen Rücksicht zu nehmen, spricht Homm Fraktur.

"Ohne den geringsten Zweifel wird die Mehrheit der rechtschaffenen Bürger eine Finanzrepression erleben, die sich gewaschen hat. Das bedeutet nichts anderes, als dass Ihre Rechte mehr und mehr eingeschränkt werden, und das sich der Staat Ihr Vermögen sukzessive aneignen wird, um sich und seine Politiker über Wasser zu halten", schreibt dieser Wähler der Linkspartei.

Klassenfeind sind insbesondere die USA: Offiziell habe die US-Regierung Finanzverbindlichkeiten von 18,6 Billionen. Das bedeute Schulden pro Steuerzahler von circa 155.000 Dollar, rechnet Homm vor. Deutschland kommt bei Homm noch relativ gut davon: "Die Verbindlichkeiten der Rentenkasse (Generationenvertrag) des deutschen Staates gegenüber den Steuerzahlern liegen bei über acht Billionen Euro, also 100.000 Euro pro Einwohner oder 400.000 Euro pro Haushalt."

Homm sieht die Verhaltensmuster der "Bankster" in der staatlichen Deregulierung der Märkte, des Bankenwesens und den unverantwortlichen Beispielen vorgezeichnet, die Politiker seit über vier Jahrzehnten durch ihre rücksichtslose Zerstörung von soliden Werten praktizieren. "Jeder ehrliche und kompetente Kapitalmarktprofi wird zugeben, dass die wichtigsten Wirtschaftsnationen des Westens niemals ihre Schulden zurückzahlen können und mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens in der nächsten Dekade nicht einmal den Schuldendienst leisten werden."

Anders als die meisten SPD-Politiker schiebt Homm die Verantwortung für alles Übel in der Wirtschaft nicht einfach auf Hedgefondsmanager, im Gegenteil: "Verantwortlich für den Niedergang der Gesellschaften waren Hasardeure im Management, die Typen auf der Chefetage und natürlich auch die obrigkeitshörigen Finanziers und Politiker, die solche Abstürze fast nie rechtzeitig erkennen. Bremer Vulkan entpuppte sich durch das Mitwirken der Politiker letztlich als der größte Subventionsbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte."

Nach Homm habe man in der Finanzkrise die Chance verpasst, das Finanzsystem neu zu ordnen, und sieht in Skandinavien gute Beispiele: "Die Verstaatlichung der maroden skandinavischen Banken wurde zu einem Riesenerfolg für Land und Bürger. Im Hypotheken- und Banking-Crash von 2008/2009 musste keine einzige norwegische oder schwedische Bank gerettet werden. In ganz Skandinavien gibt es heute keine einzige Bank, die systemgefährdend wäre." Die konsolidierten Verbindlichkeiten der Deutschen Bank seien dagegen, so sein Beispiel, mindestens sechsmal höher als der gesamte deutsche Bundeshaushalt. "Viel besorgniserregender ist das Exposure von Derivaten (in der Regel riskante Anlageprodukte) der Deutschen Bank von circa 54 Billionen. Das ist 180-mal mehr als der deutsche Bundeshaushalt."

Wie auch viele libertäre Denker, die sich nicht gerade der Linkspartei verbunden fühlen, geißelt Homm das heutige Fiatgeld: "Die Fort Knox-Goldreserven waren  bereits 1969 derartig angefressen, dass die US-Regierung unfähig war, Dollarreserven der Franzosen in ausreichendem Maß in Goldbarren an Frankreich zu liefern." Das Fiatgeld ist ein Hauptfaktor des Realitätsverlusts in der Politik: "Heutige Währungssysteme legen den Wert der Währung nicht durch eine offizielle Rate im Verhältnis zu  einem Rohstoff fest. Stattdessen wird der Wert über die Macht der Regierung beziehungsweise durch Steuereinnahmen gesichert."

"Das erste Fiatgeld war höchstwahrscheinlich der Denari. Der Silbergehalt dieser Münze wurde so lange reduziert," recherchiert Homm mit seinen Mitautoren Gublan Dag, Sesij Dag und Michael Uhlemann, "bis letztlich Händler diese Münzen nicht mehr als Zahlungsmittel  akzeptierten. Der Denari war dann nur noch so viel wert wie sein Metallwert, also fast nichts." Dasselbe werde man mit Yen, Euro und dem US-Dollar erleben.

Die Konsequenz waren in der Menschheitsgeschichte immer drakonische Sparmaßnahmen, der Zusammenbruch von Nationen, knallharte Finanzrepression, meistens Hyperinflation, die in der Regel durch eine Währungsreform zumindest zeitweise "geheilt" wurde. "In der gesamten Historie der Banknote vor 1971 gab es bisher noch keine ungedeckte Währung, die mehr als 43 Jahre überlebte."

Es mangelt wirklich nicht an sinnvollen Ideen, um die Wirtschaft anzukurbeln, damit vermieden werden kann, dass die  meisten westlichen Länder zu Bananenrepubliken mutieren,  und damit die Regierungen und die Staatsbürger irgendwann  in ferner Zukunft nur noch so viel ausgeben, wie sie wirklich auf dem Konto haben. Der Schuldenkult führe in Ländern wie Griechenland erst einmal zum Aufschwung, bis die wirtschaftliche Realität sie einhole.

Die Kooperation zwischen China und Russland berge ein weiteres Risikopotenzial für den US-Dollar, so Homm. "Zukünftiger Handel zwischen diesen beiden Nationen findet ganz ohne den US-Dollar statt. Kein Wunder, dass Amerika Russland ganz oben auf seiner Destabilisierungsliste führt. Die Maßnahmen in der Ukraine und der Putsch des demokratisch gewählten Präsidenten Yanukovich waren genauso durch die Amerikaner organisiert wie der Tod von Gaddafi, Hussein, die Attacken gegen Assad und der  Sturz eines weiteren demokratisch gewählten Präsidenten, Mohammed Mursi, der von den neuen amerikanischen Statthaltern in Ägypten mittlerweile zum Tode verurteilt wurde. Wenn es um ihre Weltvorherrschaft und um den US-Dollar geht, verstehen die Amerikaner keinen Spaß."

In manchen Passagen des Buches klingt Homm wie ein Verschwörungstheoretiker: "Warum müssen wir alle unsinnigen Kriegsmaßnahmen und Sanktionen der Amerikaner unterstützen? Weil wir fast total fremdbestimmt sind und weil die Mehrheit der Bevölkerung Tag und Nacht durch Politiker und amerikafreundliche Medien verblödet wird, allen voran die Bild-Zeitung."

"Die Amerikaner haben nach Recherchen in 160 Ländern weltweit eine militärische Präsenz, eine sehr lange Historie militärischer Aggression und Subversion und verändern gerne, für sie passend, das Regime." Homm weiter: "Zudem geben die Amerikaner fast dreimal so viel Geld für ihren Militärapparat aus, wie der gesamte deutsche Bundeshaushalt beträgt." Dabei war die Welt in ihrer ganzen Geschichte noch nie derartig wirtschaftlich und finanziell vernetzt. "Ein Buschfeuer in den USA kann einen Großbrand in Deutschland auslösen."

Homm warnt vor vorschnellen Vergleichen: "Im Jahr 1929 war die amerikanische Regierung nicht verschuldet, und konnte sich große fiskalische und monetäre Interventionen leisten. In dieser Epoche hatten die USA die bei weitem größten Goldreserven der Welt und waren sogar eine Art Kreditgeber für den Rest des Globus. Die Situation in 2008/2009 war somit gänzlich anders als zu Zeiten der großen Depression."

Homm wagt auch eine Menge konkreter Prognosen. Kurzfristig: "Es läuft alles so weiter wie bisher. Die Krisenherde sind zu groß, die Situation zu verworren, um noch richtige Entscheidungen zu treffen und umsetzen zu können." Dann komme aber die Finanzrepression. "Dieses Wort müssen Sie sich merken, denn Sie werden es noch unmittelbar erleben. Dieser Begriff fasst eine breite Palette von Regierungsmaßnahmen zusammen, die der Staat initiiert, um sich an Vermögen zu vergreifen und um die finanzielle Bewegungs- und Anlagefreiheit der Bürger einzuschränken. Anders als andere Untergangsautoren sieht Homm "die Erlösung" nicht in Immobilien und/oder Gold: "Immobilien sind noch so eine schlecht analysierte und mangelhaft differenzierte Anlagealternative wie Gold!"

Der Prozess des Niedergangs der Fiatwährungen komme nicht über Nacht und werde einige Jahre dauern. Auch die Finanzrepression werde nicht vollumfänglich in einem Jahr umgesetzt, sondern peu à peu. "So dynamisch und gut vorbereitet sind die Politiker nicht."

Homm illustriert das Zusammenspiel der politischen Kräfte: "Die amerikanische Investment Bank Goldman Sachs hat den Griechen Bilanztricks beigebracht, die es ihnen letztlich ermöglicht haben, in den Euroclub aufgenommen zu werden. Dafür wurden sie königlich bezahlt. Jetzt ist Griechenland pleite und das Tafelsilber wird zu Schleuderpreisen verkauft. Wieder verdient Goldman Sachs." Homm weiter: "Wer leitet diese Prozesse aus Brüssel? Mario Draghi, ein ehemaliger Goldman Sachs Investmentbanker."

Homm landet auf einer ganz anderen Ebene mit Handlungsempfehlungen für seine Leser: "In der bevorstehenden Misere werden diejenigen bestehen, die Nützliches leisten können. Dazu sind Sie fähig! Seien Sie sich nicht zu schade, eine Arbeit anzunehmen, die unter Ihrem Niveau liegt. Irgendetwas läuft fast immer. Arbeiten Sie mit anderen zusammen. Tauschen Sie sich mit anderen aus. Gründen Sie Selbsthilfegruppen. Unterstützen Sie sich gegenseitig. In der Einheit und im Team liegt die Stärke. Nur auf den Staat dürfen Sie sich nicht verlassen."


Details zur Publikation

Autor: Florian Homm
Auflage: 1. Auflage
Seitenanzahl: 192
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2016

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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