Rezension

Warum wir eine Geldreform brauchen

Die neue Ordnung des Geldes

Dr. Oliver Everling14.10.2014, 21:52

Thomas Mayer ist für seine Publikationen zum Euro bekannt: "Die neue Ordnung des Geldes" ist sein neuester Titel im FinanzBuch Verlag (ISBN 978-3-89879-840-2). Hier legt er dar, "warum wir eine Geldreform brauchen", so lautet deshalb auch der Untertitel seines Buches, mit dem der Verlag aus der Münchner Verlagsgruppe geradezu ein Sperrfeuer von fundierten Buchpublikationen fortsetzt, die sich mit der immer noch nicht überwundenen Euro-Krise staatlicher Schuldenpolitik auseinandersetzen.

Das Buch eignet sich für jeden, der prägnante Antworten auf eigentlich einfache Fragen sucht: Was ist Geld? Wie entsteht Geld? Was machen Banken? Wie entsteht Inflation? Was ist Zins? Gibt es ein stabiles Geldsystem? Wie geht es weiter mit dem Euro? Was wird aus unserem Papiergeldsystem? Anhand dieser interessierenden Fragen gliedert Mayer auch sein Buch.

Die möglichen Antworten auf diese Fragen – aus der Sicht unterschiedlichster Denkschulen und Ideologien – füllen ganze Bibliotheken. Mayer gelingt es aber, dem Leser die Antworten anhand der wichtigsten Fakten und Zusammenhänge in schlüssiger Form zu präsentieren, ohne den Leser zu sehr mit den unterschiedlichen Theoriegebäuden zu belasten. Mayers strikte Orientierung an konkreten Fragen wird den Leser erfreuen, der auf 256 Seiten Antworten auf immer wichtiger und drängender werdende Fragen zu unserem Geldsystem sucht.

"In ihrer komplizierten Modellwelt, die mit viel Mathematik verwissenschaftlicht werden soll," kommentiert Mayer die Geldtheoretiker,  "haben sie den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Und weil sie sich über die elementaren Fragen im Unklaren sind, sind sie unfähig, unser Geldwesen richtig zu ordnen, den Euro nachhaltig zu stabilisieren und eine Geldkrise als Folge der Finanzkrise abzuwehren."

Geld verändert seinen Charakter als Maß für Kredit und Schuld und wird zum Tauschmittel erst dann, wenn das Vertrauen innerhalb einer Gesellschaft verloren geht und durch Machtverhältnisse ersetzt wird, berichtet Mayer, und kommt auf Graebers Münzgeld zu sprechen, das vornehmlich aus militärischen Gründen entstand: Herrscher gaben ihren "Soldaten" Münzen und verlangten, dass die Bauern ihre Steuern in eben diesen Münzen entrichteten. "Besonders Soldaten konnten dafür sorgen, dass die Bauern ihrer Steuerpflicht auch nachkamen. Dem so geschaffenen Geldangebot stand damit eine künstlich erzeugte Geldnachfrage gegenüber. Die Bauern mussten den Soldaten Waren gegen Münzen abtreten," legt Mayer dar, "die sie für die Zahlung ihrer Steuern benötigten, um von den Soldaten in Ruhe gelassen zu werden.  […] Wenn nun Geld seiner Natur nach vornehmlich ein Maß für die Schuld des Untertanen oder (später) des Bürgers an den Staat ist, so ist es folgerichtig, wenn der Staat das Geld emittiert, mit dem diese Schuld beglichen werden kann, […]"

Mayer skizziert, wie Banken Einlagen schaffen, indem sie Kredite vergeben. "Erst dann borgen sie sich die notwendigen Reserven von der Zentralbank. Wollen die Kunden einen Teil ihrer Einlagen in Bargeld tauschen, borgen sich die Banken auch diese Form des Außengelds von der Zentralbank und geben es an die Kunden gegen eine Abbuchung bei ihrer Bankeinlage ab."

In der öffentlichen Wahrnehmung dominiere die Vorstellung von den Banken als Vermittler zwischen Sparern und Investoren. Dabei werde die Kreditvergabe an private Haushalte und Unternehmen meist als das nützliche traditionelle Bankgeschäft gesehen, während die Aktivitäten der Banken auf den Kapitalmärkten argwöhnisch betrachtet würden. Mayer zeigt, warum Vorschläge heute Konjunktur haben, das "riskante Kapitalmarktgeschäft" vom scheinbar "sicheren Kreditgeschäft" abzutrennen. Banken spielen aber die wesentliche Rolle bei der Schaffung von Geld, das durch die Vergabe von Krediten entsteht. "Nimmt man dies zur Kenntnis, kommt man zu dem der öffentlichen Meinung entgegengesetzten Schluss: Das Kreditgeschäft ist riskant, weil mit ihm die Schaffung von Einlagen, oder anders gesagt, die Schöpfung von Giralgeld verbunden ist. Dagegen ist das Kapitalmarktgeschäft sicherer, weil es sich im Kern mit der Vermittlung zwischen Anlegern und Investoren befasst."

Mayer zeigt die Anreizstrukturen für Bankmanager auf, die in deutschen Banken schon Realität geworden sind und die Zustimmung der Bankenverbände zur Verschärfung der Eigenkapitalanforderungen nach Basel III erbrachte: "Die Aktionäre mögen zwar ihr investiertes Kapital verlieren, aber dies ist für Bankmanager nicht notwendigerweise eine Katastrophe. Wenn der Staat das Institut mit öffentlichen Geldern rekapitalisiert, werden sie wahrscheinlich nicht einmal ihre Stellung verlieren. Man kann schwerlich auf die Leute verzichten, die die Geschäfte der Bank bis in alle Einzelheiten verstehen. Daher stehen die Chancen für die Bankmanager nicht schlecht, dafür bezahlt zu werden, die Probleme zu beheben, die sie zuvor verursacht haben. Vielleicht wird das Gehalt nicht mehr so hoch wie vorher sein. Aber sie haben natürlich die ihnen in der Vergangenheit, in besseren Zeiten, als Bonus zugeteilten Aktien längst verkauft und in sicheres Bargeld umgewandelt, sodass sie eine Gehaltskürzung gut verkraften können. Was also liegt angesichts dieser Umstände näher, als den Banken eine höhere Eigenkapitalquote vorzuschreiben und die Boni zu deckeln, insbesondere, wenn sich dadurch nicht einmal die Kreditkosten für die Realwirtschaft verteuern? Jeder, der dies fordert, kann sich des Beifalls des Publikums gewiss sein. Übersehen wird dabei allerdings, dass eine höhere Eigenkapitalquote das System nur ändert, aber nicht abschafft."

Die eigentliche Aufgabe von Banken sieht Mayer nicht in der Vergabe von Krediten, sondern dem Angebot von Giralgeld, also Einlagen. Investmentfonds könnten Unternehmensanleihen oder sekuritisierte Kredite kaufen und den Kauf mit der Ausgabe von Fondsanteilen finanzieren, so der konkrete Vorschlag von Mayer: "Investmentfonds schaffen kein eigenes Geld, sondern erwerben von den Banken geschaffenes Geld gegen die Ausgabe von Anteilen und geben es an die Nachfrager nach Eigen- oder Fremdkapital gegen Aktien oder Anleihen weiter. Der Preis der Anteile schwankt mit dem Wert der Anlagen und ist nicht im Verhältnis 1 : 1 an Zentralbankgeld gekoppelt. Investmentfonds sind die wirklichen Vermittler zwischen Sparern und Investoren."

Im Vergleich zum Kreditgeschäft sieht Mayer das Kapitalmarktgeschäft als deutlich weniger riskant. "Im Kapitalmarktgeschäft werden Ersparnisse in Investitionen verwandelt. Tatsächlich leisten die Kapitalmärkte, was üblicherweise den Banken zugeschrieben wird: die Vermittlung zwischen Sparern und Investoren. Es ist deshalb widersinnig, Kapitalmarktgeschäfte als besonders riskant zu brandmarken und sie deshalb besonders strengen Regulierungen zu unterwerfen. Letztendlich sind die Risiken eines Akteurs auf dem Kapitalmarkt eher mit denen eines Händlers mit Tomaten vergleichbar, während die Risiken eines Bankiers näher bei denen eines Betreibers eines Atomkraftwerks liegen."

Mayer kommt auf einen wichtigen Denkfehler der aktuellen "Rettungsmaßnahmen" rund um den Euro, die Staaten der Eurozone und den Banken zu sprechen: "Je länger die Zentralbanken an ihrer Politik der quantitativen Lockerung festhalten, desto mehr entwickelt sich das Geld- und Kreditsystem zu einer planwirtschaftlichen Veranstaltung. Im Unterschied zum real existierenden Sozialismus früherer Jahre steuern nun aber die staatlichen Planer nicht mehr die Realwirtschaft, sondern den Finanzsektor. Dabei wird die Zins- und Kreditpolitik durch eine umfassende Regulierung der Finanzindustrie ergänzt. Diese Reaktion auf die Finanzkrise kommt Schumpeters Vision eines bürokratischen Sozialismus als Antwort auf die Instabilität des Geldsystems recht nahe."

Im Unterschied zu anderen Autoren, die ihre Leser lediglich mit volkswirtschaftlichen Apokalypsen unterhalten, ohne aber fundiert Auswege aufzuzeigen, präsentiert Mayer seine Idee eines Aktivgeldsystems, das im Kern nicht länger auf leeren, staatlichen Versprechungen beruht: "In einem Aktivgeldsystem spielt der Staat nur eine passive Rolle, denn Aktivgeld beruht auf gesellschaftlicher Konvention und nicht auf staatlichem Zwang. Aktivgeld entsteht am besten im Wettbewerb um die Gunst der Nutzer. Auf diese Weise haben sich in der Vergangenheit Gold und Silber als Warengeld durchgesetzt. Der Staat sollte jedoch für Transparenz und Fairness im Währungswettbewerb sorgen und gegen Betrug vorgehen. Bildet sich im Wettbewerb ein Oligopol der Geldanbieter heraus, so muss staatliche Ordnungspolitik den Missbrauch der Marktmacht der Oligopolisten verhindern."

Nach der Lektüre des Buches von Mayer ist dem Leser klar, dass das gegenwärtige "staatliche Passivgeld ohne Staat" den Euro nicht retten wird. "Vertragliche Vereinbarungen, die staatliche Strukturen ersetzen sollen, können ohne zentrale Staatsgewalt in der EWU nicht dauerhaft durchgesetzt werden." Eine Alternative zu nationalen Währungen sieht Mayer in als Aktivgeld konzipierten Gemeinschaftswährungen für Ländergruppen innerhalb der bestehenden EWU. "Im Gegensatz zur Passivgeldordnung, die den Staat braucht, stützt sich die Aktivgeldordnung auf gesellschaftliche Konvention und kann daher auch in einem Staatenverbund ohne Zentralstaat bestehen. Da Aktivgeld ohne staatlichen Annahmezwang auskommt, kann es jedoch nur Gemeinschaftswährung, aber keine staatlich verordnete Einheitswährung sein. Deshalb sollte gemeinschaftliches Aktivgeld in der EWU im Hayek’schen Währungswettbewerb entstehen."

Mayer kommt erstaunlich gut ohne wissenschaftliche "Fachsimpelei" in seinen Darstellungen aus und widersteht erfreulicherweise der Versuchung, sein unerhört tiefes Verständnis der Geldpolitik und Geldtheorie allerorten zur Schau zu stellen. Das Buch dürfte auch für jeden fachlich interessierten Laien lesbar sein, denn diese hindern weder komplizierte Formeln noch Fachjargon an den Einsichten. Für die Kenner der Volkswirte der letzten Jahrhunderte wird die Lektüre aber zum besonderen Genuss, da Mayer auf die führenden Köpfe zu sprechen kommt. Buchempfehlung!


Details zur Publikation

Autor: Thomas Mayer
Seitenanzahl: 256
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2014

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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