Rezension

77 Bilder, die mehr sagen als 1000 Worte

Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig

Frank Romeike17.06.2014, 07:03

Dieses kompakte Buch liefert im Kern 77 Bilder zum Selberdenken und Mitreden. Ohne große Worte präsentieren Abbildungen die wesentlichen Fakten zur Krise. Die Strategie dahinter ist einfach: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Das Buch hat sich zum Ziel gesetzt, in einer kompakten Form aufzeigen, wie es zur Krise kam, was bisher getan oder auch nicht getan wurde, um die Krise zu bekämpfen, und welche realistischen Lösungsansätze es weiterhin gibt. Und es liefert dem Leser gezielt die grundlegenden Informationen, die benötigt werden, um sich eine fundierte eigene Meinung zum Thema zu bilden.

Eine kleine Kostprobe gefällig?

Deutschland weist in der Zeit von 2000 bis 2008 das geringste Wirtschaftswachstum auf. In allen Ländern, mit Ausnahme von Deutschland, stiegen die Schulden deutlich schneller als die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt bzw. BIP). In Spanien, Griechenland, Irland und Portugal wuchsen die Schulden mehr als doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung – Dolce Vita auf Pump.

Abb. 01: Dolce Vita auf Pump [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 6]
Abb. 01: Dolce Vita auf Pump [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 6]

Die Eurozone war mit dem starken Anstieg der Verschuldung nicht allein. Er ist ein Phänomen der Industriestaaten rund um den Globus. Auch in den USA und in England wuchsen die Schulden mehr als doppelt so schnell wie die Wirtschaft. Japan weist den geringsten Anstieg der Verschuldung auf. Hintergrund: Die Immobilien- und Aktienblase platzte bereits 1989. Seither bauen Unternehmen die Verschuldung ab. Der Staat machte entsprechend mehr Schulden.

Abb. 02: Auch anderswo lebt man auf Pump [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 9]
Abb. 02: Auch anderswo lebt man auf Pump [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 9]

Zeitgleich mit dem Verschuldungsboom der Realwirtschaft hat auch der Finanzsektor (Banken, Versicherungen) ein immer größeres Rad gedreht. Um die Realwirtschaft mit immer mehr Kredit versorgen zu können, haben sich auch die Banken an den Kapitalmärkten verschuldet. Hinzu kommt, dass die Kredite mehrmals weiterverkauft und verpackt wurden. So blähten sich die Bilanzen der Banken auf. Der Finanzsektor machte dies jedoch mit immer geringerem Eigenkapital (zuletzt etwa 3 Prozent), was die Krisenanfälligkeit erhöhte.

Abb. 03: Die Banken feiern mit [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 10]
Abb. 03: Die Banken feiern mit [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 10]

Die nachfolgende Abbildung zeigt das Gehaltsniveau im Banksektor relativ zu vergleichbaren Jobs in der Industrie. Ergebnis: Üblicherweise bekommen Banker keine signifikant höheren Gehälter als Angestellte in vergleichbaren Positionen in der Industrie. Nur in den 1920er- und 1930er-Jahren und seit 1990 stiegen die Gehälter deutlich über das Niveau der Industrie. Dank des Kreditbooms haben Banken mehr verdient und konnten Gehälter erhöhen. In den kommenden Jahren dürfte es aber zu einer Normalisierung der Bankgehälter kommen.

Abb. 04: Die Banker verdienen kräftig [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 11]
Abb. 04: Die Banker verdienen kräftig [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 11]

Die Abbildung unten zeigt die Gesamtschulden der Länder zum Zeitpunkt des Krisenausbruchs. Spitzenreiter der Verschuldung sind Irland und die Niederlande. Die geringste Verschuldung weist wiederum Griechenland aus. Die Gesamtverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung ist ein entscheidender Indikator für die Stabilität einer Volkswirtschaft. Japan konnte – bis jetzt – den hohen Schuldenstand durch rekordtiefe Zinsen und weitere Staatsverschuldung stabilisieren. In den Niederlanden stehen den hohen Schulden entsprechende Vermögenswerte gegenüber. Allerdings zeigen sich dort jetzt Folgen des Immobilienpreisrückgangs.

Abb. 05: Rekordschulden bei Krisenbeginn [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 12]
Abb. 05: Rekordschulden bei Krisenbeginn [Quelle: Daniel Stelter, Die Krise ... ist vorbei ... macht Pause ... kommt erst richtig, FinanzBuch Verlag, München 2014, S. 12]


Um die Fragen "Was passiert mit unserem Geld?" und "Wie geht es weiter?" beantworten zu können, müssen wir uns die Ursprünge der Krise ins Gedächtnis rücken. Deshalb verdeutlicht der Autor: Keine Krise ohne Party. Sparen war noch nie die Sache der Politik, weshalb die Staaten enorme Schuldenberge anhäuften.

Das Problem dabei? Im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen traut sich keiner der kaiserlichen Beamten oder der Untertanen dem Kaiser zu sagen, dass er in Wirklichkeit nackt ist. Der Schwindel mit den vermeintlich neuen Kleidern fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind sagt, der Kaiser habe gar keine Kleider an, diese Aussage sich in der Menge verbreitete und dies zuletzt das ganze Volk rief.

Daniel Stelter ist davon überzeugt, dass die westliche Welt derzeit nicht weniger nackt ist als Andersens Kaiser, und wie der Kaiser und sein Hofstaat im Märchen verweigern auch wir uns heute der Realität. Lagen die Schulden von Staaten, Nicht-Finanz-Unternehmen und Privathaushalten im Jahr 1980 noch bei 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so sind es heute bereits mehr als 320 Prozent.

Wir haben es daher nicht nur mit einer Staatsschuldenkrise zu tun, sondern mit einer Überschuldung weiter Teile der westlichen Welt. Und das Schmerhafte daran: Ein guter Teil dieser Schulden wird nicht mehr ordnungsgemäß bedient werden können.

Daniel Stelter beschäftigt sich nur mit den Ursachen und der Bekämpfung der Krise, sondern auch den potenziellen Wegen, die aus der Krise herausführen könnten. Die erste Option ist sparen und zurückzahlen. Wie jeder Privathaushalt oder jedes Unternehmen können wir versuchen, den Gürtel enger zu schnallen. Das Fazit des Autors: Es wird nicht möglich sein, die Schuldenproblematik durch Sparen zu lösen. Der Versuch zu sparen, wird die Schuldenlast weiter vergrößern.

Als zweite Option skizziert der Autor das "Herauswachsen" aus den Schulden. Durch höheres Wirtschaftswachstum wird die Schuldenlast relativ zum Einkommen gesenkt. Gegen diese Option sprechen Demografie, abnehmendes Produktivitätswachstum und hohe Schulden.

Eine mögliche dritte Option wäre eine Restrukturierung der Schulden. Dies kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. Der Schuldner zahlt einfach nicht mehr. Oder Schuldner und Gläubiger einigen sich auf eine "Umschuldung". Dabei werden Schulden erlassen, Tilgungszeiten verlängert und Zinsen gesenkt. Hierbei wäre eine Finanzierung über eine Vermögensabgabe teilweise denkbar. Im Ergebnis erfordert eine Schuldenrestrukturierung aber eine europäische Umverteilung.

Eine mögliche vierte Option wäre eine Entwertung der Schulden durch Inflation. Berühmte Beispiele sind die USA und das Vereinigte Königreich nach dem 2. Weltkrieg. Inflation könnte tatsächlich eine Lösung sein, doch ist sie im Umfeld hoher Schulden schwer zu erzeugen. Denkbar wäre eine Inflation bei direkter Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbanken.

Fazit: Stelter schafft es, ein hochkomplexes Thema einfach und verständlich mit Hilfe von 77 Bildern darzustellen. Den Inhalt des kompakten Buches sollte jeder Bürger kennen und nicht blind den Aussagen der Politiker glauben. Ein Buch das Augen öffnet. Die 6,99 Euro für das Büchlein sind gut investiert.

 

Autor der Rezension: Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Daniel Stelter
Auflage: 1. Auflage
Seitenanzahl: 112
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2014

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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