Rezension

Niemand kann wirklich verstehen, was passiert ist, wenn er dieses Buch nicht gelesen hat.

Die große Panik: Das Wettrennen zur Rettung der Weltwirtschaft

David Wessel, FinanzBuch Verlag, 333 Seiten, München 2009.29.12.2009, 12:00

In den vergangenen Monaten wurden eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die alle das Ziel verfolgten ein wenig Transparenz in die Ursachen der jüngsten Finanzkrise zu bringen. Die Rolle der US-Notenbank Fed (Federal Reserve System) wird in den meisten Veröffentlichungen in der Regel nur am Rand betrachtet. Das Buch von David Wessel, Wirtschaftsjournalist  und zweifacher Träger des renommierten Pulitzer-Preises, bietet hingegen einen tiefen Blick hinter die Kulissen der US-Notenbank. Anfangs tat die Fed zu spät zu wenig, um das, was inzwischen zur empfindlichen Rezession geworden ist, zu verhindern: Doch als Notenbank-Präsident Bernanke dann in Gang kam, wurde die Fed zu einem solchen Wirbelwind der Aktivitäten, dass Präsident Bush, Finanzminister Paulson und  der US-Kongress dadurch aus der Verantwortung entlassen wurden und nicht mehr selbst gezwungen waren, zeitnah unbequeme politische Entscheidungen treffen zu müssen, die vielleicht einige der schlimmsten Folgen verhindert hätten.

David Wessel weiter: Gegen internen Widerstand und trotz des schwerfälligen Beginns nahm sich Bernanke seine eigene Kritik an der japanischen Zentralbank zu Herzen, die über zehn Jahre zuvor nicht bereit gewesen war, mit Maßnahmen zu experimentieren, deren Wirksamkeit nicht hundertprozentig erwiesen war. "Vielleicht ist es in Japan Zeit für eine Roosevelt’sche Lösung", hatte Bernanke 1999 vorgeschlagen. "Viele der Roosevelt’schen Maßnahmen funktionierten nicht so wie geplant, doch unterm Strich muss man es Roosevelt als Verdienst zuschreiben, dass er den Mut hatte, gescheiterte Paradigmen zu verlassen und das zu tun, was nötig war".

In "Die große Panik" geht es genau darum, wie die Fed unter Bernanke "gescheiterte Paradigmen" verließ, um "zu tun, was nötig war." David Wessel beschreibt kenntnisreich und wie in einem Krimi, was die Fed richtig und was sie falsch beurteilte, was sie tat und was sie unterließ, was sie verstand und was sie missverstand. Im Kern geht es im Buch um Ben Bernanke, wie er entschied, alles zu tun, was nötig ist. Und vor allem geht es um eine Handvoll Leute – überwältigt, überanstrengt, bedrängt und belagert und ständig im Nachhinein kritisiert –, denen die Aufgabe zugefallen war, die US-Wirtschaft vor der größten wirtschaftlichen Bedrohung ihrer Lebzeiten zu schützen. Somit ist der Titel der deutschen Übersetzung missverständlich, da es weniger um die "große Panik" geht, sondern vielmehr um die Kompetenzen und Entscheidungen der Fed unter Alan Greenspan und Ben Bernanke. Der Originaltitel "The Fed We Trust" trifft den Inhalt des Buches besser.

Das Buch basiert auf exzellenten Recherchen und diskutiert – im Gegensatz zu vielen anderen Büchern rund um die Finanzkrise – keine Verschwörungstheorien. Im Vordergrund des Buches steht auf allen 333 Seiten eine sachliche und detaillierte Berichterstattung und nicht das Wiederkäuen von neunmalklugen "Ich-hab-es-ja-immer-gewusst"-Erkenntnissen.

Das Buch verdeutlicht vor allem die massiven personellen Verflechtungen der US-Regierung, der Fed und der Bankenwelt. Außerdem beleuchtet Wessel kenntnisreich die Motive der einzelnen Akteure und verdeutlicht, warum einige Entscheidungen im Rahmen des Krisenmanagements  gefällt werden mussten, auch wenn sie rückblickend nicht optimal waren. Auf Seite 17 wird Barney Frank, der Vorsitzende des Finanzdienstleistungsausschusses (Financial Services Committee) im amerikanischen Repräsentantenhaus mit der Aussage zitiert: "Ich halte große Stücke auf Herrn Bernanke und Herrn Paulson. Ich denke, sie tun ihr Bestes, jedoch finde ich es in einer Demokratie nicht angebracht, dass sie in der Lage waren, alles alleine zu entscheiden. [...] In einer Demokratie sollte niemand, der nicht gewählt ist, nach Belieben 800 Milliarden Dollar ausgeben können."

Fazit: Das Buch kann zu den wenigen Veröffentlichungen gezählt werden, die einen tiefen Einblick in die Aktivitäten und Akteure der US-Notenbank bietet. Joseph E. Stiglitz, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Gewinner des  Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, hat sicherlich recht, wen er zum Buch schreibt: Niemand kann wirklich verstehen, was passiert ist, wenn er dieses Buch nicht gelesen hat.

Rezension von Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: David Wessel
Seitenanzahl: 333
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2009

RiskNET Rating:

sehr gut Gesamtbewertung

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