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Rezension

Die Spielmacher des Weltfinanzsystems

Die geheime Macht der Ratingagenturen

Ulrich Horstmann, 301 Seiten, FinanzBuch Verlag, München 2013.19.05.2013, 07:37

Das Ziel des Buches wird gleich auf Seite 9 definiert: Möge dieses Buch allen Gutgläubigen und Geschädigten dazu verhelfen, sich dem Mysterium Ratingagenturen nicht weiter auszuliefern und wieder selbst zu überprüfen, ob die von ihnen getätigten Geschäfte "wirklich" sicher sind.

Die Urteile der Ratingagenturen gleichen zuweilen dem kaiserlichen "Daumen runter" und bedeuten somit den Tod des Gladiators oder den einer ganzen Volkswirtschaft. Überfallartig, willkürlich, fatal – so erscheinen die Urteile der drei großen amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s, und Fitch. Experten sind sich darin einig, dass gerade diese drei Rating-Giganten die Finanzkrise entscheidend mitverursacht haben. Dafür sind sie bis heute nicht zur Verantwortung gezogen worden, so der Autor in seinem Buch. Stattdessen agieren sie weiter im Schatten, sind niemandem rechenschaftspflichtig und realisieren astronomische Gewinnmargen, die jedweder Grundlage entbehren. Der Autor bestätigt mit seinem Buch durch  Fakten und Recherche den weit verbreiteten Eindruck, einem elitären Geheimzirkel willkürlich ausgeliefert zu sein.

Ulrich Horstmann bringt Licht in das dunkle Gebaren und die undurchsichtigen Machenschaften der Ratingagenturen. Die Arbeit der Ratingagenturen ist erstmalig im Zuge der Finanzkrise 2007 in das Bewusstsein außerhalb der Banken- und Börsenwelt und dabei insbesondere bei Betroffenen von Fehlentscheidungen in die Kritik geraten. Aber selbst fünf Jahre nach der Finanz-, Euro- und Schuldenkrise sind viele Fragen offen, gar nicht gestellt oder beiseitegeschoben: Sind die Ratingagenturen vielleicht nur ein Sündenbock, da nur passiv beteiligt, oder waren sie gar als Spielmacher des Finanzkapitalismus, und damit höchst aktiv, Krisen verstärkend involviert? Wie konnten dabei die sogenannten "Großen Drei" eine monopolartige Stellung erringen? Warum können sich Ratingagenturen erlauben, so gut wie intransparent zu agieren, ähnlich dem Orakel von Delphi? Warum werden diese Orakel bedenkenlos akzeptiert, obwohl die Grundlagen der Entscheidungsfindung gar nicht bekannt sind? Wie verzahnen sich Finanzmärkte, Regierungsstellen und Ratingagenturen, und liegt hier der Schlüssel, wie sie sich finanzieren? Warum sind schließlich trotz der scheinbar "staatstragenden Funktion" die führenden Ratingagenturen mit kommerziellen Interessen privatwirtschaftlich organisiert und keine Behörden mit klaren staatsrechtlichen Regulierungsvorgaben?

Das Buch von Ulrich Horstmann ist hochaktuell und gliedert sich in sechs Kapitel. Das einleitende Kapitel beschreibt die Geschichte der Ratingagenturen und diskutiert die aktuelle Marktstellung. Das zweite Kapitel skizziert das Spielfeld und analysiert die Teilnehmer. Schließlich beschäftigt sich das anschließende dritte Kapitel mit der Frage, inwieweit die Ratingagenturen Spielemacher des Finanzkapitalismus sind. Darauf aufbauend folgt eine Kritik an den Ratingagenturen, insbesondere im Kontext der bisherigen Krisen. Die abschließenden beiden Kapitel beschreiben Wege aus der Unabhängigkeit. Dies passt in den Kontext der jüngsten Regulierungsaktivitäten der EU. Danach müssen Ratingagenturen zukünftig für Fehlurteile vor Gericht haften.

Basierend auf einer EU-Richtlinie sowie einer Verordnung können Ratingagenturen künftig gerichtlich belangt werden, wenn ihnen geschädigte Investoren und Emittenten ein Fehlurteil nachweisen können. Ratings gelten nicht länger als Meinungsäußerung, sondern als Informationsdienstleistung. Unternehmen und Finanzinstitute sind zudem fortan verpflichtet, die sie bewertende Agentur alle vier Jahre zu wechseln. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, darf ein Anteilseigner einer Agentur, der über fünf Prozent hält, nicht auch noch mehr als fünf Prozent Anteile an einer anderen Ratingagentur besitzen. Hat der Anteilseigner einer Agentur zehn Prozent oder mehr Stimmrechte an einer Gesellschaft, darf diese von der betreffenden Agentur nicht benotet werden.

Außerdem sollen die neuen Regeln unter anderem die kontinuierliche Herabstufung von Eurostaaten verhindern, wie in den vergangenen Jahren auffällig oft kurz vor EU-Gipfeln oder Eurogruppentreffen erfolgt, bei denen über Finanzhilfen etwa für Griechenland oder Portugal beraten wurde. Außerdem dürfen die Agenturen nicht bestellte Länderratings nur noch drei Mal im Jahr abgeben und zwar zu festgelegten Daten, die sie jeweils im Dezember mitzuteilen haben. Auch die Uhrzeit der Veröffentlichung wird vorgeschrieben: Nach Börsenschluss in der EU und mindestens eine Stunde vor Börsenbeginn.

Parallel ist die EU-Kommission ist zudem aufgefordert, bis zum 1. Juli 2016 die Möglichkeit zum Aufbau einer öffentlichen EU-Ratingagentur auszuloten, um auch auf diese Weise das Oligopol der drei US-Agenturen aufzubrechen.

Fazit: Ulrich Horstmann liefert mit seinem Buch ein solide recherchiertes Buch, das einen fundierten Blick in die Welt der Ratingagenturen bietet.

Autor der Rezension: Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Ulrich Horstmann
Seitenanzahl: 301
Verlag: FinanzBuch Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2013

RiskNET Rating:

sehr gut Gesamtbewertung

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