Rezension

Ein Banker bricht das Schweigen

Der große Schuldenbumerang

Dr. Oliver Everling11.03.2015, 10:52

Ein Buchtitel wie "Der große Schuldenbumerang – Ein Banker bricht das Schweigen" von Wolfgang Schröter unter Mitarbeit von Jens Schadendorf vermag das Interesse von jedem zu wecken, der vom Geschäft mit Schulden betroffen ist oder damit sein Geld verdient. Das Buch erscheint 2015 bei Murmann Publishers in Hamburg (ISBN 978-3-86774-380-8).

Wer auch heute noch von Krise spricht, gilt als Stimmungskiller und Vernichter von guten Geschäften, ist sich Schröter schon in seinem Vorwort bewusst. "Dass viele das Krisengerede nicht mehr hören können, ist indes sehr verständlich", schreibt Schröter verständnisvoll. Die Krise sei aber nie lediglich eine des Bank- oder Finanzsystems oder von "teuflischen US-Hypothekenpapieren" gewesen, sondern zuallererst eine internationale Schuldenkrise. Daher befasst sich Schröter mit dem Teufelskreis des explosionsartigen Schuldenwachstums. Schröter maßt sich nicht an, eine allumfassende Erklärung zu liefern. "Schuldenberge sind von Menschen gemacht. Nur wir also können sie wieder abtragen."

"Schon jetzt scheint klar: Vor allem die Banken", gibt Schröter zu denken, "haben in den nächsten Jahren unter einer ausgeweiteten staatlichen Aufsicht ihre Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu beseitigen – zu hohe Gehälter und Boni, zerstörerische Produkte, verantwortungsloses Kredit- und Finanzierungsverhalten, kriminelle Preisabsprachen, Steuervergehen, zu geringe Eigenkapitalquoten und mangelnde Liquiditätsreserven für Krisen. All dies gilt es zu eliminieren, lauten die Forderungen. Und wenn sie erfüllt werden: Wird dann alles wieder gut? Wiederholt sich dann eine vergleichbare Krise nicht mehr? Sind wir dann", fragt Schröter, "in sicheren Fahrwassern?" Seine Antwort: "Leider nein."

Schröter sieht im Kern des Problems die alarmierende Entwicklung der Staatsverschuldung, im Verschuldungsgrad der öffentlichen Haushalte. Die Aufblähung der Zentralbankbilanzen und die zügellose Geldschöpfung sind Konsequenz der Tatsache, dass Zentralbanken "zu den wichtigsten Versicherern der Märkte geworden" sind, wie Schröter bemerkt.

Schröter zerstreut die Hoffnung mit einigen Stresstests schnell die Widerstandskraft unseres Bankensystems nachweisen zu können: "Was die meisten Bankenstresstests in Europa und insbesondere in der Euro-Zone im Übrigen ebenfalls nicht erfassen, sind jene Risiken, die mit der potenziellen Insolvenz von Staaten einhergehen – ein weiteres verheerendes Defizit."

Bank- und Staatsschulden seien in eine gefährliche, wechselseitige Abhängigkeit geraten. Gefährliche Abhängigkeitskonstellationen seien auch jenseits der Euro-Währungsraumes zu sehen, nun auch in China, wo auch mit billigen Krediten das Wirtschaftswachstum angefeuert werde. Schröter zerstreut die Hoffnung, Deutschland könne wenigstens im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern gewinnen: "Der temporäre – und sehr relative – Gewinnerstatus darf unseren Blick aber nicht trüben."

"Finanzwirtschaftlich, realwirtschaftlich und politisch viel gefährlicher als konjunkturelle sind", zeigt Schröter auf, "dagegen strukturelle Schuldenkrisen. Sie nämlich stellen eine Art Kulmination vormaliger Konjunkturkrisen dar, in denen die volks- und finanzwirtschaftliche Neuausrichtung über Insolvenzen nicht mehr wettbewerbsfähiger Marktteilnehmer nicht stattgefunden hat beziehungsweise nicht hat stattfinden dürfen."

"Gute" Schuldverträge sind nach Schröter solche, deren Risiken auch in Krisen für Vertragspartner und Gesellschaft zu bewältigen bleiben. Sie "sind dabei der Kitt, der das Gestern, das Heute und das Morgen in Gesellschaften zusammenhält." Weiterhin folgert Schröter daher: "Und da es für den Staat und für ein gesamtes Finanzsystem kein Insolvenzrecht gibt, entwickeln sich aus plötzlich bedrohten Schuldner-Gläubiger-Konstellationen zunehmende Konfrontationen im politischen Raum, um deren Ausgang immer heftiger gerungen wird."

Schröter bewegt sich in seiner Argumentation nicht lediglich auf der Makroebene, sondern geht auch detailreich auf Einzelheiten einzelner Krisenentwicklungen ein. In seiner Analyse nimmt er praktisch "alle" mit in die Pflicht: Politik, Banken, Unternehmen, Haushalte. Mühelos gehen Schröter aufgrund seiner langjährigen Bankerfahrungen die vielen Elemente aus der Feder, die seine Darstellungen prägnant abrunden.

Während sich manche Autoren aus den Hochschulen offenbar zieren, ihre teils wissenschaftlich hoch geehrten Kollegen allzu hart anzufassen, legt Schröter schonungslos dar, wie oft theoretische Modelle versagten und sich ihre irrigen Annahmen in der Praxis als verhängnisvoll erwiesen. So liest sich ein Abschnitt seines Buches wie ein "Who is who" der Nobelpreisträger – mit herben Offenlegungen, wie es um die praktische Relevanz ihrer Theorie bestellt ist.

Schröter kommt mehrfach auf Ratingagenturen zu sprechen. Er zeigt insbesondere auf, wie erst durch staatliche Eingriffe in das Geschäft der Ratingagenturen die Fehlentwicklungen möglich wurden. In der "guten" Absicht des Staates, mehr Sicherheit durch Verpflichtung auf Mindestratings zu schaffen, korrumpierten die USA das im Anlegerinteresse auf Unabhängigkeit gerichtete Geschäftsmodell der führenden Ratingagenturen und stürzten sie in Interessenkonflikte mit den allseits bekannten Folgen.

Die kleine Gruppe US-amerikanischer Ratingagenturen waren in der Finanzkrise willkommene Buhmänner für tausende Banken, institutionelle Investoren, Unternehmen, Politiker usw., zumal sie die allerersten Überbringer der schlechten Nachrichten waren. Daher ist verständlich, dass sich Schröter mit den erhobenen Vorwürfen gegen die schnell erkorenen Sündenböcke befasst, wenn auch das vermeintliche Versagen der Ratingagenturen vor dem Hintergrund der tieferen, im Geldsystem begründeten Ursachen der Krise verblasst.

Schröter: "Ein Währungssystem mit flexiblen Wechselkursen, im Wesentlichen freiem Kapitalverkehr ohne realwirtschaftlichen Anker, wie es Gold darstellt, trieb immer machtvoller eine Spirale der internationalen Geld- und Kredit- und damit Schuldenausweitung voran, die bis heute weiterwirkt, während es parallel dazu zu Wachstumsschwäche und Wohlstandseinbußen auf breiter Front kommt."

Wer zu diesem Buch von Schröter greift, darf nicht auf ein Buch hoffen, bei dem sich der Leser genüsslich zurücklehnen und sich über "Nieten in Nadelstreifen" amüsieren kann. Denn höchst wahrscheinlich gehört fast jeder Leser zu einer der Gruppen, die Schröter mit für die Krise verantwortlich macht. Mindestens dürfte jeder Leser zur "allgemeinen Öffentlichkeit" gehören: "Trotz der immensen Bedeutungszunahme von Geld, Kredit und Schulden haben es insbesondere wir Deutschen in den letzten Jahrzehnten beharrlich abgelehnt, uns mit wichtigen finanziellen Grundfragen, etwa zu Zins, Vermögensbildung und Verschuldung, wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen. Ebenso lange haben wir nicht darauf gedrungen, diese Themen endlich in den Kern des Bildungskanons an unseren Schulen aufzunehmen."

Das Buch von Schröter grenzt sich von einer Reihe anderer Bücher ab, die teils schon kurz nach Ausbruch der Finanzkrise veröffentlicht wurden, denn diese wurden oft von Autoren verfasst, die die (Leser-) Gunst der Stunde nutzten und als geübte Schreiber schnell Papier zu beschriften vermochten. Schröter dagegen befasst sich mit Akribie mit seinen Praxiserfahrungen und lässt den Leser sachlich, aber nicht ohne persönliche Wertung, daran teilhaben.


Details zur Publikation

Autor: Wolfgang Schröter
Auflage: 1. Auflage
Seitenanzahl: 280
Verlag: Murmann Verlag
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsdatum: 2015

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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