Rezension

Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben

Bank-Räuber

Leo Müller, Econ Verlag, 384 Seiten, Berlin 2010.17.12.2010, 17:16

Klare Worte von Leo Müller: Deutsche Banken, insbesondere Institute unter staatlicher Kontrolle, waren besonders erfindungsreich im Täuschen, Tricksen und Tarnen. Der Autor zeigt in seinem Buch "Bank-Räuber – Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben" auf, dass Betrug, Bilanzmanipulation, Täuschung und Irreführung in der deutschen Bankenwelt besonders ausgeprägt ist. Mehr als ein Fünftel der weltweit gehandelten Schrottpapiere haben deutsche Institute versteckt und in ihren Bilanzen verschleiert, obwohl ihnen mit ihrem eigenen Eigenkapitalpuffer diese Hochrisikogeschäfte in dieser Dimension gar nicht erlaubt waren.

Demgegenüber erschienen in den Massenmedien die Finanzpolitiker eher als Heldengestalten, die in letzter Sekunde zur rettenden Tat schritten. Müller liefert mit seinem Buch nicht nur einen kritischen Spiegel für Bankmanager, sondern auch eine schonungslose Abrechnung mit Politikern. "Obwohl sie nicht selten für das zügellose Treiben ihrer Banken mitverantwortlich sind und bei den staatlich kontrollierten Geldhäusern sogar als Aufsichts- und Verwaltungsräte unmittelbar unternehmerische Verantwortung getragen haben." Dies ist wohl auch der Grund, warum die Institutionen in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – bis heute keine nennenswerten Anstrengungen unternommen haben, die Fehler zu untersuchen.

Auch die Aufsichtsbehörden – insbesondere die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie die Bundesbank – hatten die Risiken entweder nicht rechtzeitig erkannt oder zu spät reagiert, obwohl ihnen seit Jahren entsprechende Regelwerke für solche Notfälle vorlagen. Müller weiter: "Die deutschen Finanzpolitiker hatten keinen sinnvollen Plan, wie sie die notleidenden Banken hätten budgetschonend retten können. Das Ergebnis ist ein Trümmerhaufen am deutschen Finanzplatz: bedeutende Großbanken am Tropf des Staates, vier große Landesbanken ohne erkennbare Zukunftskonzepte, das größte Bad-Bank-Volumen der Welt.

Im ersten Themenblock konzentriert sich der Autor auf das Staatsversagen und zeigt in seiner Chronik auf, wie vorhersehbar die Katastrophe war. Bereits fünf Jahre vor der Lehman-Pleite war die Schieflage des deutschen Finanzplatzes bekannt. Das Giftvolumen – so Leo Müller – wurde auf bis zu 300 Milliarden Euro geschätzt. Systematisch versteckten Banken mit Bilanztricks ihre faulen Papiere und täuschten damit die Aktionäre. Das Ergebnis seiner Analyse: Banken, Kontrollinstanzen und Finanzpolitiker wussten Bescheid und halfen beim Versteckspiel. Aufsichtsräte und Wirtschaftsprüfer schauten weg. Bei seiner Generalabrechnung dürfen auch die Wirtschaftsprüfer nicht fehlen. Aus Sicht des Autors spielten sie ein perfides Spiel: Die Wirtschaftsprüfer akzeptierten, dass die Briefkastenfirmen nicht bilanziert werden – während die ihnen bekannten Ratingberichte exakt festhalten, wie abhängig die Zweckgesellschaften von den Banken sind. So haftet beispielsweise der Freistaat Sachsen beim Conduit Ormand Quay in unbegrenzter Höhe.

Dabei hätten Finanzpolitiker und Aufsichtsbeamte bei einem Blick über die eigenen Grenzen lernen können, wie sinnvoll es ist, die Banken in guten Jahren zu höheren Beträgen für die Kreditrisikovorsorge zu verpflichten. Bei der Banco de España, der spanischen Bankenaufsicht, hätte die deutsche BaFin und Bundesbank lernen können, dass sie seit den Erlebnissen ihrer Bankenkrise im Jahr 1977 ihren Instituten strengere Eigenkapitalanforderungen auferlegte, als dies im Rest von Europa üblich war, so dass die spanischen Banken im Jahr 2006 im Schnitt fünfmal höhere Kreditrisikopolster hatten als andere europäische Geldinstitute. Im Ergebnis hatten die spanischen Banken 2007 viel mehr Eigenkapital angesammelt, nämlich 7,2 Prozent der Bilanzsumme, während die deutschen Banken nur 2,6 Prozent Eigenkapital als Risikopuffer zur Verfügung hatten.

Die Deutschen mit den dicken Dollar- und Eurobündeln sorgten im globalen Kasino für den Spott: "Stupid germans with stupid money". Und die deutschen Institute spekulierten bis zum bitteren Ende: "Als im Laufe des Jahres 2006 sich in der Finanzwelt allmählich herumsprach, dass die Banker-Party mit US-Subprime-Hypotheken sich dem Ende neigte, erfahrene Händler an der Wall Street reihenweise ausstiegen und die ersten Investmentmanager schon mit Finanzwetten auf den Niedergang der Immobilienfinanzierer spekulierten, da drehten die deutschen Banker erst richtig auf […]."

Und auch über die Ratingagenturen wird ein wenig schmeichelhaftes Sittengemälde gezeichnet. Sie waren aus Sicht des Autors die wichtigsten Gehilfen. Obwohl sie die gewaltigen Verbriefungsvolumen in den Zweckgesellschaften genau kannten, sprachen sie die haftenden Banken von diesen Risiken frei. So setzte beispielsweise Standard & Poor’s noch am 19. September 2007 – nach den ersten Ausfällen bei der Sachsen LB und der IKB – eine Entwarnungsmeldung erster Klasse ab: "Soweit es Standard & Poor’s von den Banken gemeldet wurde, liegt die direkte Belastung der gerateten Landesbanken mit Subprime-Immobilienkrediten auf ihren eigenen Bilanzen beträchtlich unter einem Prozent ihrer Gesamtvermögen." Die Ratingagenturen wiesen darauf hin, dass die deutschen Banken nur sehr begrenzt von ihren Verbriefungsgeschäften abhängig seien, obwohl sie sehr genau wussten, dass die Risiken in den Bilanzen nicht konsolidiert wurden.

Der zweite Themenblock befasst sich mit der Betrugsblase. In der Schattenwelt der Finanzgauner begegnen wir alten Bekannten. Neben der IKB werden die dubiosen Aktivitäten der HRE, der LBBW, der HSH Nordbank und von Bernard Madoff beleuchtet. Anfang Dezember 2008 offenbarte der amerikanische Hedgefonds-Manager Bernard Madoff seinen Söhnen, dass er die Investorengelder gar nicht angelegt hatte. Zuvor war er Vorsitzender der Technologiebörse NASDAQ. Seine Madoff-Fonds entpuppten sich als größter Anlagebetrug der Geschichte. Der Gesamtumfang des Schadens wurde zum Zeitpunkt des Prozesses gegen Madoff auf mindestens 65 Milliarden US-Dollar veranschlagt, die Zahl der Geschädigten auf 4.800. Weltweit sind insgesamt drei Millionen Menschen von dem Schwindel direkt oder indirekt betroffen.

Madoff wurde am 29. Juni 2009 zu 150 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Doch Madoff war nicht allein. Bereits zu Beginn der Finanzkrise, im September 2007, tauchte der selbsternannte deutsche Hedgefonds-Manager Florian Homm unter. Wegen der hohen Rendite des Hedgefonds genoss Homm große Medienaufmerksamkeit und wurde von der Investmentzeitung Alternative Investment News als "Hedge Fund Leader of The Year" bezeichnet. Im Sommer 2007 kam der oftmals in illiquide Werte investierende Fonds unter Druck. Florian Homm gab September 2007 über Nacht seinen Rücktritt als Chef von Absolute Capital Management bekannt. Seitdem ist er unerreichbar für seine Kunden und lebt an einem unbekannten Ort. Und im Herbst 2009 wurde der Aschaffenburger Hedgefonds-Manager Helmut Kiener von der Münchener Staatsanwalt verhaftet – wegen des Verdachts eines gewaltigen Anlagebetruges. Gegen ihn wird vorgebracht, insgesamt etwa 400 Millionen US-Dollar unterschlagen zu haben. Erst am16. November 2010 legte die Staatsanwaltschaft Würzburg durch die Oberstaatsanwaltschaft die Anklageschrift von 630 Seiten Umfang gegen Helmut Kiefer vor. Darin wird Kiefer beschuldigt, sich an 35 besonders schweren Fällen des gewerbsmäßigen Betrugs beteiligt zu haben. Außerdem wurde ihm Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Er soll bei den beiden Fondsgsellschaften K1 und X1 an die 5.000 Anleger durch Gewinnaussagen getäuscht haben, obwohl die Gesellschaften Verluste auswiesen.

Außerdem erfährt der Leser Einblicke in die Welt des Händlers Jérôme Kerviel, der seinen Arbeitgeber, die französische Großbank Société Générale, mit Spekulationsgeschäften um 4,82 Milliarden Euro erleichterte. Im Oktober 2010 wurde er von einem französischen Gericht in Paris zu fünf Jahren Haft, davon zwei ausgesetzt zur Bewährung, wegen Veruntreuung, Fälschung und betrügerischer Manipulation verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Kerviel die Spekulationen eigenmächtig durchführte und es so zu den Milliardenverlusten kam. Außerdem wurde er zu einer Rückzahlung von 4,9 Milliarden Euro an seinen ehemaligen Arbeitgeber Société Générale verurteilt.

Im Kapitel "Blinde Wissenschaft, dumme Kennzahlen" setzt sich Leo Müller mit dem Risikomanagement der Banken auseinander. So zeigt er auf, das die Kennzahl "Value at Risk" als universelles Maß für Markt- und Kreditrisiken in Banken im Einsatz ist. Im Gegensatz zu einer Vielzahl von Wissenschaftlern definiert der Journalist Müller den Value at Risk korrekt: Der Value at Risk gibt an, welchen Wert der Verlust einer bestimmten Position, zum Beispiel eines Aktienportfolios, mit einer gegebenen Wahrscheinlichkeit bei einer bestimmten Haltedauer nicht überschritten wird. Über die Höhe eines Verlustes jenseits der Grenze des definierten Konfidenzniveaus sagt die Kennzahl nichts aus. Der Value at Risk ist ein Fieberthermometer, dessen Skala bei 40 Grad aufhört, so Hans Geiger, emeritierter Professor an der Universität Zürich.

Müller weist darauf hin, dass in der Hörsälen der wirtschaftswissenschaftlichen Institute die Gefahr der kriminellen Störung ebenso wenig gelehrt wird wie von den modernen Risk Management-Systemen erfasst wird. Gelehrt wird in Modellen, wie die Wirtschaft funktioniert, wenn sie funktioniert – nicht wie sie zusammenbricht, wenn schwere Störungen im System auftreten. Müller kritisiert, dass in den Lehrbüchern die Erkenntnisse der Krisenforschung – etwas von Hyman Minsky und Charles Kindleberger – nicht vorkommen.
George Arthur Akerlof, Kritiker der neoklassischen Lehre von den effizienten Märkten und dem Menschenbild des rational gelenkten Homo oeconomicus, hatte häufig einen guten Riecher für fehlerhafte Märkte und ergänzt: "Wir müssen auch die dunkle Seite der Wirtschaft ergründen, um die Funktionsweise der Wirtschaft zu verstehen." Das klingt wie eine Binsenweisheit – ist aber für eine Mehrzahl der Mainstream-Ökonomen neu.

Der dritte und abschließende Teil des Buches beschäftigt sich mit Zauberbilanzen. Das Fazit des Autors: Es gab Staatsversagen, und es gab Marktversagen. Die Ursachen und Fehler müssen systematisch und umfassend untersucht werden, so wie in anderen Ländern, von unabhängigen Experten. Doch dies ist politisch in Deutschland nicht gewollt. Stattdessen wird an neuen Organigrammen zur behördlichen Reorganisation der Aufsichtsapparate laboriert. Es kommt aber nicht auf die Organisation, sondern den Geist der Aufsicht an.

Die Antwort auf diese tiefe Krise des deutschen Bankensystems ist klar und deutlich: Alles muss von Grund auf neu gestaltet werden – eine neue Finanzpolitik, eine neue Bankenaufsicht und vor allem neue Banken.

Der Investigations-Publizist Leo Müller liefert mit seinem Buch eine sehr praxisnahe und ebenso minutiöse wie schonungslose Analyse über das kriminelle Kartell, bei dem Finanzpolitiker und Bankenaufsicht Schmiere standen. Der Leser wird mitgenommen auf eine spannende und mitunter atemberaubende Reise durch die dunklen Seitengänge einer unbekannten Welt der Finanzgauner. Bank-Räuber ist spannender als mancher Wirtschafts-Thriller.

Rezension von Frank Romeike


Details zur Publikation

Autor: Leo Müller
Seitenanzahl: 384
Verlag: Econ Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsdatum: 2010

RiskNET Rating:

sehr gut Gesamtbewertung

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