Rezension

Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

Antifragilität

Nassim Nicholas Taleb, 672 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, München 2013.20.07.2013, 06:26

In dem Vorgängerwerk zu diesem Buch, "Der schwarze Schwan", hat der Autor Nassim Nicholas Taleb versucht aufzuzeigen, dass es Ereignisse gibt, die nicht vorhergesehen werden können, gleichwohl aber weitreichende Auswirkungen haben. Er beschrieb in jenem Buch auch die Ansicht, dass die Menschen die Tendenz dazu haben, mathematischen Berechnungen von Risiken zu sehr zu vertrauen und nach dem Auftreten eines solchen nicht erwarteten Ereignisses, sich selbst ex post eine Begründung zu überlegen, warum sich dieses Ereignis doch in gewisser Weise abgezeichnet hat. Die Weltsicht von Nassim Nicholas Taleb ist es jedoch, dass es unmöglich ist, die Vorgänge in der Welt in ihrer gesamten Komplexität zu erfassen. An dieser Stelle setzt auch das neue Buch von ihm, "Antifragilität", an.

Der Grundgedanke hinter diesem Neologismus ist, dass das Antonym von "fragil" eben nicht das von vielen Wörterbüchern angegebene "robust" ist. Denn genauso wie das Gegenteil von "positiv" nicht "neutral", sondern "negativ" ist, muss es ein Wort geben, dass die konträren Eigenschaften von Fragilität umfasst: Anti-Fragilität. Konkret bedeutet dies, dass es Dinge gibt, die durch Chaos oder schwierige Umstände nicht zerbrechen (fragil) oder unbeschadet bestehen bleiben (robust), sondern sogar noch stärker werden (anti-fragil). Die These von Nassim Nicholas Taleb ist es demnach, dass die Menschen in einer chaotischen Welt, die sie in ihrer Gänze nicht verstehen, antifragile Dinge suchen sollten, da diese langfristig bestehen bleiben.

Zur Illustration dieses Konzeptes führt Taleb verschiedenste Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen an. So lässt sich die Triade fragil – robust – antifragil an drei Berufskategorien veranschaulichen. Als fragil können zum Beispiel akademische oder religiöse Berufe betrachtet werden. Wenn man als Bischof oder Professor einem Skandal ausgesetzt ist und man sich demnach im Chaos oder schwierigen Umständen befindet, ist es sehr schwer, seine ursprüngliche Reputation zu behalten, wahrscheinlich fehlt ab einem gewissen Ausmaß des Skandals das moralische Fundament, um seinen Beruf weiterhin adäquat auszuüben. Auf der anderen Seite sind künstlerische oder schriftstellerische Berufe antifragil. In der Vergangenheit hat sich oft gezeigt, dass wenn ein Buch oder Kunstwerk skandal-umwittert ist, dies der Popularität des Künstlers sogar zuträglich ist, die entsprechenden Personen werden durch das Chaos also sogar stärker. Ein Beispiel für robuste Berufe wären dann etwa Tätigkeiten als Postbote oder Lastwagenfahrer, da diese relativ unbeeinflusst von Chaos blieben. Ein weiteres Beispiel für Antifragilität wäre das Schweizer Bankensystem. Befindet sich die Weltwirtschaft im Chaos ist häufig zu beobachten, dass viele Anleger ihr Geld in der Schweiz anlegen. Deren Banken gewinnen demnach durch das Chaos.

Das vorliegende Buch besteht aus verschiedenen Anwendungen dieser zentralen Idee von Antifragilität, die entweder in unterschiedlicher Intensität entfaltet oder auf jeweils andere Bereiche angewendet wird: Evolution, Politik, Betriebswirtschaft, Morallehre, Erkenntnistheorie oder Philosophie. Dieses Buch ist insbesondere deshalb so innovativ, da es – wie der Autor – überprüft hat, in keiner Sprache bisher einen Begriff für das Konzept der Antifragilität gegeben hat, auch wenn das Prinzip einfach nachvollziehbar ist. Der charakteristische Schreibstil von Taleb, wissenschaftliche Ausführungen durch persönliche Anekdoten zu bereichern, erhöht dabei noch den Lesefluss.

Autor: Jochen Wicher, M.Sc. (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster)


Details zur Publikation

Autor: Nassim Nicholas Taleb
Seitenanzahl: 672
Verlag: Albrecht Knaus Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2013

RiskNET Rating:

sehr gut Gesamtbewertung

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