Kolumne

Wie kann Risikomanagement einen Mehrwert schaffen?

Risiko-Weltkarte hat sich verändert

Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]29.07.2014, 08:15

Ob aus der Ukraine, aus Syrien, aus Israel, aus Libyen oder Ägypten, dem Irak, ob aus Mali, Afghanistan oder dem Südsudan – die täglichen Bilder von Waffen und Gewalt sind allgegenwärtig. Mehr als 400 weltweite Konflikte haben die Wissenschaftler des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) im vergangenen Jahr weltweit gezählt. Hiervon gelten 45 als "hochgewaltsame Konflikte", von denen die Forscher wiederum 20 als "Kriege" einstuften. Weltweit gibt es so viele Konflikte wie seit dem Zweitem Weltkrieg nicht mehr. Bei der Analyse eines politischen Konflikts unterscheiden die HIIK-Wissenschaftler zwischen fünf Intensitätsstufen: Disput, gewaltlose Krise, gewaltsame Krise, begrenzter Krieg und Krieg. Diese Konfliktstufen unterscheiden sich nach dem Grad der physischen Gewalt. Kriterien zur Bestimmung des Gewaltgrades sind die eingesetzten Mittel wie Waffen- und Personaleinsatz und ihre Folgen wie Todesopfer, Zerstörung und Zahl der Flüchtlinge.

Und in Europa leben wir scheinbar auf einer Insel der Glückseligen – ohne bewaffnete Konflikt oder gewaltsame Auseinandersetzungen. Doch bei einem Blick Richtung Süden und Osten können wir eine Reihe blutiger Krisenherde beobachten. Und durch die globale Verflechtung der deutschen Wirtschaft  haben viele Konflikte direkte Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. So haben allein in Russland in den vergangenen Jahren rund 6.300 Unternehmen mehr als 23 Milliarden Euro investiert. Nicht zu vergessen die deutschen Rüstungsfirmen, die mit ihren Waffenexporten (auch in Krisengebiete – von Israel bis Saudi-Arabien) einerseits Milliarden verdienen und andererseits Konflikte weiter befeuern. Nach Medienberichten erteilte die Regierung im vergangenen Jahr Einzelausfuhrgenehmigungen im Wert von insgesamt 5,8 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 24 Prozent. Und was verboten ist wird nicht selten durch das Umgehen von Waffenexportvorschriften durch illegale Lieferungen vollzogen.

Eine Welt voller Kriege 

Mit insgesamt 17 Kriegen waren der Vordere und Mittlere Orient und das Sub-Saharische Afrika die großen Kriegsschauplätze des Jahres 2013. Während die Kriege um nationale Macht in Afghanistan, Irak, Syrien und dem Jemen unvermindert andauern, erreichten die Auseinandersetzungen zwischen der neuen ägyptischen Regierung und den Muslimbrüdern kriegerische Ausmaße. Neben dem Oppositionskonflikt in Syrien zeigte sich im Laufe des Jahres zunehmend eine Spaltung der Regimegegner. Und auch der Westen muss einmal mehr erkennen, dass es "die Opposition" nicht gibt. Vielmehr hat man nicht verstanden, dass diverse Kräfte – von Demokratiefreunden nach westlichem "Exportmuster" über kriminelle Banden bis zu islamistischen Kräften – am Werke sind. Aus dem Irak-Konflikt nichts gelernt und eine destabilisierende Situation in Syrien weiter forciert, zeigen die westlichen Staaten und ihre politischen Vertreter einen erneuten  Schlingerkurs par excellence. Gerade am Fall Irak zeigt sich durch das Vordringen von ISIS-Kämpfern, was einem Staat droht, der durch Intervention und daraus folgendem jahrelangem Bürgerkrieg zerrüttet ist. Ein Vakuum, das radikale Kräfte im Handumdrehen füllen. Gerade weil zuvorderst der Westen es nicht schafft, stabile Verhältnisse aufzubauen. Afghanistan, Jemen & Co. lassen grüßen.

Im Norden des Landes eskalierten die Kämpfe um die Vorherrschaft in den Kurdengebieten zu einem Krieg. Durch Millionen Flüchtlinge, transnationale Gewaltakteure und Grenzzwischenfälle destabilisierte der syrische Bürgerkrieg erneut die gesamte Region. Mit insgesamt elf Kriegen fanden über die Hälfte aller Kriege weltweit im Afrika südlich der Sahara statt. Dies war die höchste Anzahl an Kriegen in der Region seit Beginn der Beobachtung. Die Rechnung präsentieren uns immer mehr Flüchtlinge, die versuchen nach Europa zu gelangen. Und was macht Europa? Sich abschotten, Grenzzäune höher ziehen und Menschen in Not ausweisen. Hier bleibt nur zu sagen: Die Geister, die ich rief …

Russland steht auf tönernen Füßen

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, hat in einem Gastbeitrag im Handelsblatt unter dem Titel "Auf tönernen Füßen" die neuen ökonomischen Risiken aufgrund der Misere in Russland beschrieben. Russlands Volkswirtschaft stehe auf tönernen Füßen, die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Basis jenseits von Erdöl und Erdgas ist seit der Jahrtausendwende nicht vorangekommen, so Michael Hüther. Außerdem hat die Krise zu massiven Kapitalabflüssen geführt. Im ersten Quartal 2014 haben private Investoren 51 Milliarden US-Dollar aus Russland abgezogen. Die ausländischen Direktinvestitionen lagen lediglich bei 9,8 Milliarden Dollar nach 36,6 Milliarden im Jahr zuvor. 

Die europäischen Außenminister sehen bisher von weiteren Sanktionen ab, weil die Rückwirkungen auf Europa nicht zu vernachlässigen seien, ergänzt Hüther. "Dabei steht weniger die Gefährdung des Exports im Fokus als vielmehr der Rückschlag auf das ohnehin noch schwächelnde Bankensystem, das bei russischen Unternehmen 190 Milliarden Euro Kredite ausstehen hat."

Hüther ergänzt: "Deshalb ist es bei der Frage nach den möglichen Folgen deutlich verschärfter Sanktionen sinnvoll, den Blick nicht nur auf die ökonomischen Verflechtungen mit Russland zu richten, sondern ebenso auf die strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009." In diesem Kontext ist auffällig, dass trotz des guten Geschäftsklimas und des fortgeschrittenen Konjunkturzyklus das Investitionsgeschehen eher schwach ist. Dieser Befund gilt auch für die globale Investitionsquote, die mit gut 21 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 1970 verharrt.

Sicherlich haben die Krisen seit 2000 die Risiko-Aversion erhöht, so Hüther. Zugleich fehlt erkennbar die Fantasie für neue Wachstumsimpulse, vor allem aber: "Die Struktur der geopolitischen Risiken gerät in ein neues Licht, die Selbstverständlichkeiten der vergangenen zwei Dekaden beim Blick auf die dynamischen Antriebe der Weltwirtschaft schwinden – erst schleichend und wegen der regionalen Differenzierung fast unbemerkt. Doch: Die Schwellenländer verlangen eine Neubewertung."

Sorge um Krisenherde dämpft ifo-Geschäftklima kräftig

Erst vor wenigen Tagen konnten wir erkennen, dass die Furcht vor harschen Russland-Sanktionen und der kriegerische Konflikt in Israel die Stimmung in den deutschen Unternehmen stärker als erwartet belastet. Der ifo-Geschäftsklimaindex gab im Juli das dritte Mal in Folge nach und sank auf 108,0 von 109,7 Punkten. "Die geopolitischen Spannungen belasten die deutsche Wirtschaft", erklärte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Das hat zur Folge, dass das verarbeitende Gewerbe seine Exportchancen so schlecht bewertet wie seit über einem Jahr nicht mehr.

Der ifo-Index gilt als wichtigstes Konjunkturbarometer für die deutsche Wirtschaft. Befragt werden rund 7.000 Unternehmen nach ihrer aktuellen Lage und dem Ausblick für das kommende halbe Jahr. Im Juli waren die Firmen in beiden Fällen weniger optimistischer.

Die Lagebeurteilung fiel auf 112,9 von zuvor 114,8 Zählern, während die Geschäftserwartungen auf 103,8 von 104,8 Punkten einbüßten. Die Ergebnisse waren damit deutlich schwächer als die Prognosen der Analysten, die nur einen Rückgang auf 114,5 beziehungsweise 104,5 erwartet hatten.

Nach der Krise ist vor der Krise

Seit der durch die Finanzkrise ausgelösten Rezession haben in den vergangenen Jahren alle großen Notenbanken der westlichen Welt die Leitzinsen in die Nähe von Null gesenkt. So gilt auch für die Europäische Zentralbank (EZB) 0 Prozent als die faktische Orientierungsmarke. 

Da die erhofften geldpolitischen Impulse, beispielsweise Vertrauenseffekte zur Stabilisierung der Konjunkturerwartungen und der Finanzmärkte sowie eine erleichterte Aufnahme von Investitions- und Konsumentenkrediten, in der Zwischenzeit keinen oder nur einen äußerste begrenzten Effekt haben, stellt sich die Frage nach einer Rückkehr zur Normalität. Diese Rückkehr wird plötzlich selbst zum Risiko. Und die Nebenwirkungen werden immer deutlicher erkennbar: Das billige Geld führt zu einer Fehlallokationen in der realen Wirtschaft, da unrentable Projekte oder risikoreiche Investments kurzfristig als lukrativ erscheinen. Das Ergebnis dieser Suche nach renditeträchtigen Anlagen führt nicht selten zu Blasenbildungen, etwa bei Immobilien, Aktien oder Rohstoffen. Für die Bürger führt die Geldschwemme in der Regel zu einer "finanziellen Repression", da bei einem länger anhaltenden negativen Realzins die Vermögenssubstanz ausgehöhlt wird. Außerdem führt eine länger anhaltende Niedrigzinspolitik zu einer Zunahme globaler Ungleichgewichte. Die Logik ist einfach: Zunächst fließt das Kapital in Schwellenländer, da dort höhere Renditen erzielt werden können. Bei externen Schocks werden die Kapitalströme panikartig umgelenkt, was nicht selten zu plötzlich sinkenden Wechselkursen führt.

"Die Waffen der Geldpolitik verlieren derzeit an Wirkung", warnte Nikolaus von Bomhard, Vorsitzender des Vorstands des Rückversicherers Munich Re. Die Liquidität in den Märkten sei "atemberaubend". Die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen seien "ungesund" niedrig, ergänzt von Bomhard. "Hier passiert im Augenblick etwas, was uns mit Sorge erfüllen muss." Das System sei "nicht   grenzenlos elastisch." Das berge die Gefahr einer nächsten Finanzkrise, so der Risikomanagement-Profi von Bomhard.

Wie kann Risikomanagement einen Mehrwert schaffen?

Alles in allem: Die Risiko-Weltkarte hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Die Zeiten für Risikomanager sind alles andere als langweilig geworden. So wird sich zukünftig zeigen, ob Risikomanagement lediglich als "potemkinsches Dorf" oder Alibifunktion im Unternehmen umgesetzt wurde oder tatsächlich einen ökonomischen Mehrwert für das Unternehmen schafft. Risikomanager müssen dabei vor allem auch die Komplexität der Abhängigkeiten der einzelnen Risiken auf dem Radar haben. So werden Unternehmen zukünftig immer häufiger mit dem "Robust, but fragile"-Phänomen zu kämpfen haben. Durch eine dichte Vernetzung wird die Robustheit eines Systems zunächst stark erhöht. Hier seien beispielsweise das Stromnetz, Zahlungssysteme und Interbanken-Geldmärkte genannt. So kann etwa das Stromnetz über lange Zeiträume Spannungsschwankungen, Ausfälle und Störungen einzelner Kraftwerke kompensieren, da eine Vielzahl anderer Kraftwerke angebunden ist. Kommen aber verschiedene Faktoren zusammen, erreicht eine Überspannung ein kritisches Maß oder fällt ein wichtiger Knoten aus, so bricht das gesamte System zusammen.

Fazit: Das Risikomanagement muss sich auf das konzentrieren, was für das Unternehmen wirklich zu Krisen führen kann. Insgesamt muss es im Risikomanagement vor allem darum gehen, mehr Zeit und Ressourcen auf das ernsthafte Nachdenken über die wesentlichen kritischen Zukunftsszenarien und Risiken zu lenken. Dies erfordert ein breites Verständnis, interdisziplinäre Zusammenarbeit und auch den Einsatz neuer szenariobasierter Methoden und Werkzeuge.

Die Konflikte auf der Welt [Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)]

Die Konflikte auf der Welt (2013), Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)

Die Entwicklung globaler Konflikte von 1945 bis heute, Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)

Die Entwicklung globaler Konflikte von 1945 bis heute, Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)

 

 

[ Bildquelle: © Frederic Bos - Fotolia.com ]


Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion/29.07.2014 19:31
+++ Wirtschaft leidet bereits unter geplanten Russland-Sanktionen +++

Der Westen hat lange mit Wirtschaftssanktionen gegen Russland gezögert, wohl auch, weil diese die eigenen Volkswirtschaften belasten werden. Doch nun machen die Staaten der Europäischen Union (EU) und die USA Ernst. Seit Montag beraten die Ständigen Vertreter der EU-Staaten in Brüssel darüber, wie genau Russland getroffen werden soll. Wie aus Diplomatenkreisen am späten Nachmittag verlautete, sind neben der Ölindustrie, der Finanzsektor wie auch die Rüstungsindustrie Russlands betroffen. Aus der deutschen Wirtschaft aber heißt es, sie leide schon längst unter den geplanten Sanktionen.

Die Bundesregierung hat sich am Montag festgelegt und ein "starkes Signal" von Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland gefordert. Berlin will ein "substanzielles, sektorspezifisches Paket" von Maßnahmen. Um abschließend über diese zu befinden, treffen sich die Ständigen Vertreter der EU-Staaten am Dienstag in Brüssel. Ziel sind offenbar vier Bereiche: eine Beschränkung des russischen Zugangs zu den europäischen Kapitalmärkten sowie Verbote für Exporte von militärisch nutzbaren Gütern, Energietechnologie und Waffen in das Land.

Die Wirtschaft zeigt sich inzwischen gespalten, was die Sanktionen angeht. Während vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft betont wird, es sei Primat der Politik, solche Sanktionen zu verhängen, spricht sich der Mittelstandsverband BVMW inzwischen ausdrücklich dagegen aus.

Rückgang der Exporte nach Russland absehbar

Doch auch der DIHK beklagt eine starke Belastung der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Die Kammerorganisation hat deshalb bereits jetzt ihre Prognose für die deutschen Exporte nach Russland deutlich gesenkt. Erwartet wird nun für dieses Jahr ein Rückgang der Ausfuhren um 17 Prozent. "Wir sehen in den ersten Monaten 2014 von Monat zu Monat einen stärkeren Einbruch der Exporte", sagte DIHK-Außenwirtschaftsexperte Heiko Schwiderowski dem Wall Street Journal Deutschland. "Wir haben die Sorge, dass der Export mit den Sanktionen noch ein bisschen stärker einbricht."

Der DIHK betont, dass die geplanten Wirtschaftssanktionen schon jetzt der deutschen Wirtschaft schaden. "Im Grunde wirken sie schon, denn jeder hat sie erwartet", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben in der ARD. "Es sind viele Investitionen auf Eis gelegt - man weiß nicht, wie die Finanzierung zu stemmen ist." Viele russische Kunden verzichteten inzwischen auf Bestellungen. "Die Instabilität ist schon längst da", konstatierte Wansleben.

Russische Kunden könnten sich andere Lieferanten suchen

Schwiderowski warnte davor, das sich die russischen Kunden künftig neu in Richtung möglicher asiatischer Lieferanten orientieren könnten, weil sie um die Zuverlässigkeit der deutschen Partner fürchteten. Diese Sorge sei unter den in Russland aktiven deutschen Unternehmen verbreitet. Besonders im Maschinenbau und bei Infrastrukturprojekten drohten die über zwei Jahrzehnte aufgebauten Beziehungen angegriffen zu werden.

Wansleben erklärte, zwar könne die Volkswirtschaft in Deutschland insgesamt die Auswirkungen eine Weile wegstecken, aber einzelne Branchen und Unternehmen seien stark betroffen. "Es gibt Unternehmen, die jetzt richtig leiden." Dies habe auch Konsequenzen für die Arbeitsplätze. Wansleben forderte die Unternehmen aber dazu auf, "alle Kontakte aufrechterhalten, die sie zu Russland haben", um am Ende wieder zu einer friedlichen Konstellation zu kommen. Die Regierung von Präsident Wladimir Putin rief Wansleben dazu auf, dass sie "jetzt eine klare Linie in Richtung Versöhnung fährt."

Folgen den Sanktionen Gegensanktionen?

Wirtschaftsforscher zeigten sich allerdings skeptisch, ob dies als Folge der geplanten Sanktionen zu erwarten sei. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hielt vielmehr auch russische Gegensanktionen für möglich. "Die große Frage ist, kommt es zu einer Eskalation, wird Russland diese Sanktionen erwidern?", sagte er ebenfalls in der ARD. "Dann könnten die Kosten für Deutschland wirklich deutlich höher sein." Zwar machten solche Maßnahmen aus wirtschaftlicher Sicht für Russland keinen Sinn, politisch sei das aber möglicherweise anders. "Es kann sehr gut sein, dass es zu Erwiderungen kommt."

Insgesamt sieht der Ökonom aus den Sanktionen "hohe Risiken für die deutsche Wirtschaft", wie stark die Folgen für Arbeitsplätze seien, sei derzeit nicht seriös zu prognostizieren. Fratzscher erwartet, dass die nun diskutierten Sanktionen in jedem Fall einen großen Effekt auf Russland haben werden. Vor allem gelte dies für Einschränkungen im Finanzbereich. "Letztlich bedeutet es eine starke Abschwächung der russischen Wirtschaft, und damit werden die Sanktionen Russland hart treffen - aber auch uns in Deutschland."

Sorgen vor Kapitalflucht aus Russland und den möglichen Folgen

Wegen seiner sehr offenen Volkswirtschaft und den starken Finanzverflechtungen mit Russland werde Deutschland besonders stark von den Sanktionen betroffen sein, zeigte sich der DIW-Chef überzeugt. Verstärke sich die bereits jetzt festzustellende Kapitalflucht aus Russland, könne das Land in einiger Zeit auch vor der Zahlungsunfähigkeit stehen. Die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden weltweiten systemischen Crashs sieht der Volkswirt aber nicht.

Aus Sicht des CDU-Wirtschaftsexperten Michael Fuchs werden die Sanktionen die deutsche Wirtschaft "ganz bestimmt nicht erfreuen und auch mit ziemlicher Sicherheit in dem einen oder anderen Fall ganz schwierige Situationen herbeiführen", er ging jedoch von einer Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft aus.

Den konkreten Beschluss über die geplanten Sanktionen können theoretisch die EU-Diplomaten allein treffen, da die Staats- und Regierungschefs und die Außenminister bereits bei ihren jüngsten Treffen entsprechende Abstimmungen vorgenommen haben. Möglicherweise kommt es aber noch zu einem Sondergipfel.

Deutschland sollte weniger russisches Gas importieren

Unions-Fraktionsvize Fuchs hat auch einen Verzicht auf russisches Gas durch Deutschland gefordert. "Auf der anderen Seite müssen wir überlegen, was trifft die Russen wirklich", sagte er im Deutschlandfunk. "Meiner Meinung nach wäre die stärkste Sanktion, die wir haben könnten, weniger Gasbezug." Etwa durch Flüssiggasimporte bestünden andere Möglichkeiten, Gas nach Deutschland zu bekommen. "Wenn wir weniger Gas beziehen würden, würde das auch weniger Devisen für Russland bedeuten - ich glaube, das wirkt schneller als alles andere."

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