Kolumne

Aktien immun gegenüber der Geopolitik?

Geopolitische Risiken

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.02.10.2014, 19:04

Was mich schon lange umtreibt: Überall in der Welt wird geschossen und es gibt Konflikte, die kaum unterhalb der Schwelle eines Krieges sind. Da müsste man doch annehmen, dass sich die Anleger an den Kapitalmärkten mit Investments zurückhalten. Die Aktienkurse müssten fallen. Was aber passiert, ist genau das Gegenteil. Die Hausse an den Börsen hat sich zwar verlangsamt, die Kurse brechen aber nicht ein. Irgendetwas passt da nicht zusammen.

Zunächst zu den Fakten. Die Angst der Anleger vor geopolitischen Risiken ist nicht ganz leicht zu messen. Es liegt nahe, dazu die Entwicklung der Aktienkurse heranzuziehen. Das führt jedoch leicht zu Fehleinschätzungen, weil die Kurse von vielen, ganz unterschiedlichen  Faktoren beeinflusst werden. Ein besserer Indikator sind die Schwankungen der Aktienkurse, also die Volatilität. Wenn sie gering ist, sind die Anleger ruhig und entspannt. Wenn sie hoch ist, zeigt das, dass sie nervös sind und Angst haben. Volatilitätsindizes werden daher oft auch als Angstbarometer bezeichnet.

Der bekannteste solche Index ist der VIX. Er misst die Volatilität der Kurse beim amerikanischen S&P-Index. In der Grafik habe ich seine Entwicklung in den letzten 25 Jahren dargestellt. Das Bild spiegelt die Krisen in dieser Zeit wider. Es begann 1990 mit den Unruhen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Das war relativ harmlos. Zehn Jahre später dann die Asienkrise, die Zahlungsunfähigkeit Russlands, die Attentate vom 11. September in New York und der dritte Golfkrieg. Der VIX ging steil nach oben. Im Jahr 2008 kam die große Finanzkrise und anschließend die Eurokrise. Der Index schlug noch stärker aus.

Die gemessene Angst: Volatility S&P 500 (VIX) [Quelle: Bloomberg]

Die gemessene Angst: Volatility S&P 500 (VIX) [Quelle: Bloomberg]

Gemessen daran könnte man den Eindruck haben, als lebten wir heute in der besten aller Welten. Der Index ist so niedrig wie in den schönsten Friedenszeiten. Er ist zwar in den letzten vier Wochen etwas gestiegen, liegt  aber noch weit unter den früheren Krisenniveaus.

Das kann nicht richtig sein. Fast könnte man meinen, die Börsen hätten die Krise verschlafen. Manche erklären das damit, dass die Aktienkurse eben nicht von der Politik beeinflusst werden. "Politische Börsen haben kurze Beine", sagt man. Das trifft auf die aktuelle Situation aber nicht zu. Die gegenwärtigen Krisen sind keineswegs nur politisch. Sie haben erhebliche wirtschaftliche Wirkungen. Russland ist tief in die Rezession gerutscht und fällt als Partner im Welthandel weitgehend aus. Es gibt Sanktion zwischen West und Ost, die vielen Unternehmen weh tun. Der Handel mit dem Nahen Osten ist gestört.

Insgesamt ist das eine Rückbildung der Globalisierung, die der Welt in der Vergangenheit so viel Wachstum gebracht hat. Das verringert die Gewinne der Unternehmen. Es muss sich folglich auf die Aktienkurse auswirken.

Dass das bisher nicht so sichtbar ist wie in früheren Krisen, liegt einmal daran, dass die Entwicklung kein "Big Bang" ist wie etwa ein drastischer Anstieg der Ölpreise. Sie vollzieht sich vielmehr schleichend. Man merkt sie erst nach einer gewissen Zeit. Das dicke Ende kommt also noch.  

Zudem zeigt sich hier der Einfluss der hohen Liquidität und der niedrigen Zinsen. Die Anleger kaufen nicht Aktien, weil sie so zuversichtlich in die Zukunft schauen. Sie tun es, weil es so viel Geld gibt, das investiert wer-den muss. Wie in so vielen anderen Fällen verschleiert der überreichliche monetäre Mantel das tatsächliche Ausmaß der Probleme. Sie wiegt uns in trügerischer Sicherheit.

Eine Rolle spielt ferner die fundamental geänderte Situation am Ölmarkt. Trotz der Auseinandersetzungen im Nahen Osten und der Bombardierung von Ölquellen steigen die Preise nicht. Sie sinken, weil es genügend Öl in der Welt gibt. Das erhöht die Gewinne der Unternehmen und stärkt die Kaufkraft der Verbraucher. Es ist ein Gegengewicht zu den geopolitischen Spannungen.
Schließlich: Die jetzigen Krisen sind zwar schlimm. Sie signalisieren ein Ende der "Friedensdividende" nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sie stellen sich aber – bisher jedenfalls – nicht so dramatisch dar wie etwa die Eurokrise, als der Verlust einer ganzen Währung drohte.   

Manche fragen, warum der Goldpreis, das klassische Krisenbarometer, so wenig auf die Risiken reagiert. In den letzten Monaten ist er nicht gestiegen, sondern gefallen. Ein Grund ist, dass die Krisen doch noch nicht so nahe an den Menschen in Mitteleuropa sind wie viele denken. Wichtiger noch: Es wird immer wieder übersehen, dass der Goldpreis nicht nur von Privatkunden beeinflusst wird. Hier spielen vielmehr auch Regierungen und Zentralbanken eine wichtige Rolle. Wer kann beispielsweise ausschließen, dass die Kriege auch mit Goldverkäufen finanziert werden?

Autor: 

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

 

 

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