Studie

Wasserrisiko in Zeiten der Globalisierung

Das unterschätzte Risiko

Redaktion RiskNET29.08.2014, 06:30

Im Vergleich mit anderen Ländern ist Wasser in Deutschland in ausreichender Menge verfügbar und gut verwaltet. Doch als drittgrößte Importnation stützt sich Deutschland auf Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland. Dabei werden neben Produkten auch Wasserrisiken importiert, da viele dieser Waren aus Ländern mit Wasserknappheit, schlechter Wasserqualität, unzureichender Gesetzgebung und empfindlichen Ökosystemen stammen.

Wasser wird jedoch immer knapper. Tatsächlich wurde die Wasserkrise vom Weltwirtschaftsforum (WEF) als eines der fünf weltweit größten Risiken eingestuft. Immer häufiger kämpfen Unternehmen und Wirtschaftszweige gegen extreme mit Wasser verbundene Ereignisse. Dem Globalen Wasserbericht des Carbon Disclosure Project (CDP) von 2012 zufolge sind 90 Prozent der deutschen Unternehmen, die zu den 500 umsatzstärksten der Welt zählen, in ihrer Geschäftstätigkeit oder in ihrer Wertschöpfungskette Wasserrisiken ausgesetzt.

Gemüse aus Spanien, Baumwolle und Kleidung aus Indien, Metalle aus Südafrika, Rosen aus Kenia, Phosphor aus China: Deutschland hat bei vielen Waren ein besorgniserregendes "importiertes Wasserrisiko", so die Autoren einer aktuellen Studie der Naturschutzorganisation WWF. "Von Reputationsschäden bis hin zu Standortschließungen, versteckte Wasserrisiken können im Extremfall Milliardenausfälle für deutsche Unternehmen nach sich ziehen", erklärt Philipp Wagnitz, einer der Autoren der Studie. Wasser ist hierzulande zwar ausreichend vorhanden, doch da Deutschland als weltweit drittgrößte Importnation auf ausländische Waren angewiesen ist, müssten Unternehmen und Politik lokal angepasste Strategien für die globale Wasserkrise entwickeln.

Wasserrisiken können in drei Kategorien unterteilt werden: physische Risiken, regulative Risiken und reputative Risiken. Sie treten im direkten Geschäft eines Unternehmens (unternehmensbezogen) und innerhalb der Produktionsstätte (flussgebietsbezogen) auf.

Im Rahmen der Studie wurden basierend auf einer Kombination ihrer Abhängigkeit von Wasser und ihrem Wasserrisiko vier Wirtschaftssektoren mit direktem Wasserrisiko (Landwirtschaft, Chemie-, Textil- und Bekleidungsindustrie sowie Rohstoffindustrie) und zwei Sektoren mit indirekten Wasserrisiken (Finanzdienstleistungen und Einzelhandel) ausgewählt und analysiert.

Darüber hinaus wurden Länder mit hohem Wasserrisiko identifiziert, die für den Warenimport mindestens eines Wirtschaftssektors von großer Bedeutung sind:

  • Textil- und Bekleidungsindustrie (China, Bangladesch und Indien),
  • Rohstoffe und Metalle (Russland, Libyen, Südafrika),
  • Landwirtschaft (Äthiopien, Indonesien, Argentinien),
  • Chemikalien (China, Indien, Marokko).

Beispielsweise bezog die deutsche Wirtschaft aus dem wasserintensiven, südafrikanischen Bergbausektor im Jahr 2012 rund 5,5 Mio. Tonnen im Wert von knapp 2 Milliarden Euro, darunter  Steinkohle, Metalle und Erze. Durch den Import von Baumwolle und Textilien hinterlässt Deutschland in Pakistan jährlich einen Wasser-Fußabdruck in Höhe von 5,46 Kubikkilometer. Das entspricht beinahe dem doppelten Volumen des Starnberger Sees. Und "Europas Gemüsegarten" in Spanien droht sich durch teils illegale Bewässerung selbst auszutrocknen, wobei Deutschland von dort im Jahr 2013 allein 180.000 Tonnen Tomaten im Wert von rund 250 Mio. Euro bezog.

Viele Wirtschaftssektoren von Wasserrisiken betroffen

"Wasser wird lokal immer knapper und dieses Problem betrifft nicht mehr nur Entwicklungsländer und Wüstenregionen. Für die Wasserkrise verantwortlich und zugleich von ihr betroffen sind wichtige deutsche Wirtschaftssektoren, vom Lebensmittelhandel, über die Automobilindustrie bis zur Modebranche", so die WWF-Autoren. Eine wachsende Bevölkerung, steigender Konsum und der Klimawandel werden, so die Prognose, die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser weiter verschlechtern - und damit auch Auswirkungen auf von Deutschland benötigten Waren und Ressourcen haben.

Viele Unternehmen wissen noch nicht einmal, dass sie versteckten Wasserrisiken ausgesetzt sind. In diesem Kontext hat der WWF ein Instrument zur Analyse der Wasserrisiken entwickelt entwickelt. Der Wasserrisikofilter ist das weltweit erste Instrument, um wasserbezogene Risiken für alle Branchen in allen Ländern flächendeckend zu ermitteln. Es hilft Unternehmen, relevante Aspekte am Produktionsort darzustellen, um negative Folgen für das Unternehmen, umliegende Gemeinden und andere Wassernutzer einzuschätzen. Auf dieser Basis können Maßnahmen zur Verminderung des Wasserrisikos entwickelt sowie die Einführung nachhaltiger Wassermanagement-Praktiken unterstützt werden. Weitere Informationen unter: waterriskfilter.panda.org

Wasser ist kein Problem der Zukunft, sondern ein Kernthema der Gegenwart

Eine wesentliche Ursache sei neben der Verschmutzung nicht nur die Verfügbarkeit und Nutzung von Wasser, sondern auch die unzureichende Verwaltung und Verteilung der Ressourcen. Dementsprechend seien besonders Regierungen und Unternehmen in der Pflicht, Wassermanagementstrategien etwa für betroffene Flussgebiete zu entwickeln und die Ressource gerecht aufzuteilen. Nur so könnten Konflikte um Wasser in Zukunft gemindert werden.

Wasser ist nicht nur eine ökologische oder soziale Frage, sondern auch eine ökonomische. Simple Lösungen gibt es daher in diesem komplexen Gefüge leider meistens nicht, so die Autoren weiter. Vielmehr müsse jede Region, jeder Fall gesondert analysiert werden. Danach gelte es, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Nur so könnten auch die betroffenen Unternehmen ihre ökonomischen und nicht zuletzt reputativen Risiken minimieren.

Wasser ist damit kein Problem der Zukunft, sondern für Unternehmen ein Kernthema der Gegenwart. In Zukunft werden die akuten Wasserrisiken in vielen Gebieten der Welt zunehmen. Eine wachsende Bevölkerung, ein sich veränderndes Konsumverhalten und der Klimawandel werden sich direkt auf die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser auswirken und damit weiteren Druck auf die Politik, Unternehmen und Gesellschaft aufbauen.

Beispiele für Länder und Warenströme mit hohem Wasserrisiko, die durch Importe nach Deutschland von großer Bedeutung sind [Quelle: WWF]

Beispiele für Länder und Warenströme mit hohem Wasserrisiko, die durch Importe nach Deutschland von großer Bedeutung sind

Reduktion von Wasserrisiken

Zur Reduktion von Wasserrisiken hat der WWF das Water Stewardship-Konzept entwickelt. Mit einem schrittweisen Ansatz ist es Unternehmen dabei möglich, ein Wasserbewusstsein zu entwickeln, Wasserrisiken zu analysieren und darauf mit internen und externen Maßnahmen zu reagieren. Unternehmen können nicht alle Wasserrisiken alleine beseitigen, die sie mit anderen Nutzern in einem Flussgebiet oder mit anderen Unternehmen in der Wertschöpfungskette teilen. Im Fokus der Water Stewardship-Maßnahmen stehen daher gemeinsame Aktivitäten mit anderen Wassernutzern, Behörden und der Zivilgesellschaft in den betroffenen Flussgebieten, so die Autoren der WWF-Studie.

Eine wesentliche Ursache von Wasserrisiken ist (neben der Wasserverschmutzung) oft nicht die Verfügbarkeit und die effiziente Nutzung von Wasser, sondern die unzureichende Verwaltung und Verteilung der Wasserressourcen. Water Stewardship bietet eine Möglichkeit für Unternehmen, über Maßnahmen zur Effizienz hinaus aktiv zu einem verantwortungsvollen und nachhaltigen Management von Süßwasserressourcen im Flussgebiet beizutragen.

Unternehmen, die dadurch ihre Wasserrisiken verringern, werden von Wettbewerbsvorteilen profitieren können. Sie stabilisieren ihre Produktionsvolumina und -qualität und investieren mit ihrem Engagement in langfristige Kundenbeziehungen und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihren Partnern.

Darüber hinaus steigen auch die Erwartungen an Regierungen und Unternehmen, nachhaltige Wassermanagementstrategien zu entwickeln und Wasservorkommen gerecht aufzuteilen. Dass Wirtschaft, Regierung und Zivilbevölkerung Hand in Hand an nachhaltigen Lösungen arbeiten, ist dabei unerlässlich.

Nach Ansicht des WWF ist es jetzt an der Zeit für Unternehmen, langfristige und intelligente Wasserstrategien zu entwickeln, die über kurzfristige Ertragsoptimierungen und interne Effizienzstrategien hinausgehen.
Um gute Water Stewards zu werden, sollten deutsche Unternehmen unter anderem:

  • die eigene Verantwortung erkennen und ihre Wasserrisiken und Auswirkungen analysieren;
  • das eigene Risiko minimieren und Water Stewardship-Strategien umsetzen;
  • gemeinsam mit anderen Unternehmen sektorspezifische Lösungen zur Risikominderung entwickeln und diese Lösungen in ihr unternehmerisches Handeln überführen.

Um gute Water Stewards zu werden, sollten Investoren und Kreditinstitute unter anderem:

  • Systematisch Finanzierungs- und Anlageentscheidungen auf wasserbezogene Risiken und die Wasserverträglichkeit prüfen und hierzu Standards und Richtlinien entwickeln bzw. bestehende Prozesse ergänzen, insbesondere im

    • Risikomanagement (beispielsweise für Kreditrisiken oder Marktrisiken, Risikolimits und Überführung in Kennzahlen wie beispielsweise den Value at Risk)
    • Bewertung und Analyse (beispielsweise Unternehmens- oder Kreditbewertung)
    • Prozess von Engagement und Investmentstrategie bis zum Ausschluss bestimmter Titel und Unternehmen aufgrund unzureichender Mitigation solcher Risiken;

  • Transparenz und Offenlegung des Wasserrisikos bzw. der Wasserverträglichkeit für Kunden oder Projekte aktiv einfordern und Transparenz über die Wasserverträglichkeit eigener Portfolios im eigenen Reporting herstellen;
  • Sektorspezifische Strategien zur nachhaltigen Reduzierung von Wasserrisiken verstehen und ggf. entwickeln, um mit risikobehafteten Kunden und/oder Investitionen in den Dialog treten zu können.

Einige Wasserfakten global:

  • 2,7 Mrd. Menschen leben derzeit in Wassereinzugsgebieten mit massiver Wasserknappheit während mindestens eines Monats im Jahr;
  • 783 Mio. Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser.
  • 50 Prozent der um 1900 noch weltweit existierenden Feuchtgebiete wurden im 20. Jahrhundert zerstört. Europas Feuchtgebiete gingen in diesem Zeitraum um 60 Prozent zurück.
  • Der weltweite Wasserbedarf wird zwischen 2000 und 2050 um 55 Prozent steigen, vor allem in den Bereichen Produktion (+400 Prozent), Elektrizität (+140 Prozent) und Hausgebrauch (+130 Prozent).
  • Ein hoher Wasserverbrauch wird das Austrocknen von Fließgewässern in Süd-, West- und Zentraleuropa um 10 – 30 Prozent verstärken, in geringerem Umfang auch im Vereinigten Königreich.
  • Der Zustand der weltweiten Süßwasserökosysteme verschlechterte sich zwischen 1970 und 2008 um 37 Prozent – stärker als der aller anderen Ökosysteme.
  • Weltweit ist der gesamte Süßwasserbedarf zwischen 1987 und 2000 um rund 1 Prozent pro Jahr gestiegen – ein sich vermutlich fortsetzender Trend.
  • Die Grundwasservorräte sinken. Geschätzte 20 Prozent der weltweiten Grundwasservorkommen
  • werden übernutzt.
  • Untersuchungen zeigen, dass je investierte 0,79 Euro in Wasserinfrastruktur langfristig einen umfassenden wirtschaftlichen Nutzen von knapp 3,94 Euro bringen.
  • Pro 7 Prozent Bevölkerungswachstum und jedem weiteren Grad Celsius weltweitem Temperaturanstieg sinken die erneuerbaren Wasserressourcen um mindestens 20 Prozent.


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